Moment Mal! Gedanken zu Ostwind & Co.

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Moment mal! Die Kolumne von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© Foto Bugtrup/Montage: www.st-georg.de)

Pferde im Film – eine schwieriges Thema, findet St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer. Zumindest, wenn es um die Darstellung des Reitsports in fiktionalen Formaten geht. Über Ostwind, Reiterhof Wildenstein und eine pauschale Verurteilung.

Es war bei der Tagung der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) in Hamburg, beim gemütlichen Abend. An unserem Tisch saß ein älterer Oldenburger Züchter, der erzählte von seiner pferdebegeisterten Enkelin. Der Großvater-Stolz war unverkennbar. Aber neulich, da sei ihm fast das Herz stehen geblieben, als er sah, wie die Zehnjährige sich auf eines der Jungpferde im Paddock geschwungen und offensichtlich viel Spaß hatte. Wie gefährlich das war, konnte sie nicht abschätzen. Und viele von uns, sofern sie Gelegenheit dazu hatten, haben als Kinder ja auch mal solche Aktionen unternommen.

Als der Großvater das Kind ansprach, sagte sie: „Das machen die bei Ostwind auch so.“  Ostwind? Der alte Herr verstand nur Bahnhof. Also ich habe mich kundig gemacht, das sind inzwischen verfilmte Bücher, in denen ein Pferd namens Ostwind gemeinsam mit seiner Reiterin aufregende Sachen erlebt. Auf dieser Welle, offenbar die Zielgruppe der pferdebegeisterten Mädchen im Auge, schwimmen die Unterhaltungsmedien zur Zeit gerne, bis hin zum Abendprogramm in den öffentlich-rechtlichen Sendern. Und natürlich, wir sind ja nicht in der Sesamstraße, garniert mit allerlei Geschichtchen um Liebe, Triebe, Herz und Schmerz.

Eigentlich sollten wir uns darüber freuen, dass Pferde so zu Film- und Fernsehstars werden, mag die Story auch noch so seicht sein.  Wenn die Tendenz nicht so ärgerlich wäre: Oft sind die Turnierreiter oder Pferdetrainer die Bösen, die nichts anderes im Sinn haben, als aus Geltungssucht oder Geldgier ihre Pferde zu malträtieren, immer kommt die Rettung von einem ach so sensiblen weiblichen Geschöpf, dass dem Pferd etwa ins Ohr flüstert, worauf es alles Schlimme, das es erdulden musste, vergisst und piaffiert, dass einem die Tränen kommen. Wäre es doch so einfach, höre ich den einen oder anderen seufzen.

Spitzensport à la ARD

In den letzten Woche habe ich mir den ARD-Zweiteiler „Reiterhof Wildenstein“ angetan. Darin geht es wie so oft um einen Fast-Pleitehof, den die hübsche Hauptdarstellerin retten muss. In ihre wilde Locken hat sich ein halbes Bund Stroh verfangen. Das kommt vom Kuscheln mit Pferdestar Jacomo, einem braven Braunen, der uns als eigenwilliger aber genialer Hengst verkauft wird. Natürlich hat die Bank hohe Summen auf ihn verliehen.  Er soll durch seine in Aussicht stehenden Preisgelder den Hof vor dem Bankrott retten. Zu diesem Zweck peitscht ihn sein Trainer sinnlos durch die Halle, die Kandarenzügel liegen lose auf dem ansonst nackten Pferd. Die Hallentür steht sperrangelweit auf. Als sich die Heldin, frisch aus den USA zurück und mit Pferdeflüsterer-Wissen angereichert, darüber beim Chef, ihrem Bruder, beklagt, kriegt sie zu hören, sie solle sich nicht so anstellen. „Spitzensport funktioniert  nun mal so.“

Die Heldin übernimmt  Jacomos Training, Kandare weg, Knotenhalfter her und schon geht’s zum Turnier. Es soll sich wohl um Dressur handeln, gefragt sich unter anderem Einerwechsel.  Die Großaufnahme zeigt die Reiterin und Jacomo mit seinem Knotenhalfter, die Totale zeigt ein toll gehendes Pferd weit weg auf dem Viereck – gezäumt auf Kandare. Das Double hatte es wohl nicht so mit dem Knotenhalfter. Dafür ist Jacomo sein linker weißer Hinterfuß abhanden gekommen, in der nächsten Nahaufnahme, nur die Beine, hat der dafür derer zwei. Man muss die TV-Zuschauer schon für sehr dämlich halten, selber sehr ignorant, schlampig oder inkompetent sein, oder alles zusammen, um so einen Blödsinn in den Äther zu schicken.

Rundumschlag & Risiko

Hier wird pauschal ein  ganzer Sport diffamiert. Die vielen Reiter, die ihn mit Hingabe ausüben und ihr Pferd mindestens so lieben wie die Westernbraut in der ARD-Schmonzette, werden beleidigt. Gegen Missetäter in den eigenen Reihen ist niemand gefeit, sie zur Rechenschaft zu ziehen ist eine Aufgabe aller Reiter. Und natürlich stellt man sich die Frage, ob das immer mit der nötigen Zivilcourage geschieht oder ob durch Wegschauen erst solche Stories Nahrung bekommen.

