Reisen in Zeiten des Brexit

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Moment mal! Die Kolumne von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© Foto Bugtrup/Montage: www.st-georg.de)

Leere Regale in britischen Supermärkten, weil frisches Obst und Gemüse aus der EU nicht ausreichend ins Vereinigte Königreich kommt – das ist nur eine Konsequenz des Austritts der Briten aus der Europäischen Union. Auch in Sachen Pferdetransport hakt es. St.GEORG-Herausgeberin Gabriele Pochhammer über Grenzen, Amtstierärzte und digitale Ausweise für EU-PFerde.

Es ist schon ein paar Jahre her, dass ich in unregelmäßigen Abständen Pferde von Deutschland nach Frankreich brachte und zurück, nicht im Riesen-LKW, sondern ganz normal mit Auto und Anhänger. Das Prozedere war immer dasselbe, vor der Reise gab es eine Menge Bürokratie, unter anderem musste für die Pferde ein so genannter Coggins-Test beigebracht werden. Die Geduldsprobe war dann an zwei Grenzen fällig, an der deutsch-belgischen und der belgisch-französischen. Man wartete auf den Amtstierarzt, der sich in der Regel viel Zeit ließ, bevor er auf den Parkplatz rollte, kurz durch die Hängerplane lugte und seinen Stempel aufs Papier drückte. Das war die bessere Variante.

Die andere: Er schaute sich das Pferd genau an, stellte fest, dass z. B. auf dem Abstammungsnachweis der Schimmelstute als Farbe „braun“ stand, mit dem kleinen Zusatz „k. Schi. w.“ (kann Schimmel werden) konnte er nichts anfangen und die weißen Abzeichen, die beim braunen Fohlen noch zu sehen waren, waren natürlich auch verschwunden. Dann begann eine zeitraubende Überzeugungsarbeit, dass hier kein illegaler Pferdetausch vorgenommen wurde, bevor der Vet. dann doch irgendwann sein O.K. gab. Alles Geschichte, seitdem in der Europäischen Union auch Pferde, ausgestattet mit dem roten Pass, freie Fahrt über die EU-Grenzen haben.

Dass solche Zeiten nochmal wiederkommen, hätte sich niemand albträumen lassen. Doch mit dem Brexit ist auch der bürokratische Marathon zurück, zumindest an den Grenzen von Großbritannien nach Kontinentaleuropa.

„Alles ist sehr bürokratisch geworden, sehr kompliziert“, sagt Martin Atock, Managing Direktor des Internationalen Pferdetransportunternehmens Peden, das seit vielen Jahren Pferde aus aller Welt zu Großereignissen wie Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften fliegt und fährt.

Das Abkommen zwischen Großbritannien und der EU, das am 24. Dezember 2020 verkündet wurde, musste durch den Zeitdruck, der auf beiden Parteien lastete, mehr oder weniger mit heißer Nadel gestrickt werden. Viele Details – und dazu gehört auch der Transport von Pferden – wurden nicht genau festgelegt. „Bis zur endgültigen Regelung kann es noch dauern“, so Atock. „Man arbeitet dran. Es wird auf allen Ebenen verhandelt.“ Die International Sport Horse Federation (ISHF) hat im Mai eine „Taskforce for Brexit and EU Animal Health“ ins Leben gerufen, die sich mit allen Problemen rund um  den Pferdetransport nach dem Brexit ab 2021 befasst. Ihr gehören Vertreter der Internationalen Reiterlichen Vereinigung (FEI), aber auch der Rennsportverbände an. Gerade für die Vollblutzucht sind komplikationslose Grenzübergänge wichtig, da es hier noch keine künstliche Besamung gibt und Stuten mit jungen Fohlen oder kurz vor der Abfohlung für die Neubedeckung um die halbe Welt geflogen werden.

Geleitet wird die Task Force vom FEI-Cheftierarzt, dem Schweden Dr. Göran Akerström. „Dies zeigt eine nie dagewesene Solidarität der Pferde-Industrie in Europa“, so Akerström. Er beziffert die im Pferdesektor erwirtschafteten Einkommen auf 50 Milliarden Euro jährlich, die damit verbundenen Arbeitsplätze auf mehr als 500.000, die durch Stolpersteine an den Grenzen auf einmal gefährdet sind. Angedacht ist ein digitaler Pferdepass, der den bisherigen ergänzen und auf Dauer ersetzen könnte, der alle Angaben über das Pferd, seinen Gesundheitsstatus, Impfungen, seine Reisen und die Besitzverhältnisse enthält. Auf diese Weise, so die Hoffnung, können Seuchen früher erkannt und entsprechende Maßnahmen ergriffen werden. Der EHV1-Ausbruch in Valencia zeigt, das Bedarf dafür bestünde.

Aber so schnell, nämlich schon von diesem Jahr an, wird das wohl nicht gehen. Das befürchtet auch Martin Atock. „Es müssen ja alle EU-Staaten und Großbritannien zustimmen. Wenn das Abkommen weltweite Geltung haben soll, mindestens auch USA und Kanada, die anderen Länder können dann überlegen, ob sie sich anschließen. Und so was geht nicht von heute auf morgen.“ Klingt eher nach Langstreckenlauf durch die Bürokratie. Die Pandemie macht die Verhandlungen nicht leichter. „Früher konnte man manches bei einem persönlichen Gespräch in der Bar oder beim gemeinsamen Frühstück klären, auch das geht im Moment nicht.“

Bis dahin wird Großbritannien wie ein Drittland behandelt, wie Australien, Neuseeland und Brasilien. Besonders betroffen sind die Iren, die, wollen sie mit ihren Pferden auf den Kontinent gelangen, Großbritannien durchqueren und damit zwei Grenzen  passieren müssen.

Der britische Springreiter William Funnell beklagte sich in der britischen Pferdezeitschrift Horse and Hound bitterlich über die Folgen des Brexits für ihn und seine Kollegen. Jedem Turnierstart auf dem Kontinent gehe jetzt ein Wust von Papierkram voraus. Noch schlimmer: Die LKW benötigen eine neue Erlaubnis, Pferde auf dem Kontinent zu transportieren, dazu muss das Geschütz zunächst einmal ohne Pferde in die EU gebracht werden, umgekehrt ist es genauso. Die bisherigen Lizenzen sind ungültig geworden. Alles in allem koste ihn pro Pferd jede Reise über den Ärmelkanal 300 Pfund, etwa 350 Euro, mehr als bisher. „Ich muss viele Springen gewinnen, um das alles zu bezahlen“, sagt Funnell. Er gibt zu, dass er für den Brexit gestimmt hat. „Hätte ich vorher gewusst, was das für ein Zirkus wird, hätte ich es mir zweimal überlegt.“ Hätte, hätte, Fahrradkette. Und trotzdem, die Schadenfreude bleibt einem irgendwie im Halse stecken.


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