VOLTIGIEREN Mit Propeller zum Teamgold

Gold für Deutschland: Das Team vom RSV Neuss-Grimlinghausen

(© Pauline von Hardenberg)

Im Konzertsaal Zenith gehört beim Voltigieren Kreischen und Lärm dazu. Völlig aus dem Haus waren die Zuschauer nach der abschließenden Kür des deutschen Teams. Gold für die Mannschaft, Silber im Pas de Deux und Bronze bei den Herren. Ein komplettes Medaillenset also.

Es gab einen kurzen Moment der Unsicherheit, ganz zum Beginn des abschließenden Programms der Neusser, die als deutsches Nationalteam antreten. In weißem Lack mit fleischfarbenen Einsätzen ging die Mannschaft an den Start. Mona Pavetic, die elfjährige Schülerin, die bei den komplexen Hebeübungen bis nahezu unters Hallendach gehoben wurde, kam einmal kurz ins Rutschen, blieb aber aus dem Pferd. Da stockte den deutschen Fans in der ausverkauften Halle der Atem, aber mucksmäuschen still wurde die Halle als die Elfjährige von Johannes Kay nicht nur auf dem Kopf balanciert wurde, sondern auch noch kurzfristig zum Rotorball umfunktioniert wurde. Dabei ieß der Untermann die Schülerin sogar für ungefähr drei Galoppsprünge gänzlich los – Hammer!

Am Ende konnte Deutschland mit dem hauchdünenn Abstand von 0,033 Punkten die Goldmedaille vor den Schweizern (8,357) und den Österreichern (7,907) gewinnen. Longenführerin war Jessica Schmitz, und mit sicherem und unerschütterlichem Galoppsprung und Nerven wie Drahtseilen hat auch die Hannoveraner Stute Delia v. De Niro ihren Anteil an diesem Weltmeistertitel, einen nicht unerheblichen. Nicht alle Pferde im Finale trabten so gleichmäßig wie die Fuchsstute bevor sie dann endlich die erlösende Hilfe zum Angaloppieren erhielten.

Voltigieren im 21. Jahrhundert, das geht nicht ohne das komplette Paket. Alles muss stimmen, nichts dem Zufall überlassen werden. Das deutsche Pas de Deux Pia Engelberty und Torben Jacobs zählt zu den besten in dieser Disziplin, die erstmals im Programm der Weltreiterspiele dabei ist. Nach ihrem guten Abschneiden im Weltcup und den letztjährigen Europameisterschaften hatte sich das Duo, das in Köln trainiert, einiges vorgenommen. Zu Melodien aus dem von Phil Collins komponierten Musical Tarzan schwangen sich die beiden quasi von Liane zu Liane auf dem galoppierenden Pferderücken. Fantastisch, bei was für verschlungenen Bewegungsabläufen man noch den Ryhthmus des Pferdes unter sich ausgleichen kann! Damit auch die französischen Fans – und Frankreich mit seinen starken Herren ist ein echtes Voltigierland! – verstehen konnten, warum braun und grün als Dschungelfarben in den Trikots vorherrschten, hatten die beiden Sportler extra noch die französische Gesangsversion der Lieder aus dem Musical besorgt. Vom ehemaligen Weltmeister Patric Looser an der Longe unterstützt reichte es auf dem Rücken von Danny Boy zu Silber (8,605), an das österreichische Duo Jasmin Lindner und Lukas Wacha (9,059) war nicht heranzukommen. Die brachten – bewusst oder unbewusst – mit ihrem Kürthema Siegfried und Roy den Stand im Voltigiersport auf den Punkt: Las Vegas läst grüßen, Glitzer, Glimmer und Männer, die etwas von Barbies Ken im Gesichtsausdruck haben.

Dass die Österreicher soweit vor den Deutschen lagen, hatte nichts mit dem Tarzan- und-Jane-Kürprogramm, sondern vielmehr am verpatzten Auftakt der WM-Entscheidungen zu tun, als Torben Jacobs beim Abgang gestürzt und das Duo lediglich auf Rang fünf gelandet war. Die Aufholjagd der beiden Kölner war beispiellos.
Das zweite deutsche Pas de Deux, Gera Marie Grün und Justin van Gerven wurde hinter den britischen Eccles-Schwestern (8,575) Vierte (8,497).

