Moment mal! Pferde tun einfach gut

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Moment mal! Die Kolumne von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© Foto Bugtrup/Montage: www.st-georg.de)

Mit pferdegestütztem Training für Menschen mit Behinderung, in das auch Mütter, Väter und Geschwister mit einbezogen werden, will Anuschka Bayer, selbst Mutter eines mehrfach gelähmten Sohnes, dazu beitragen, das Schlagwort von der Integration mit Leben zu füllen. Sie gründete die Initiative Horses for Heroes, die den behinderten Jugendlichen den Kontakt zum Pferd und ihren Familien eine Auszeit vom stressigen Alltag ermöglicht. Dafür gab es jetzt auch royalen Beifall aus England.

In Herning bei den Weltmeisterschaften konnten alle sehen, was Pferde zu leisten vermögen, wie sie springen, piaffieren, ihren Rücken für akrobatische Turnübungen hinhalten. Unverdrossen, leistungsbereit und oft von anrührender Gutartigkeit und Geduld. Nirgendwo wurde das so augenfällig, wie bei den Paradressur-Reitern, die selber, jeder ein Held im Sattel, zeigten, was sie trotz körperlicher Einschränkungen zu leisten vermögen. Und was Pferde, haben sie einmal Vertrauen zum Menschen gefasst, bereit sind zu geben. Wie sie versuchen, die Hilfen zu lesen und zu tun, was von ihnen erwartet wird. Dabei waren diese schönen gangstarken Pferde in Herning beileibe keine Schlaftabletten, sondern forderten ihre Reiter, ihrerseits ihr Bestes zu geben.

„Pferde können Seelen heilen“

Pferde sind Freunde, Sportpartner und Heilpädagogen, nicht nur für Menschen, die sich ambitioniert dem Wettkampf stellen. Auch für Menschen, deren schwere Behinderungen keine Erlebnisse im Sattel gestatten, kann die Begegnung mit dem Pferd die Welt verändern. „Pferde können Seelen heilen“, sagt Anuschka Bayer. Ihr heute 20-jähriger Sohn Clemens kam mit schweren Lähmungserscheinungen zur Welt, nach seiner Geburt musste er ein halbes Jahr in die Klinik. Er sitzt im Rollstuhl und bis heute hat noch kein Arzt die Krankheit wirklich diagnostizieren können. Weil Anuschka aus einer pferdebegeisterten Familie kommt – ihr Großvater hat den Grand Prix-erfolgreichen Ramiro-Sohn Rio Negro gezogen – selbst Vielseitigkeit reitet, DOSB-zertifizierte Trainerin mit einer Coaching-Ausbildung ist, lag es nahe, Clemens den Weg zum Pferd zu öffnen. „Schon als er sechs Monate alt war, habe ich ihn aufs Pferd gelegt“, sagt sie. Der Kontakt mit dem warmen Pferdekörper schien Clemens gut zu tun. Er konnte sich allmählich entspannen und vor der Mutter auf dem Pferderücken sogar Ausritte unternehmen. „Das war ein sehr inniges Gefühl“, sagt Anuschka Bayer.

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Der Umgang mit Pferden tut Anuschka Bayers Sohn Clemens einfach gut. (© privat)

Als alleinerziehende Mutter mit einem schwerstbehinderten Kind stand sie täglich vor riesigen Herausforderungen. Durch Clemens lernte sie viele Menschen mit ähnlichen Schicksalen und Erfahrungen kennen. Anuschka beschloss, ein Netzwerk aufzubauen, eine Gemeinschaft all jener die mit den gleichen Problemen zu kämpfen haben wie sie. Sie gründete die Initiative „Horses for Heroes“, durch die schwerbehinderten Menschen der Kontakt zum Pferd ermöglicht werden soll. Dabei geht es anders als beim therapeutischen Reiten nicht nur ums Reiten. „Es geht auch um das Betüddeln und kleinere Aufgaben. Erst wird das Pferd geputzt, dann geführt. Das alles macht die Familie zusammen.“ Gerade auch die Eltern und Geschwister einzubeziehen hält Anuschka Bayer für sehr wichtig. Die Zeit bei ihr soll auch Erholung für alle vom stressigen Alltag sein. „Die Familien kommen auf andere Gedanken, können den Moment genießen. Eine Mutter sagte zu mir, ‚Das ist wie ein Tag am Meer‘“.

Ehemalige Rennpferde als Therapiepferde

Für ihre Coachings bildet Anuschka Bayer ehemalige Rennpferde, also Vollblüter, selbst aus. Pferde, die auf der Rennbahn nicht schnell genug waren, aber hoch sensibel, menschenfreundlich und intelligent sind. Sie bietet keine festen Zeiten an, sondern eine „offene“ Zeit nach Vereinbarung. „Der Alltag der Kinder ist durch die Therapien meist schon ganz genau durchgetaktet. Bei mir sollen die Familien durchatmen können.“ Termine können durch ein Kontaktformular auf Bayers Website www.horsesforheroes.de vereinbart werden, entweder kommen dann die Familien zu Anuschka Bayer in einen ihrer Stützpunkte Bielefeld oder Flensburg oder, falls das aufgrund zu langer Wege nicht möglich ist, organisiert sie Treffen bei befreundeten Therapeuten, die dann auch über entsprechend ausgebildete Pferde verfügen. Sie sieht Horses for Heroes als Teil der Integration von behinderten Menschen in die Mitte unserer Gesellschaft.

Um ihr Projekt möglichst breit bekannt zu machen, wandte sich ihr Blick nach Großbritannien, wo man nach Anuschka Bayers Ansicht in der Integration von Menschen mit Behinderung sehr viel weiter ist als bei uns. Prinzessin Anne ist seit 1985 Schirmherrin der Dachorganisation Riding for the Disabled Association (RDA), zugleich Hausherrin des Vielseitigkeitsturniers „Festival of British Eventing“, organisiert von ihrem Sohn Peter Phillips auf Gatcombe, dem Wohnsitz der Princess Royal.

Bayers Wunsch, dort einen Pokal im Namen des Projekts Horses for Heroes zu zu stiften, wurde gerne entsprochen. Anuschka Bayer durfte auf dem Turnier die Initiative vorstellen und ihren Preis für den besten ausländischen Reiter an den Australier Tim Price überreichen, zusammen mit Prinzessin Anne und ihrem Sohn – ein großer Moment für Anuschka und Clemens. Und noch einen Erfolg kann sie für sich verbuchen: Horses for Heroes erhielt ein viermonatiges Stipendium der Deutschen Stiftung für Engagement und Ehrenamt, die unter dem Label „startsocial“ soziale Initiativen mit einer viermonatigen kostenlosen Beratung durch zwei erfahrene Führungskräfte fördert und dadurch Wege zur Verwirklichung des jeweiligen sozialen Projekts aufzeigt. Das Ziel kennt Anuschka Bayer bereits: Die Integration von behinderten Menschen in unserer Gesellschaft voran zu bringen und das mit Hilfe des besten Therapeuten, den man sich vorstellen kann, des Pferdes.

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Anuschka Bayer mit Sohn Clemens und VS-Reiter Tim Price (NZL). (© privat)