Olympia Grand Prix, Gruppe B: Edward Gal hinter grandioser Cathrine Dufour

Dressage Individual Grand Prix – Olympic Games Tokyo 2020

Cathrine Dufour, DEN, Bohemian, Grand Prix Olympia 2021 (© Hipppofoto.be)

In Gruppe B wurde schon mit der ersten Bewertung klar, was die Jury sehen will: Beine in der Luft. Der Niederländer Edward Gal und die Dänin Catrine Dufour sind direkt weiter.

Cathrine Dufour hat mir ihrem Ritt, dem letzten in Gruppe B, ihren Anspruch auf eine Top 5-Platzierung bei diesen Olympischen Spielen klar gemacht. Mit dem elfjährigen Bohemian gelang ihr ein Ritt mit vielen Höhepunkten. Der Westfale kam schweißnass in die Bahn. Vielleicht hat sich die Dänin etwas in der Abreitezeit verkalkuliert. Denn bei allen Highlights, und das waren viele, hatte man den Eindruck, dass die Grand Prix-Aufgabe heute keine zwei Minuten länger hätte sein dürfen.

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Im ersten starken Trab war Dufour sichtlich bemüht den auch recht hoch eingestellten Hals des Wallachs etwas länger zu bekommen. Das gelang ihr zu 80 Prozent. Die letzten 20 Prozent kommen dann wohl noch im Grand Prix Special. Oder in der Kür.

Cathrine Dufour: Zwischenzeitlich 84 Prozent

Nach den ersten vier Lektionen lag die Beurteilung schon bei annähernd 84 Prozent. Und dann begann die große Stunde des Fuchswallachs erst so richtig zu schlagen: Die erste Passage – schön abgesetzt, genauso gleichmäßig mit federndem Abfußen wie beständig in der Silhouette. Der Bordeaux-Sohn ging mit ruhigem Schweif. Die Übergänge zwischen Piaffe und Passage? Weltklasse! Der Schritt war sicher im Takt. Der Fuchs schritt entspannt über die Diagonale, ein wenig mehr Übertritt würde auch hier die Noten noch mehr nach oben bringen.

Es gab eine ganz kleine Unsauberkeit im Abfußen in der Passage vorm Angaloppieren – aber das ist dann wohl das viel zitierte „Jammern auf ganz, ganz hohem Niveau“, wie man das so nennt.

Im Galopp rutschte die Stirnlinie immer wieder minimal hinter die Senkrechte. Aber auch hier gab es Highlights wie sichere Einerwechsel, die gut eingeteilt waren. Und anders als viele Pferde, denen die Richter in den Galopppirouetten das stemmende Hinterbein, den Verlust der Galoppsprungs durchgehen lassen, zeigten Dufour und Bohemian, wie es eigentlich aussehen soll. Eine in kleinstem Radius um das innere Hinterbein gesprungene (!) 360-Grad-Wendung. Die zweite Pirouette taugte für einen Lehrfilm. Auf der Sollseite: der eher gelaufene starke Trab des Fuchses. Aber auf der Mittellinie gen Schlussgruß mit Passagen und Piaffen gab es fast nur noch Gänsehautmomente. Lediglich auf den letzten Metern fehlte es an Konzentration und Kraft. 81,056 Prozent – verdiente Spitzenwertung nach 19 Ritten.

So sah Catrine Dufour ihren Ritt

„Ich wurde schon mal höher bewertet, mit 83 Prozent, aber ich muss sagen, dass mein Gefühl heute „amazing“ war: Er war „an“ und hörte trotzdem auf mich. Ich wollte heute eine Art Aufwärmrunde drehen, ohne Fehler , aber herausfinden, wo ich noch mehr herausholen kann. Es war wichtig für mich, dass ich ihm ein gutes Gefühl in der Arena geben kann, ich wollte ihn nicht zu sehr pushen, damit er sich wohl fühlt. Auch ohne Zuschauer  gibt es gewisse Schwingungen in der Arena, ich weiß nicht, ob es das Licht ist. Natürlich zählt auch heute schon, aber wir haben noch zwei Prüfungen und es ist besser, sich noch ein paar Kräfte aufzusparen.  Jedes Mal, wenn ich ihn etwas mehr gefordert habe, etwa in den Traversalen, sagte er „Oh yes“.

