Verden: Kjento Weltmeister der sechsjährigen Dressurpferde, Silber für Escamillo

WM der Dressurpferde, Dressur, junge Pferde, Weltmeisterschaft der jungen Dressurpferde, 6-jaehrige Pferde

Kraftpaket: Kjento v. Negro-Jazz, Weltmeister der sechsjährigen Dressurpferde 2021 mit Charlotte Fry. (© von Korff)

Zum zweiten Mal in ihrer noch jungen Karriere ritt die 25-jährige Britin Charlotte Fry einen KWPN-Hengst der Station van Olst zum Weltmeister-Titel der jungen Dressurpferde. Es war ein Erfolg mit Ansage.

Schon in der Qualifikation am Mittwoch hatte der großrahmige Negro-Jazz-Sohn Kjento (Z.: A.J. van Olst) die einzigen Zehnen der Prüfung erhalten und das war auch heute nicht anders. Der Rappe imponiert mit unerschütterlichem Takt, Mechanik und beeindruckend kraftvollem Abfußen in Trab und Galopp. Dabei gelang es der zierlichen Lottie Fry, ihn geschlossen zu halten und ausgesprochen gleichmäßig in der Anlehnung. Seine natürliche Kadenz konnte der Hengst auch in den Seitengängen und auf der Volte halten, die ansonsten auch geschmeidig in Stellung und Biegung waren.

Der Schritt ist geregelt, der Raumgriff ausreichend, die Schrittpirouetten waren ausgesprochen klein und taktmäßig. Den guten Eindruck von Balance und Durchlässigkeit bestätigte das Paar auch in den fliegenden Wechseln, die alle vier sicher durch und bergauf gesprungen waren. Der Hengst hatte durchweg die Ohren vorne, ohne dabei umweltorientiert zu sein. Er schien einfach Spaß daran zu haben, sich zu zeigen (was Lottie Fry hinterher bestätigte). Bei allem gewünschten Vorwärts hätte es allerdings ein bisschen weniger Go zugunsten von mehr Versammlung und Leichtigkeit (auch in der Anlehnung) auch getan.

Für Trab, Galopp und Durchlässigkeit gaben die Richter eine 10,0, ebenso für die Perspektive. Zusammen mit einer 8 im Schritt ergab das eine Gesamtnote von 9,6. Wie Peter Storr seinen Kommentar einleitete: „Wenn ich das in einem Wort zusammenfassen müsste, wäre es: Wow!“ Oder wie seine Reiterin sagt: „Wenn man nach einer Definition für Power sucht – Kjento!“

Escamillo, der „sehr gute“

von Korff

Manuel Dominguez Bernal und Escamillo – Silber

Keine 10, aber dafür alle Noten mit einer 9 vor dem Komma gab es für Silbermedaillengewinner Escamillo, jenen rheinischen Escolar-Rohdiamant-Sohn (Z.: Dr. Caroline Langhorst), der seine Karriere einst hier in Verden auf dem Hannoveraner Hengstmarkt als Prämienhengst begann und inzwischen im Stall von Helen Langehanenberg weiter ausgebildet wird. In seinem Sattel sitzt derzeit Langehanenbergs spanischer Stallreiter Manuel Dominguez Bernal, auf den die ehemalige Welt- und Europameisterin große Stücke hält. Zu Recht, wie man heute sehen konnte.

Schon beim Einreiten wieherte Escamillo lautstark nach seinen Kumpels auf dem Abreiteplatz. Sein Reiter blieb ganz ruhig, ritt darüber hinweg. Immer wieder lobte er den Hengst in der Prüfung. Der dankte es ihm, indem er sich ab und zu zwar zu Wort meldete, aber dennoch konzentriert bei der Sache blieb.

Zur Vorstellung der beiden: Escamillo hat keinerlei Schwächen, was seine Grundgangarten angeht. Der Trab – elastisch, fleißig, unerschütterlich im Takt und schon sehr gut ausbalanciert. Die Anlehnung leicht und gleichmäßig, die Seitengänge links sehr geschmeidig, nach rechts verwarf der Hengst sich auf der Volte. Dann der Schritt – sehr losgelassenes gehorsames Schreiten trotz Wiehern, gute Schrittpirouetten. Der Galopp – energisches Abspringen mit ausgeprägter Schwebephase, vielleicht könnte das Ganze schon etwas gesetzter und mehr bergauf angelegt sein. Highlight: die fliegenden Wechsel, kraftvoll nach oben und durchgesprungen, aber von einer nonchalanten Sicherheit.

