WM Verden: Woodlander Farouche Weltmeisterin der Sechsjährigen mit Sensationsnote

Farouche v. Fürst Heinrich BritHAN

(© von Korff/www.toffi-images.de)

9,88 – besser ist noch kein Pferd bewertet worden bei der
Weltmeisterschaft der jungen Dressurpferde. Zwei Zehnen und für die
Durchlässigkeit als schlechteste Bewertung die 9,7. Der Brite Michael Eilberg
und seine British Hannoverian Stute Farouche begeisterten nicht nur die
Richter. Vize-Weltmeister wurde der KWPN-Wallach Borencio v. Florencio. Bronze
errang der Oldenburger Sir Donnerhall II v. Sandro Hit.

Wenn wir die Nadel im Heufhaufen suchen, fasste Dr. Dietrich Plewa, der die Eindrücke der Richter dem Publikum nahe brachte, zusammen, dann war es der letzte fliegende Wechsel, der nicht ganz gelang und dass wir uns etwas mehr Maultätigkeit gewünscht hätten. Und dann fügte er hinzu: Ich sage das vorweg, weil es sonst nichts an diesem Ritt auszusetzen gab. Die Fuchsstute, die mit Fürst Heinrich und Dimaggio gleich zwei ehemalige Jungpferde-Weltmeister in der Abstammung führt, hatte einen kleinen Taktfehler in der Trabverstärkung. Den verzieh ihr jeder. Denn eines steht fest: Wunder-, Sensations- oder Jahrhundertpferde sind, unabhängig von Spekulationen über Verkaufspreise nicht schwarz, männlich und holländischer Herkunft, sondern durchaus weiblich, britisch und in apartem Fuchsgewand. Die großrahmige Stute, die beim britischen Hannoveranerverband registriert ist, der bei der Weltvereinigung aller Zuchtverbände (WBFSH) als eigenständige Organisation geführt wird, hat einfach alles. Hochbeinig, elegant, fleißig, arbeitseifrig und dennoch besonnen, Plewa brachte es so auf den Punkt: Immer ambitioniert und von einer beeindruckenden inneren Gelassenheit. So nahm sie auch den aufbrandenden Applaus im Stadion in Verden entgegen.
Ein aktives Hinterbein, ehrliche Kadenz, kein Gestrampel, keine Schwebetritte schon der Trab begeistert, dabei war er mit 9,8 noch gar nicht einmal die höchst bewertete Grundgangart. Das war der Schritt: Im starken genauso wie im versammelten Schritt im idealen Viertakt. Groß und schreitend wo gefordert, klein und fleißig wo angesagt. Die Schrittpirouetten des Weltmeisterpaares waren Marke Gänsehaut! (10,0). Im Galopp stimmte eigentlich alles, wäre da nicht der letzte fliegende Wechsel übereifrig wechselte die Stute hinten vor der Reiterhilfe, wäre hier wohl auch die 10 gekommen. So war es eine 9,9
Der Gesamteindruck war dann wieder eine glatte 10,0. Zu recht, denn diese Stute ist von der Sorte, wie sie wirklich nicht jedes Jahr zur Welt kommt. Die Mutter der jetzt Doppel-Weltmeisterin, Dornröschen, geht unter Eilberg im internationalen Sport auf S-Niveau. Endresultat für die Stute: 9,88 das gab es wohl noch nie. Übrigens: Während alle anderen Reiter bevorzugt in eher flotterem Tempo ins Viereck kam, trabte Eilberg erst einmal leicht vielleicht ja eines seiner Geheimrezepte Sie sei, ja, einfach nur wunderbar, gab Eilberg danach zu Protokoll. Als Fohlen sei sie gar nicht so attraktiv gewesen, erzählte Züchterin Lyn Crowden. Sie hatte so eine rosa Nase, da hieß sich nur Ginger Pig (Ingwer (so nennen Engländer Rothaarige) Schweinchen).
Platz zwei ging an den schicken KWPN-Wallach Borencio v. Florencio, auch dieser Hengst war schon Doppelweltmeister in Verden. Westfalen Altmeister Florestan ist somit für Gold und Silber verantwortlich. Emmelie Scholtens ritt den Wallach, der vier- und fünfjährig bestes Nachwuchspferd der Niederlande war und den Pavo Cup gewonnen hatte, ungemein taktsicher und mit beispielhaften Seitengängen durch die Prüfung. Immer im Fluss, immer gut in der Kadenz (9,5), auch in den Wendungen, lobten die Richter. Sein Schritt ist groß angelegt, der Takt stets sicher. Auch hier gelangen die Pirouetten gut (9,0). Im Galopp, in dem das rollende Vorderbein dem Niederländer entgegen kommt, hätten sich die Richter etwas mehr Versammlungsbereitschaft gewünscht (9,2).