Es ist merkwürdig, ein Championat nicht mit Cassidy zu bestreiten, ja ich war traurig, weil er elf Jahre lang mit mir durch dick und dünn gegangen ist, mein Komplize, er ist in guter Form und hätte hier auch gehen können. Aber bei einem Championat in der Mannschaft musst Du etwas mehr Druck machen. Die lange Reise –  ich denke nicht, dass es für ihn gut gewesen wäre.

Bohemain hat noch viel Potential überall, er kann noch mehr bringen, es geht jetzt um Vertrauen Er kann alles, es geht jetzt darum, ans Limit zu gehen. In Bezug auf die Zukunft denke ich, er ist eines der besten Pferde der Welt. Er hat keine Schwächen, sein Schritt ist super, auch der versammelte. Er nimmt den Job an.

Die Hitze: Ich liebe die Hitze, ich sollte in Tokio leben oder Spanien, oder einem anderen warmen Land. Ich habe natürlich für die Hitze trainiert, mit dicker Kleidung. Auch mental habe ich mich auf die Hitze eingestellt. Ich habe schon auf Turnieren geritten, wo es viel heißer war. Die älteren Pferde wärmen sich bei hohen Temperaturen sogar schneller auf. Im Village ist es klimatisiert, aber wir haben hier ein Intensiv-Work Out gemacht, indem wir alle Stufen bis zum Turm heraufgelaufen sind, unser Puls war hoch, kam aber schnell wieder herunter.“

Mit Spannung erwartet und spannend bis zum Schluss: Total US

Der vielleicht mit größter Spannung erwartete Auftritt an Tag eins im Grand Prix bei den Olympischen Spielen fand gegen zwanzig vor sieben Uhr Ortszeit statt, Hauptdarsteller: der Niederländer Edward Gal und der hübsche Rappe Total US. Der Totilas-Sohn ist ein Pferd, das sich reiterlich formen lässt. Und welche Form schön ist, das ist Geschmackssache. Gal mag es spektakulär. Und damit ist er nicht allein auf diesem Erdball. Der Hannoveraner aus der Zucht von Paul Schockemöhle geht mit hoch – zu hoch – eingestelltem Hals, häufig zu eng im Ganaschenwinkel. Die natürlichen Anlagen des Pferdes sind tatsächlich faszinierend. Nicht, weil er sein Vorderbein vielleicht noch höher reißen kann als sein legendärer Erzeuger. Sondern weil auf den Linien, auf denen starker Trab gefordert wird, der Rappe es schafft, einen Huf Übertritt hinzubekommen, obwohl hinter der Rückentätigkeit ein Fragezeichen stehen muss. Ein großes!

Hipppofoto.be

Edward Gal, NED, Total US, Grand Prix Olympia 2021 (© Hipppofoto.be)

Der Hannoveraner ging häufig leicht verworfen in den Traversalen, auch im versammelten Schritt. Wie das beurteilt wurde, konnte man im Stadion in Tokio nicht sehen: Das Open Scoring, also die Darstellung der Wertnoten während des Ritts in Echtzeit, fiel bei diesem Paar aus. Gehorsam ist Total US in jedem Moment. Das gilt fürs Rückwärtsrichten genauso wie für andere Lektionen. Das Angaloppieren war nicht ohne Spannung, die 15 Einerwechsel schlecht eingeteilt. Viel zu spät begonnen, dann noch gerade kurz vorm Wechselpunkt beendet.

Beidbeinig im stemmenden Hinterbein gedreht waren mehrere Momente vor allem in der zweiten Galopppirouette. Der peitschende Schweif in der Piaffe und Passage lässt Spannung vermuten, 78,649 Prozent. Platz zwei in Gruppe B.

Edward Gal: „Im Special noch ein bisschen mehr“

„Er war wirklich gut, er ist sehr empfindlich und talentiert. Er erinnert mich sehr an seinen Vater, bis hin zu kleinen Angewohnheiten, wie an allem zu knabbern, was ihm ins Maul kommt. Wir nennen ihn deswegen auch „Schnappi“. Im Gegensatz zu seinem Vater ist er etwas scheu, ich hoffe, dass er nach dieser ersten Runde etwas an Vertrauen gewinnt, das ist etwas , was er lernen muss. Er ist ein bisschen spooky (guckig), im Special kann ich ein bisschen mehr reiten.“

Dritte wurde die Spanierin Beatriz Ferrer-Salat mit dem bauchigen Elegance v. Nero, der vor allem in den Piaffen punkten konnte (72,096).

Die Ergebnisse finden Sie hier.