Grand Prix-Marathon: Warme Gedanken gegen eisige Kälte

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Gabriele Pochhammer in Herning (© st-georg.de)

Es ist frisch in Herning bei der Weltmeisterschaft. Da musste St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer erstmal die Kopfbedeckung austauschen.

Es mag ja sein Gutes haben, dass die Erderwärmung Dänemark noch nicht erreicht hat, aber dass wir nun die dicken Steppjacken und Wollmützen herausholen müssen, um in Herning den Dressurreitern zuzuschauen, das hätten wir vor einer Woche keinem geglaubt. Da schwitzten viele von uns noch bei 30 Grad plus. Hier auf dem Messegelände in der Stadt in Midtjylland weht ein frisches Lüftchen, zuweilen von kühlem, nein ziemlich kaltem Regen begleitet. Die Aussteller freuen sich über die Nachfrage nach Mützen und Schals, auch ich habe den Strohhut beiseite gelegt, die Saison ist vorbei.

Alles hier ist groß und weitläufig, das Pressezentrum riesig, ungefähr zehnmal so groß wie bei den Olympischen  Spielen in Tokio im vergangenen Jahr. Corona-Abstand zu halten ist kein Problem, wobei viele von uns Journalisten die Seuche ja schon überstanden haben. Wer es nicht vom Weltcupfinale in Leipzig mitgebracht hat, der war spätestens nach Aachen reif.

93 Dressurpferde, 19 Mannschaften – jeden Ritt aufmerksam zu verfolgen, ist schon hard core. Prinzessin Benedikte zu Sayn-Wittgenstein, die Schwester der dänischen Königin und Schirmherrin der Veranstaltung,  betrat erst kurz vor dem Ritt der ersten dänischen Reiterin, Nana Merrald-Rasmussen, die Ehrentribüne, wie immer sehr elegant in einem roten Mantel und einem hellen Kleid darunter. Nach dem Ritt verließ sie  mitsamt Gefolge wieder das offene Stadion und zog sich vermutlich  ins kuschelige VIP-Quartier zurück.

Auf der Pressetribüne haben wir uns in der obersten Reihe niedergelassen,  hier hat man alles wunderbar im Blick. Vier Reihen vor uns prangten die Schilder der ARD schon auf den Tischen. Schade, dass die Kollegen vom Fernsehen noch nicht da sind und erst Mittwoch erwartet werden. Bis dahin müssen sie sich offenbar mit Archivmaterial, Skype-Interviews und ein paar Handyschnipseln aus dem Stall, gefilmt von wem auch immer, behelfen. Ich nehme an, dem TV-Zuschauer in Deutschland fällt es kaum auf.

Für die Deutschen hätte der Auftakt kaum besser sein können, Franziskus mit Ingrid Klimke gab den Musterknaben, persönliche Bestleistung im Grand Prix.  Ingrid weiß auch warum. „Franz genießt die ungeteilte Aufmerksamkeit von Carmen (der Pflegerin).“  Und das Gefühl, ganz im Mittelpunkt zu stehen, zu grasen, solange es ihm beliebt und den Blick in die Ferne schweifen zu lassen. Einmal Pascha, immer Pascha. Franziskus, der ja auch anders kann wie man weiß, ist jedenfalls bestens drauf und ganz bei seiner Reiterin. Noch besser lief es für Benjamin Werndl, Platz zwei nach einer sehr sauberen, höhepunkt-reichen Vorstellung. Schwester Jessie hatte schon  fernmündlich kommentiert: „affentittengeil!“

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Nie sind so viele Reiter am Start wie bei einer Weltmeisterschaft. Denn anders als bei Olympischen Spielen ist die Zahl nicht streng begrenzt, sondern alle Nationen, die Reiter mit den entsprechenden Vorleistungen haben, sind willkommen und die FEI freut sich über jedes Fähnchen, das sie in den Wind hängen kann. Alle haben die Chance, sich hier für die Olympischen Spiele in Paris 2024 zu qualifizieren.

Dieses Ziel hat auch der 22-jährige Inder Anush Argawalla im Blick, mit seinen 66,832 Prozent ist er auf dem besten Weg. Die endgültigen Mindestanforderungen werden erst im November bekannt gegeben. „Ich bin der jüngste Reiter  in der Dressur und der erste, der für Indien startet“ erzählt er stolz. Mit 17 Jahren kam Anush aus  Kalkutta zu Hubertus Schmidt ins ostwestfälische Borcheln-Etteln. Der nahm den Jüngling, der bis dahin nur freizeitmäßig  auf Ponys gesessen hatte, erstmal an die Longe, um ihm die Grundlagen des Reitersitzes beizubringen. Anush lernte schnell, machte nebenbei seinen indischen Schulabschluss per Homeschooling, büffelte soviel Deutsch, dass er jetzt in Paderborn Betriebswirtschaft studieren kann. Nebenbei reitet er seine drei Pferde und gerne noch ein paar mehr, wenn er darf. Sein Pferd, der gangstarke 15-jährige Oldenburger Sir Donnerhall-Sohn Caramello, wurde von der US-Reiterin Ashely Holzer in den internationalen Sport gebracht. Entdeckt hatte ihn Kathrin Burger, später wurden die Talentscouts der PSI-Auktion auf den Fuchs aufmerksam.

Der Anfang sei schwierig gewesen, sagt Anush, er habe mit Caramello viele Tiefschläge erlebt. „Aber auch meine größten Erfolge. Jetzt nehme ich ihn, wie er ist.“ Er sei ein sehr besonderes Pferd, unsäglich verfressen. Besonders gerne mag er Himbeeren. „Also ein ziemlich kostspieliges Pferd.“ Himbeeren sind schließlich nicht billig, aber die  Befürchtung, dass Familie Agarwalla jetzt den Gürtel enger schnallen muss, braucht man, glaube ich, nicht zu haben.