Kommentar der Richter: „Das war super! Supergutes Pferd, supergutes Reiten.“ In Noten übersetzt hieß das: Trab 9,2, Schritt 9,5, Galopp 9,0, Durchlässigkeit 9,5, Perspektive 9,5.

Bei letzterer Note betonten die Richter dass sie die Note für die beiden als Paar vergeben haben. Ob Manuel Dominguez Bernal den Hengst weiter reiten darf, konnte er noch nicht sagen. Die Frage, ob es stimme, dass der Hengst verkauft sei, beantwortete er mit einem klaren: „No.“

Überraschungs-Bronze

von Korff

Beata Stremler und For Magic

Die gebürtige Polin Beata Stremler, Reiterin aus dem Stall von Holga Finken in Hagen, gab freimütig zu, mit einer Medaille habe sie nicht gerechnet, als sie sich auf den Weg nach Verden machte. „Mein Ziel war nur, es nicht zu vermasseln.“ Da darf man sie wohl als die „Overachieverin“ des Tages bezeichnen, denn es wurde die Bronzemedaille für sie und ihren Hannoveraner Wallach For Magic v. For Romance-A Jungle Prince aus der Zucht von Friedhelm Kühnen und im Besitz von Sylwia Ruta, die den Dunkelfuchs für die Reiterin halten will.

Das kann man Beata Stremler nur wünschen, denn For Magic ist ein herausragendes Talent mit großen Linien und entsprechenden Bewegungen. Das schien ihm heute von Zeit zu Zeit noch Probleme zu bereiten, sich auszubalancieren, und es fehlte ein wenig der gleichmäßige Zug zur Hand. Dennoch, ein tolles Pferd! Das sahen auch die Richter so, die ihm aufgrund der angesprochenen Probleme nur eine 8 für den ansonsten fleißigen und zweckmäßigen Galopp gaben sowie eine 8,2 in der Durchlässigkeit. Alle anderen Kriterien waren ihnen ein „sehr gut“ wert.

Die weiteren Plätze

Dass gutes Reiten sich lohnt, zeigte sich bei dem Paar auf Rang vier, der Schweizerin Andrina Suter auf dem Westfalen Briatore v. Belissimo M-Desemann aus der Zucht von Adolf-Theo Schurf und im Besitz von Robert Lualdi. Der Braune ist auf den ersten Blick nicht unbedingt einer, der alle Blicke auf sich zieht. Wohl aber, wenn er sich in Bewegung setzt. Tolles Bergaufpferd mit viel natürlicher Kadenz im Trab (8,5). Von Zeit zu Zeit war er vielleicht etwas zu hoch eingestellt, dann kam der Rücken nicht ganz mit. Im Schritt zog er schön zur Hand und kam durch den Körper zum Schreiten. Dann ein schwungvoller Mittelgalopp auf dem Zirkel und wie auch bei den folgenden Verstärkungen sichere Rückführungen mit klar erkennbarer Lastaufnahme. Alle vier Wechsel waren sicher durch und mit Ausdruck. Für die Durchlässigkeit und das „gute Reiten“, das die Richter explizit hervorhoben, gab es eine 9, für die Perspektive eine 8,8. Machte in Summe eine 8,56 und Rang vier.

 

Noch ein Paar, dem man gerne zuschaute, waren Thalia Rockx aus den Niederlanden und Koko Jr de la Fanzenda v . Toto Jr-Romanov aus familieneigener Zucht: elegante, geschmeidige Trabtour, sehr leichtfüßige und „leise“ Bewegungen, dabei trotzdem schwungvoll und kadenziert. Der Schritt mit viel Raumgriff. Leider wurde die Stute jedoch im Galopp etwas hektisch und flach und so waren auch die Wechsel. Dennoch: eine sehr schöne Vorstellung. „Schön geritten!“, lobten auch die Richter und gaben dem „bedienerfreundlichen Trab“ eine 8,8, dem Schritt ebenfalls, dem Galopp eine 8,0 und Durchlässigkeit und Perspektive jeweils die 8,5. Gesamtnote: 8,52, Rang fünf.

