Der Pferdefrau Prinzessin Anne zum 70. Geburtstag

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Moment mal! Die Kolumne von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© Foto Bugtrup/Montage: www.st-georg.de)

Gabriele Pochhammer über Großbritanniens Prinzessin Anne, die Zeit ihres Lebens Klischees widerlegte

Eine Prinzessin auf der Erbse war sie nie. Und flirrender Charme ist auch nicht ihr Ding. The Royal Princess, wie der offizielle Titel von Prinzessin Anne, der einzigen Tochter der englischen Königin, lautet, hat andere Qualitäten: kompetent, nüchtern und sachorientiert in allen Dingen, mit denen sie sich beschäftigt. „Down to earth“, sagen die Briten. Mit beiden Beinen auf der Erde, heißt es bei uns.

Und das an sich ist schon eine Leistung, wenn man in einem goldenen Käfig namens Buckingham Palace aufwächst, ihm erfolgreich ins wirkliche Leben entfleucht und dennoch seiner Herkunft verbunden bleibt. Dass Pferde bei dieser Emanzipation eine tragende Rolle gespielt haben, darf man annehmen, denn reiten kann sie auch, besser als die meisten. Prinzessin Anne wurde vor wenigen Tagen 70 Jahre alt.

Aus dem spröden, manchmal schroffen Teenager, der gerne mal schockierte – unter anderem mit dem ersten Minirock, der in der Royal Family gesichtet wurde – ist inzwischen eines der angesehensten Mitglieder der Königsfamilie geworden. Mit nicht weniger als 506 Terminen im Jahr 2019 (das ja bekanntlich nur 365 Tage hat) ist Prinzessin Anne zudem eines der fleißigsten, eine Stütze der inzwischen 94-jährigen Queen, eine Säule der „Firma“, wie die Windsors ihr Familienunternehmen gerne nennen.

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Queen Elizabeth II. und ihre Tochter, Prinzessin Anne.

Karriere im Busch

Wer alt genug ist, erinnert sich an die ersten Bilder des lockigen kleinen Mädchens, das neben dem eher zurückhaltenden Bruder Charles in die Kameras strahlte. Schon sehr bald war auf den meisten Fotos ein Pony in der Nähe, Anne nahm es sogar mit ins Internat.

Nach der Schulzeit machte sie mit dem Wettkampfsport ernst, es zog sie von Anfang an in den Busch. Der königliche Stallmeister Sir John Millar gab ihr ein Pferd mit zum Training bei der renommierten Ausbilderin Alison Oliver, Purple Star, dessen Mutter Stella unter Bertie Hill an der olympischen Vielseitigkeit 1952 in Helsinki gestartet war.

Als Prinzessin Anne 1971 als Einzelreiterin an der Europameisterschaft in Burghley teilnahm, hatte sie erst zwei größere Prüfungen bestritten. Der Fuchs Doublet, gezogen von ihrer Mutter, sollte eigentlich Polopferd werden und machte nun seine 21-jährige Reiterin zur jüngsten Europameisterin der Vielseitigkeit.

Vier Jahre später bei der EM in Luhmühlen gewann Anne, bereits mit dem Gardedragoner Mark Phillips verheiratet, Team- und Einzelsilber auf Goodwill, einem umgeschulten Springpferd, anders als Doublet kein feiner Blüter, sondern ein energisches Pferd, das einiges Zupacken erforderte.

Auf dem Schwarzbraunen saß sie auch bei den Olympischen Spielen in Montreal 1976. An Sprung 19 stürzte sie vor den Augen ihrer Eltern und ihrer Brüder, war kurze Zeit bewusstlos und ritt die Strecke dennoch zu Ende, woran sie sich später allerdings nicht mehr erinnern konnte. Aus dem britischen Team beendeten nur sie und Richard Meade den Cross.

Neue Aufgaben

Nach der Geburt der beiden Kinder Peter und Zara beendete Prinzessin Anne ihre internationale Karriere, aber hielt den Pferden die Treue. Auf ihrem Landgut Gatcombe werden Vier-Sterne-Prüfungen ausgerichtet und hier wurde auch Tochter Zara vom Pferdevirus gepackt, der sie schließlich 2006 zur Weltmeisterin machte.

Als Königstochter stand Anne bei ihren Ritten immer im Rampenlicht, ob sie wollte oder nicht. Alle Fotografen warteten auf den spektakulären Moment, etwa in dem Her Royal Highness ins Wasser fällt. „Dann ist mein Pferd der einzige, der nicht weiß, dass ich Royal bin“, sagte sie mal.

Sie hielt den Druck aus, und am Ende machte sie die Vielseitigkeit für viele junge Mädchen attraktiv. Dass ihr kein Teamplatz geschenkt wurde und sie bei ihren Erfolgen nicht auf Millionen-Einkäufen saß wie die Jeunesse Dorée späterer Jahre, macht ihre Erfolge noch wertvoller und sympathischer.

Gut beschäftigt

300 Schirmherrschaften über die verschiedensten Organisation hat sie heute inne, viele haben mit Pferden zu tun, besonders mit Therapeutischem Reiten. Sie ist seit 1988 Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) und hat den Vorsitz im IOC Election Commitee, das über die Aufnahme neuer Mitglieder entscheidet.

Als Ehrenoberst des Kavalleriegarderegiments The Blues and Royals sieht man sie bei der Geburtstagsparade ihrer Mutter jetzt auch in Uniform hoch zu Ross durch Londons Straßen reiten. Die Idee soll bei der Queen erst hochgezogene Brauen ausgelöst haben, aber Anne setzte sich durch, mal wieder.

FEI-Präsidentin

Den größten Einfluss auf den Reitsport hatte sie als Präsidentin der Internationalen Reiterlichen Vereinigung (FEI) von 1986 bis 1994, als Nachfolgerin ihres Vaters Prinz Philipp, der sie geschickt dorthin lanciert hatte. Sie war die einzige Kandidatin, die erste Frau und bei den Generalversammlungen war mit den spätabendlichen alkohol-getränkten Herrenrunden an der Hotelbar erstmal Schluss. Aber die soll es jetzt ja wieder geben.

Annes Führungsstil unterschied sich deutlich von ihrem Vater, der mit Humor und Schlagfertigkeit die FEI gesteuert hatte. Bei Prinzessin Anne wurde Tacheles geredet und sie konnte mit zwei knappen Sätzen einem altgedienten General die Röte ins Gesicht treiben, so dass er quasi mit dem purpurnen Teppichboden verschmolz.

Das erste Interview nach ihrer Wahl gab sie mir für den St.GEORG in einem Londoner Hotel. Zu der Zeit prägten bereits gut verdienende Profis den Sport. Sponsoren mussten gesucht und gepampert werden, es ging ums große Geld. „Als wichtigste Aufgabe betrachte ich es, in Erinnerung zu rufen, dass der Sport nicht nur aus der Spitze der Pyramide besteht. Wir müssen immer wieder aufzeigen, dass Care and Attention, die Fürsorge für das Pferd, das Allerwichtigste in unserem Sport ist.“

Das stimmte damals und das stimmt auch heute noch. Happy Birthday, Your Royal Highness!


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