Insgesamt ging der Wallach mit sehr hoher Grundgeschwindigkeit durch die anspruchsvolle Aufgabe mit den vier fliegenden Galoppwechseln. 8,5 für die Durchlässigkeit hatten ihren Grund im festen Kontakt zwischen Zügelfaust und Pferdemaul und weil der Wallach mehrfach eng wurde und hinter die Senkrechte kam nicht stark, aber immerhin. Und es war typisch für die Tage in Verden, dass die Richter in diesen Kriterien diesmal deutliche Worte sprachen. Beide Jurys geißelten Anlehnungsprobleme, gaben niedrige Noten für den Schritt, wenn der einfach nicht gut genug war. Vor fünf oder acht Jahren waren die Juroren da häufiger zu großzügig gewesen. Endnote 9,1.
Bronze gewann der Oldenburger Hengst Sir Donnerhall II v. Sandro Hit, dessen älterer Bruder Vater des Weltmeisters der Fünfjährigen, Sa Coeur, ist. Der Hengst war dreijährig Pachthengst im Landgestüt Celle, war aber in den Augen der Zuchtvordenker in Hannover nicht gut genug für die Population in Niedersachsen. Über die Oldenburger Auktion fand er dann eine neue Heimat in Schweden und wird jetzt im Stall des dänischen Championatsreiters Andreas Helgstrand ausgebildet. Thomas Sigtenbjergaard stellte den hochbeinigen Braunen vor. Klarer Höhepunkt war der leichtfüßige Trab (9,6) mit viel Ausdruck im Vorderbein, ohne dass das Hinterbein dabei auf der Strecke bliebe. In den Seitengängen wickelte er sich förmlich um den langen inneren Schenkel seines Reiters, ohne dass Kadenz, Selbsthaltung und Takt in irgendeiner Weise gelitten hätte. Für den sicheren Schritt, der mehr aus der Schulter schreiten müsste gab es eine 7,5, der dynamische Bergaufgalopp kam auf eine 9,0 mit niedrigerer Kruppe und mehr Versammlungsbereitschaft gerade vor den fliegenden Wechseln, so deuteten die Richter an, wäre da sogar noch mehr drin gewesen. Endnote 8,78.
Einige Pferde gingen deutlich unter der Form der Qualifikation am Freitag. Dazu zählte auch der ehemalige KWPN-Siegerhengst Bordeaux v. United, ein Enkel des Weltcup erfolgreichen Krack C. Eva Möller ritt den Hengst aus der Schockemöhlschen Beschälerriege für die niederländische Abordnung. Der Braune begann stark. Er federt im Trab, ist kraftvoll und kadenziert (9,4). Der Schritt ist klar im Takt und geregelt (8,0) und im Galopp (8,5) ereilte Eva Möller dann das Schicksal. Der beeindruckende Braune machte sich etwas fest. Gerade vor dem letzten fliegenden Wechsel fehlte die Harmonie zwischen den beiden. Das kostete Punkte.
Möller reitet den Hengst intensiv erst seit diesem Frühjahr. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte der Hengst nicht mehr als das reiterliche ABC gelernt. Umso beeindruckender, wie sicher die Seitengänge und auch die meisten fliegenden Wechsel gelangen. Am Ende war es Platz vier mit 8,46.
Über das kleine Finale hatte sich der schwedische Wallach Tabasco v. Topaasch (v. Jazz) unter Anna Svanberg qualifiziert. Er verdankt seinen fünften Rang vor allem seinem bombensicheren Schritt (9,2, Total: 8,42). Ein federnder Trab (9,3), aber ein wenig losgelassener Schritt (7,0) und eine Galoppade, die mehr im Bergauf hätte sein sollen (8,2) summierten sich für die Bayernstute Novia v. Stedinger-Alabaster unter Victoria Michalke auf 8,36, Platz sechs.
Bei einigen Vorstellungen war heute der Wurm drin. Einige Pferde wirkten müde, so wie der 2011er Bundeschampion Fürstenball v. Fürst Heinrich oder der Florestan-Sohn Florentinus. Andere waren plötzlich wenig an den Reitehilfen interessiert. Am härtesten traf es Anja Engelbart, die mit De Champ v. Daddy Cool in der Vorrunde noch einen Ritt nahezu fürs Ausbildungslehrbuch hinbekommen hatte. Heute brannten im Galopp ein paar Sicherungen durch. Die Bandbreite der Abstammungen und Zuchtgebiete war breiter als bei den Fünfjährigen: Das KWPN, Oldenburg und der schwedische Warmblutzuchtverband hatten je drei Finalpferde, dazu kamen zwei Westfalen und je ein Pferd aus Dänemark, Bayern und vom NRPS sowie die britische Hannoveranerin Farouche als faszinierende Siegerin. Florestan und Sandro Hit waren je fünfmal in den Pedigrees der 15 Finalisten zu finden.

St.GEORG NEWSLETTER

Schnell, aktuell und auf einen Blick wissen, was Sache ist!
Das bietet der St.GEORG Newsletter.