 

Dahinter reihte sich ein Paar ein, von dem man sich mehr versprochen hatte: Simone Pearce, die australische Bereiterin des Gestüts Sprehe, und der Hannoveraner Hengst Dancier Gold v. Dancier-Weltmeyer aus der Zucht von Georg Strübig. Das Problem war weniger die Unterbrechung in der Galopptour, als der Rappe einem dringenden Bedürfnis nachkommen musste. Vielmehr fehlte heute der Fluss in der Bewegung. Der Hengst zeigte immer wieder Schwebetritte und das auch nicht immer gleichmäßig. Die Richter waren großzügig: 8,8 in Trab und Schritt, 8,4 im Galopp, 7,7 für die Durchlässigkeit, 8,5 für die Perspektive, 8,44 in Summe.

 

Rang sieben ging an den einzigen Vertreter des belgischen Zuchtverbandes BWP: Powerpoint de Tamise v. Dark President-Sandro Song, der allerdings niederländische Vorfahren hat (Z.: Wouter und Kara Dierickx, B.: EMC2 Horses) unter Andrea Winkeler. Auch hier: ein Sympathieträger, dieser Rappe! Er verfügt über sehr viel Grundschwung und ein von Natur aus aktiv abfußendes Hinterbein. In den Grundgangarten allein könnte er ebenfalls überall eine 9 erhalten (es waren die 8,4 in Trab und Galopp und eine 8,8 im Schritt), allerdings monierten die Richter noch nicht ausreichende Geraderichtung. Zudem schlichen sich Fehler ein, erst in der zweiten Schrittpirouette, dann in den fliegenden Wechseln. So wurde es zusammen mit der 8,0 in der Durchlässigket und 8,5 für die Perspektive eine 8,42 in Summe.

 

Rang acht sicherte sich ein Paar, das man im Vorfeld wohl eher nicht auf der Rechnung hatte: Urtaue Balciunaite aus Litauen auf ihrem eigenen Oldenburger Hengst Valverdi v. Vivaldi-Fürs Romancier aus der Zucht des Gestüts Lewitz. Die beiden begannen mit einer geschlossenen Grußaufstellung und einem ebenso geschlossenen Trab in der ersten Reprise. Allerdings war der Mitteltrab noch ein bisschen mit angezogener Handbremse und die gebogenen Linien nach links waren nicht immer ganz ausbalanciert. Im Schritt marschierte der Fuchs groß los, fing in der Rückführung aber an, mit dem Schweif zu pinseln, offenbar nicht völlig losgelassen. Der Galopp ließ die klare Bergauftendenz erkennen, allerdings muss Valverdi hier noch mehr Tragkraft entwickeln. Zeitweise verlor er auch den klaren Dreitakt. Die fliegenden Wechsel waren alle sicher durchgesprungen und im letzten starken Trab zeigte das Paar nochmal, was es kann. Alles in allem wünschten sich die Richter von der Reiterin eine mehr „vorwärts tendierende Hand“. Gaben dem „tollen Pferd mit großer Zukuft“ aber eine 8,4 in der Perspektive, was sich zu einer 8,22 subsummierte.

 

Etwas mehr dürfte sich Lisa Horler mit dem Bundeschampionatszweiten von 2020 erhofft haben, dem DSP-Champion Danny Cool v. Danciano-Sandro Hit. Mit einer Gesamtnote von 7,98 belegten die beiden Rang zwölf. Der Rappe bestach noch immer mit seinem Schwung und seiner Leichtfüßigkeit. Doch die ganze Prüfung war etwas brav. Da wünschte man sich ein aktiveres Hinterbein. Zudem monierten die Richter fehlende Geraderichtung.

Medaillen? Werden nachgereicht

Wilken Treu, als Geschäftsführer des Hannoveraner Verbands Gastgeber der WM, war wütend. Die erste Medaillenzeremonie fand ohne Medaillen statt. Die waren nicht rechtzeitig angekommen. „Man sieht es mir vielleicht nicht an, aber ich bin richtig sauer“, so Treu. „Die Medaillen hätten längst hier sein sollen. Nun werden sie den Reitern per Post zugeschickt, was natürlich nicht das Gleiche ist. Das macht einen extrem unprofessionellen Eindruck.“ Dafür konnte er sich freuen, dass die neu angelegten Plätze dem Regen erfolgreich getrotzt haben …