Aber dieser Rundumschlag, der die meisten Reiter pauschal in die Tierquäler-Ecke stellt, ist noch nicht mal das Schlimmste. Schlimm ist es, wenn in populäre Büchern und Filmen gefährliche Spielchen gespielt werden: Ohne passende Zäumung ins Gelände zu gehen, ist gefährlich, weil die Kontrolle auch beim bravsten Vierbeiner in kritischen Situationen verloren gehen kann. Reiten ohne Sicherheitshelm ist einfach nur leichtsinnig. Wer Kindern und jungen Leuten das als chic und trendy suggeriert, bringt sie in Lebensgefahr. Reiten ist ein Risikosport, Unfälle passieren immer wieder, wie in anderen Sportarten auch. Aber das Risiko lässt sich minimieren, durch vernünftige Ausrüstung und eine gute Ausbildung. Nicht durch Filme,  mit denen man Reiter und die, die es gerne wären, für dumm verkauft. Und die auch noch von unseren Gebühren finanziert werden.


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  1. Julia K.

    Liebe Frau Pochhammmer, sie sprechen mir aus der Seele!
    Die Ostwind Filme kenne ich dank meiner Töchter alle und mir gefällt der Grundtenor dieser Filme einfach nicht. Ostwind wurde gequält und Mika kann es allen im ersten Film zeigen, weil sie eine Dressur mit Halsring reitet ( da hat sich die ARD / Degeto wohl an der Ostwind Reihe orientiert). Ohne da irgendjemanden zu diffamieren musste ich einfach feststellen, dass die dort gezeigten Lektionen ganz und gar nicht den Anforderungen einer „normalen“ Dressuraufgabe nach FN- Richtlinien entsprechen.
    Regelrecht wütend werde ich, wenn bei Bibi und Tina oder der neuen Immenhof- Verfilmung die Mädels mit wallenden Haaren ohne Kappe durch die Landschaft galoppieren. Wie sollen wir denn unseren Kindern erklären, dass im Film keine Kappe benötigt wird, aber in der Realität schon? Bei den alten Immenhof- Filmen können wir Eltern wenigstens sagen, dass es früher einfach nicht so gute Kappen gab.
    Es ist sehr schade, dass es keinen aktuellen Film mit Pferden gibt, in denen ganz selbstverständlich und nebenbei gutes und pferdegerechtes Reiten gezeigt wird. Wie sollen die ganzen Reitschulen ihren Reitschülern beibringen, dass Pferde, so süß und lieb sie auch sein mögen, immer noch deutlich stärker sind als wir und einfach gewisse Regeln zur Sicherheit einzuhalten sind?

  2. Dr. Judith Keidel

    Es ist die Abenteuerlust und die Begeisterung für die Natur, die Menschen zum Pferd bringt. Horden von Kindern und Jugendlichen haben vor Jahrzehnten mit dem Reiten angefangen, weil sie von Karl May und Immenhof geträumt haben. Wie kleinlich ist unsere Haltung seit dem geworden, dass wir darüber diskutieren ob sich eine Lektion mit einem Halsring reiten lässt oder nicht. Nur die wenigsten Reitschulen schaffen es noch, die ursprüngliche Begeisterung zu kultivieren, ohne sie kaputt zu machen. Die meisten Unfälle im Gelände passieren meiner Erfahrung nach durch fehlende Routine, sowohl von Pferd als auch von Reiter. Fördert das gemeinsame Naturerlebnis mit Pferden und gebt den Jugendlichen die notwendige Ausbildung, mit kritischen Situationen klarzukommen. Das fördert die Charakterbildung. Ob ich eine Piaffe reiten kann oder nicht (mit welcher Zäumung auch immer) ist fürs Leben dagegen irrelevant.

  3. K.bremer

    Ich kann Frau Pochhammer nur recht geben. Durch meine Tochter bedingt habe ich alle Ostwind Filme gesehen. Sie zeigen zickige Turnierreiterinnen, einen Sport der Reichen, auf der anderen Seite die Knoten Halfter Fraktion, bei der alles toll ist (Reiterinnen ohne Helm!!!). Die Filme verführen meines Erachtens zu einem falschen Verhalten. Das Pferd als Fluchttier mit in der Regel circa 600 Kilo stellt immer auch ein Gefahrenpotenzial da, welches nur durch diszipliniertes Verhalten und das Einhalten lang erprobter Regeln in den Griff zu bekommen ist. Dies wiederum wird hier nicht dargestellt. Danke, dass sie das so deutlich dargelegt haben. P.s. Ich benutze selbst auch ein Knotenhalfter, habe überhaupt nichts gegen vernünftige Bodenarbeit.

  4. Quergedacht ...

    Lassen Sie doch den Kindern einfach ihre Träume von einer besseren „Pferde“welt. Die Realität holt sie schon früh genug ein.

  5. eveleonidas

    Das Problem ist, wenn die Kinder auf der Weide beim Versuch sich ohne alles auf fremde Pferde zu schwingen, von der Realität eingeholt werden. Das kann für die Kinder eine harte lebenslange Realität bedeuten. Und auch als Pferdhalter ist das mehr als problematisch.
    Eine solche Sitution war ja Ausgangspunkt des Artikels.


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