Vorbereitungen in Tryon: „Alles ist eine riesige Baustelle“

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Moment mal! Die Kolumne von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© Foto Bugtrup/Montage: www.st-georg.de)

Nur noch wenige Tage, dann beginnen im US-amerikanischen Tryon (North Carolina) die Weltreiterspiele 2018. Wie es dort mit den Vorbereitungen läuft? Gabriele Pochhammer hat mit Martin Plewa gesprochen, der als Technischer Delegierter in der Vielseitigkeit vor Ort sein wird.

Tatarenmeldungen vor großen Reitsportereignissen kennen wir ja. Oft ist es die angeblich unerträgliche Hitze, die Reiter und Pferde bedroht, aber am Ende doch nicht so schlimm war oder mit Riesenventilatoren bekämpft werden konnte. Vor Rio war es ein gefährlicher Virus, und die Aufforderung, sich unbedingt vor der Reise gegen alle Seuchen dieser Welt impfen zulassen. Jetzt, zwei Wochen vor Beginn der Weltreiterspiele in Tryon im US-Bundesstaat North Carolina, entpuppt sich der idyllische Schauplatz in the Middle of Nowhere anscheinend doch als Ort der begrenzten Möglichkeiten.

Nix mit „ballroom“

Es sollte kein öffentliches Geld ausgegeben werden, alles privat finanziert auf privatem Grund und Boden. Ehrgeizige Baupläne, unter anderem von zwei Luxushotels für die Sportler und ihre Entourage, begleiteten die Vorbereitungen. Als ich im Herbst 2017 eingeladen wurde, mit anderen Journalisten aus aller Welt die Vorbereitungen anzuschauen, da zeigte der Chef des ganzen Unternehmens WEG Tryon, Marc Bellissimo, noch auf ein lehmrotes Terrain, auf dem sich riesige Baumaschinen abmühten, und erklärte voller Optimismus: „And this will be the ballroom!“ Nun, hier wird noch lange nicht getanzt werden, die Hotels stehen noch nicht mal im Rohbau, geschweigedenn dazu gehörige Ballsäle. Ersatzweise wurden Wohnwagen herangeschafft, Teilnehmer und alle, die dazugehören, wurden in zum Teil 40 Fahrminuten entfernte Hotels umdirigiert. Es sei denn, es ist ihnen gelungen, eines der kleinen Holzhäuschen auf dem Turniergelände zu ergattern, die zu Preisen für bis zu 16.000 Dollar die Woche angeboten werden. Die deutsche FN lehnte es ab, solche Wucherpreise zu berappen, zu Recht. Das hätte sie zuhause ihren Mitgliedern schlecht vermitteln können.

Jetzt werden Reiter, Fahrer und Voltigierer in drei Hotels in ganz verschiedenen Orten untergebracht. Das große Wir-Gefühl der deutschen Mannschaft, dass es durchaus schon gegeben hat, etwa 2010 in Kentucky, wird wohl im wahrsten Sinne des Wortes auf der Strecke bleiben. Da ist es schon ein Riesenglück, dass 1500 feste Boxen seit langem fertig sind und schon für die laufenden Turniere genutzt werden. Wenigstens den Pferden wird es gut gehen, das ist ja schon mal die Hauptsache.

Martin Plewas Bericht

Martin Plewa, eingeteilt als Technischer Delegierter (TD) für die Vielseitigkeit, der im Auftrag der FEI in der vergangenen Woche die Lage vor Ort zum „Final Checkup“ inspizierte, war erschrocken: „Viele Gebäude sind noch im Rohbau, die Zufahrtstraßen bei weitem noch nicht fertig. Alles ist eine riesige Baustelle. Denen fehlen Monate“, so Martin Plewa. Das betrifft das Gebäude, in dem Medien und VIPs untergebracht werden sollen, aber auch das „Scheich-Building“.

Ja, Sie haben richtig gelesen, die Scheichs werden nicht, wie man es ja bereits von anderen Weltmeisterschaften gewöhnt ist, in riesigen VIP-Zelten die Möglichkeit haben, sich vom Stress des Dauerrittes bei der „Endurance“, dem Distanzritt, in angemessenem Ambiente zu entspannen, sondern diesmal wird für die Wüstensöhne offenbar ein festes Gebäude errichtet. Auch die große Voltigierhalle und das Hauptstadion mit den Tribünen seien noch nicht fertig.

Eindrücke aus dem Gelände

Die gute Nachricht kommt aus dem Gelände: Die Strecke kann nun doch über die vorgesehenen 5700 Meter geführt werden, zu reiten in zehn Minuten. Eine Zeitlang sah es so aus, als ob sie gekürzt werden müsste, weil der Boden an einigen Stellen nicht fertig wurde. Dazu muss man wissen, dass mal eben ein Hügel versetzt wurde, um die besten Linie zu finden, wodurch Teile der Strecke neu eingesät werden mussten. Der Aufbauer, der Brite Mark Phillips, hatte den US-Amerikaner Derek di Grazia als „Advisor“ zur Seite, eine Maßnahme der FEI nach dem desaströsen Geländekurs der Weltreiterspiele 2002 in Jerez.

Die Strecke, unmittelbar neben dem Turniergelände angelegt, ist hügelig, erfordert also eine gute Kondition. „Anfangs ist die Steigung nur leicht, aber die letzten letzten 1900 Meter geht es nur bergauf.“ berichtet Plewa. Dort stehen dann nur noch vereinzelt Hindernisse, die meisten sind bis zum 6,5 Minuten-Punkt aufgebaut. „Anspruchsvoll, aber viele mit leichteren Alternativen, die nicht immer viel mehr Zeit kosten.“ Es werde etliche Hindernisse geben, die man so noch nie gesehen habe, verspricht Parcoursdesigner Mark Phillips.

Terminkollisionen

Die Anlage, die auf den ersten Blick so weitläufig erscheint, sei dann doch nicht ganz so üppig mit Trainingsplätzen ausgestattet, wie man erwarten könnte, berichtet Plewa. So werde die für die erste Verfassungsprüfung, Dauer etwa zweieinhalb Stunden, vorgesehene Arena wohl nicht genutzt werden können, weil die Para-Dressurreiter, die erst in der zweiten Woche ihre Wettkämpfe haben, an diesem Tag aus der Quarantäne kommen und die Arena benötigen. „Die Kommunikation funktioniert manchmal nicht richtig“, sagt Plewa. Da hat die eine Hand dann schon mal was getan, was die andere erst später erfährt. Sei’s drum, irgendwo werden sie’s schon hinkriegen, wäre doch gelacht im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Das fällt dann unter die Rubrik: Die Hoffnung stirbt zuletzt.


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