Ulla Ramge war als Bundestrainerin  mit dem Gesamtergebnis sehr zufrieden. „Platz zwei und vier liegen voll im Plan“, schätzte die 51-Jährige ein. Grün und van Gerven, die ebenfalls auf Danny Boy voltigierten, patzten diesmal bei ihren finalen Abgängen gleich doppelt mit 8,497 Zählern im Endklassement fielen sie hinter die drittplatzierten Eccles-Schwestern aus Großbritannien zurück. „Diese Fehler waren leider sehr teuer, aber sie haben trotzdem einen guten Job gemacht“, sagte Ramge. Dass Deutschland die Voltigierwettbewerbe als beste Nation sah man dem Gesicht der erfolgreichen Trainerin noch Stunden später an.

Bei den Herren gab es ebenfalls Erfolge satt zu vermelden: Drei deutsche Herren unter den Top Fünf. Nur an den beiden Franzosen Jacques Ferrari (Gold, 8,629) und Nicolas Andreani (Silber, 8,498) war nicht vorbei zu kommen. Auch wenn Erik Oese auf Calvador mit seiner Leistung, die ihm die Bronzemedaille sicherte (8,483) recht dicht dran war. Oese, im richtigen Leben, Gymnasiallehrer aus Radebeul hatte das Technikprogramm gewonnen und zeigte mit Andreas Bäßler an der Longe zu Michael Jacksons Earth Song seine beste Kür der Saison. Die Medaille in diesem Jahr war vom Gefühl her noch schwerer zu holen. Die Konkurrenz war extrem stark und ich bin überglücklich mit Edelmetall nach Hause fahren zu können, sagte der (noch) 26-jährige Oese, der in der nächsten Woche Geburtstag feiert und sich selbst zugleich das schönste Geschenk machte.

Die Plätze vier und fünf belegten die Brüse-Brüder aus Garbsen bei Hannover. Thomas wurde Vierter, Viktor Fünfter. Bundestrainerin Ulla Ramge: Das ist ein extrem starkes Resultat. Der französische Nationaltrainer Davy Delaire pflichtete bei: Ihr habt es uns richtig schwer gemacht.

Ohne Medaille blieben die deutschen Damen. Beim Sieg der Britin Joanne Eccles komplettierten die Italienerin Anna Cavallaro und Simone Jäiser aus der Schweiz das Podium. Europameisterin Rikke Laumann aus Dänemark kam auf Rang vier, die US-Amerikanerin Mary McCormick auf Platz fünf. Die Plätze sechs und sieben gingen an die Hamburgerin Kristina Boe mit Highlander (Longe: Winnie Schlüter) und Corinna Knauf aus Köln mit Fabiola (Alexandra Knauf). Damit wurden die Leistungen der Saison auf den CVIs in etwas bestätigt. „Für bessere Plätze hätten unsere beide Damen hier in allen Umläufen über sich hinaus wachsen müssen“, schätzte Ulla Ramg ein. Zum Teil sei ihren Schützlingen das auch gelungen. Boe glänzte vor allem im finalen Umlauf mit einer nahezu perfekten Kür, die mit 8,689 Punkten belohnt wurde. „Hätte Tina auch in der ersten Kür schon so einen Umlauf gezeigt, wäre hier einiges drin gewesen“, sagte Ramge über die Leistung der 26-Jährigen. „Ich bin sehr glücklich, dass uns hier zum Abschluss nochmal so ein Durchgang gelungen ist“, freute sich die Medizinstudentin. Ramges Lob galt auch Corinna Knauf. Die amtierende Deutsche Meisterin konnte zwar keine vier sauberen Runden in den Zirkel legen, aber dennoch einmal mehr auf internationaler Bühne einen guten Eindruck hinterlassen. „Die Zukunft gehört ihr“, sagte Ramge.

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