Melasse im Pferdefutter: Ist sie wirklich so schlecht?

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Viele Pferdebesitzer fragen sich, ob Melasse im Futter ihrem Pferd schadet. (© www.slawik.com)

Melasse wird gerade zum Buhmann in der Pferdefütterung. Wir wollten wissen: Wie schlecht ist das schmackhafte Abfallprodukt der Zuckerindustrie wirklich?

Wer sich zum Thema Melasse informieren möchte, findet viele Dinge, die einen die Nase rümpfen lassen: Ein Zuckerprodukt? Das soll mein Pferd fressen? Das ist die eine Frage. Für die Tierernährungsexpertin Dr. Silvia Wein von der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel ist das allerdings eine zweitrangige Frage. Sie hofft vielmehr, dass sich deutlich mehr Pferdehalter generell Gedanken über die richtige Menge des Pferdefutters machen. „Vor allem sollten sie sich die Frage stellen, ob sie ihr Pferd überhaupt entsprechend dessen Energiebedarf füttern. Oder ob sie nicht vielmehr viel zu viel in das Tier hineinstopfen.“ Dass die Pferde in den meisten Ställen eher zu dick als zu dünn sind, ist kein Geheimnis. Adipositas, also Fettleibigkeit, beim Pferd ist längst ein Forschungsgebiet geworden. Für Dr. Wein steht fest:

Ein adipöses Pferd sollte keine Melasse gefüttert bekommen. Es sollte aber generell gar kein Kraftfutter bekommen.

Es kann seinen Energiebedarf problemlos aus dem Grundfutter (also Heu bzw. Gras und Stroh) decken, es braucht lediglich ein mineralisiertes Futter, um ausreichend mit Spurenelementen versorgt zu werden.“ Selbst mit dem Heu müsste man mitunter sparsam umgehen, dem Pferd aber stets ausreichend (energieärmeres) Stroh zur Verfügung stellen, damit die vom Magen produzierte Magensäure nicht die Magenschleimhaut angreift.

Nachteile der Melasse

Melasse kommt in der Futtermittelindustrie vor allem bei der Herstellung von Pellets zum Einsatz, weil sie aufgrund ihres relativ hohen Zuckergehalts gut klebt. Einen ähnlichen Effekt, die „Verkleisterung“, wie Dr. Wein es nennt, erzielt man auch mit dem in Weizen enthaltenen Eiweiß Gluten. Beide Inhaltsstoffe würde die Ernährungsexpertin vom Speiseplan eines für Kolik anfälligen Pferdes oder eines Pferdes, das bereits eine Kolikoperation hinter sich hat, streichen. Der hohe Zuckergehalt ist auch für Pferde mit einer Glykogenspeicherkrankheit (PSSM) problematisch. Bei Pferden, die daran leiden würde ein zu Viel an Zucker oder Stärke dazu führen, dass die Insulinproduktion außer Kontrolle gerät und zu viel „abnormes Glykogen“, das Molekül also eine vom Standard abweichende Struktur aufweist, produziert. Solche Glykogen-Moleküle können auf Dauer die Leber schädigen. „Aber hier reden wir von kranken Pferden mit ererbten Problemen. Diese Probleme haben ihre Ursache nicht in der Fütterung von Melasse.“ Vielmehr, so Dr. Wein müsse man Vor- und Nachteile der Melasse beleuchten.

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Dicke Pferde sollten kein Futter mit Melasse bekommen. (© www.slawik.com)

Vorteile der Melasse

Es gibt zuckerreiche und teilentzuckerte Melasse, entsprechend unterschiedlich sind die Energiehalte. Melasse ist also nicht Melasse. Sie enthält vor allem viel Kalium. Und sie ist feucht. Diese Eigenschaft hilft beispielsweise bei der Fütterung von Pferden mit Stauballergien. „Natürlich kann ich Kraftfutterstaub auch durch Ölbeimengung reduzieren, dann habe ich aber eine noch höhere Energie als bei der Verwendung von Melasse.“ Ungequetschter Hafer sei eine gute Alternative, immer vorausgesetzt, dass das Pferd darüberhinaus ausreichend mit Mineralstoffen versorgt wird.

Alternativen zur Melasse

Als Alternative zur Melasse kämen häufig Obststrester zum Einsatz. Doch auch hier gilt es abzuwägen: Dem höheren Rohfaseranteil steht ein deutlich höherer Zuckergehalt gegenüber. Der Pektingehalt wiederum sei ein Vorteil des Tresters. Trester und Melasse könnten auch hilfreich sein, bei schwerfuttrigen Pferden, die sich nicht blind auf jedes Futter stürzen, sondern denen Futter schmackhaft gemacht werden muss.


Melasse, Kohlenhydrate oder Blutglucosespiegel – Begriffe, die in der Pferdefütterung immer wieder fallen und wichtig sind. Wer wissen möchte, wie er sein Pferd richtig füttert, stößt auf zahlreiche Fachbegriffe. Das „Futter-Lexikon Pferde“ von Bender und Ritter hat sie alle aufgeführt und verständlich erklärt. Damit Sie sich im Dschungel der Pferdefütterung besser zurecht finden. Das Buch erhalten Sie zum Beispiel hier.

 


Wie wirklich gut füttern?

Entscheidend für die optimale Versorgung des Pferds ist meistens nicht die Frage, was noch alles zusätzlich gefüttert werden muss, sondern wie eine „wirklich ausgewogene und den Bedürfnissen des Pferdes entsprechende Fütterung und Haltung des Pferdes aussieht“, sagt Dr. Wein. „Das heißt vor allem den wirklichen Energiebedarf erkennen. Viele Dressurreiter verwechseln beispielsweise immer noch Fett und Muskeln.

Die meisten Pferde brauchen eine Lifestyle-Veränderung. Vor allem mehr Bewegung. Und wir müssen uns vor Augen halten, dass das der gesamte Verdauungsapparat nach wie vor auf das Leben als Steppentier angepasst ist. Das heißt: 18 bis 20 Stunden permanent kleine Mengen energiearmer Gräser zu sich zu nehmen, ist das was dem Pferdeorganismus am besten bekommt. Natürlich müssen wir das Pferd gezielt unterstützen, wenn wir wirklich stärkere Leistungen fordern. Aber ein zu fetter Sportler war noch nie dazu in der Lage, Höchstleistungen zu bringen. Was sich ja kaum ein Pferdehalter vor Augen führt: Das Pferd mit dem am Abstand höchstem Energiebedarf ist weder ein Renn- noch ein austrainiertes Vielseitigkeitspferd, sondern die laktierende (säugende) Stute.“ Und eines fügt die Fütterungsexpertin noch hinzu: „Bei vielen Pferden, die mir wegen Stoffwechselproblemen vorgestellt wurden, hat schon eine zusätzliche tägliche Bewegungseinheit von gerade einmal 20 Minuten Schritt die Insulinsensitivität deutlich verbessert und das Wohlergehen des Pferdes gesteigert.“

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