Pferdefutter: Die Basis muss stimmen

Raufutter Heu

Die Basis des Pferdefutters muss bei jedem Pferd Heu sein. (© patb56 - Fotolia)

Vor Jahren wurde sich nicht großartig mit Pferdefutter beschäftigt. Wahlweise fanden Hafer oder Pellets, manchmal auch beides, den Weg in die Futterkrippe. Heute ist das Wissen rund um die Verdaulichkeit von Nährstoffen größer, die Fütterung gleicht einem Hexenwerk. Welcher Nährstoff hat welche Funktion? Wie hoch ist der anteilige Bedarf?

Während bis vor ein paar Jahren noch massig Kraftfutter im Trog gelandet ist, wird heute präzise beim Pferdefutter auf die Futterzusammenstellung und deren Qualität geachtet. „Zu Recht“, urteilt Manuela Muth, Diplom-agraringenieurin. „Viele Krankheiten und Probleme können durch die richtige und individuell notwendige Fütterung vermieden werden. Zunächst muss aber erst einmal verstanden werden, welcher Nährstoff wofür zuständig ist im Körper und wie viel das Pferd davon braucht.“ Um es leichter verständlich zumachen, haben wir uns für dieses Special Beispielpferd Paul ausgedacht, an ihm berechnen wir Beispiele und seinen Bedarf.

Heu als Grundlage beim Pferdefutter

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Heu ist die Basis des Pferdefutters. „Es wird immer noch unterschätzt, wie wichtig die Raufutterqualität ist“, sagt Manuela Muth (© www.toffi-images.de)

Grundsätzlich werden Futter-mittel in zwei Gruppen eingeteilt: Grundfutter und ergänzende Futtermittel. Rohfaserreiches Grundfutter sind Weidegras, Silage, Heulage, Heu und Stroh. Zu ergänzendem Futter gehören Getreidekörner, fett- und eiweißreiche Samen sowie Mischfutter. Zuckerrüben, Mohrrüben, Äpfel und rote Beete gehören zu den Feucht- und Saftfuttermitteln.

Die Basis aller Fütterung ist und bleibt Raufutter bzw. Heu

, erklärt Manuela Muth. Wer sich nicht sicher ist, wie hoch der Bedarf ist, kann sich am Richtwert 1,5 Kilogramm (kg) pro 100 kg Lebendmasse (LM) pro Tag halten. „Der Bedarf kann natürlich auch darüber liegen, aber selten darunter. Wer gutes Heu füttert, der kann zumindest den Erhaltungsbedarf schon mit Raufutter decken. Für den Arbeitsbedarf tut das Kraftfutter dann sein Übriges.“

Eine Folge von zu wenig Raufutter können Aggressionen gegenüber Artgenossen sein, dass das Pferd schnell zu Koliken oder zu Verhaltensauffälligkeiten wie Koppen und Weben neigt. „Rund 18 Stunden sind Pferde in der freien Wildbahn mit Fressen beschäftigt und machen dabei bis zu 60.000 Kauanschläge. Die Kauanschläge sind deshalb wichtig, weil Pferde keine Dehnungsrezeptoren im Magen haben. Diese zeigen z.B. dem Menschen, dass er satt ist. Ein Völlegefühl haben Pferde in dem Maße nicht, ihr Sättigungsgefühl entsteht durch müde Kaumuskeln. Um das auch in Stallhaltung ansatzweise erreichen zu können, muss ausreichend Raufutter zur Verfügung stehen. Um1 kg Heu zu fressen, braucht ein Pferd circa 45 Minuten und macht dabei ungefähr 3.500 Kauanschläge.“

Unser Beispielpferd Paul, der gut10 kg Heu pro Tag bräuchte, wäre schon acht Stunden mit der Heuaufnahme beschäftigt und macht dabei knapp 35.000 Kauanschläge. Die Hälfte des Bedarfs ist also schon mit Raufutter gedeckt. Hinzu kommen dann Kraftfutter und Weidegras. „Aus diesem Grund ist es auch fatal, wenn bei zu dicken Pferden ausschließlich an der Raufutterschraube zu drehen. Als erstes muss das Kraftfutter reduziert und die Bewegung erhöht werden.“

­Kohlenhydrate

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„Der Ausspruch – ihn sticht der Hafer – kommt nicht von ungefähr“, weiß Expertin Manuela Muth. Im Getreide steckt die meiste Energie, genauer gesagt die darin enthaltene Stärke liefert die Energie.

Stärke kommt in größeren Mengen in Mais, Gerste und Hafer vor. „Hafer ist nach wie vor das Futtergetreide Nummer eins. Das ist auch nicht ohne Grund so, denn es ist auch im ganzen Korn am besten verdaulich von allen drei Getreidesorten. Bei der Fütterung von Gerste und Mais sollte darauf geachtet werden, dass beides hydrothermisch aufbereitet ist.“ Mit der besten Verdaulichkeit ist gemeint, dass die Stärke im Dünndarm aufgeschlossen wird. Alles was dort nicht verdaut wird, gelangt in den Dickdarm und führt zu Verdauungsproblemen.

Hafer hat eine Verdaulichkeit von etwa 90 Prozent, hydrothermisch aufbereitete Gerste liegt bei 88 und Mais bei 78 Prozent. Um Entstehungen von Magengeschwüren und Stoffwechselproblemen vorzubeugen, wurde eine Obergrenze an Stärke eingeführt. „Diese liegt bei einem Gramm (g) pro Kilogramm LM pro Mahlzeit. Bedeutet bei Paul: 600g Stärke pro Mahlzeit.“

Wie hoch der jeweilige Stärkeanteil ist, kann auf dem Hafersacketikett nachgelesen werden. „In der Regel hat Hafer einen Stärkeanteil von 45 Prozent pro Kilogramm, Gerste liegt bei 55 Prozent und im Mais ist der Anteil mit 60 Prozent am höchsten. Bedeutet im Umkehrschluss, dass davon am wenigsten gefüttert werden darf. Von der Fütterung eines Hafer-Gerste-Gemischs rate ich ab.“ In der Regel wird kaum noch Hafer alleine gefüttert, sondern mit Müsli oder Pellets kombiniert. 

Fett

Die Fütterung von Fetten erfolgt in der Regel über Öl, z.B. Sonnenblumen- oder Leinöl. Die Verdaulichkeit ist trotz fehlender Gallenblase vergleichsweise hoch. Die Dünndarm-Verdaulichkeit liegt bei 76 Prozent. Fett macht mit knapp 5 Prozent an der Gesamtfütterung den kleinsten Teil aus. In der Regel wird eher Hochleistungs- als Freizeitpferden Öl gefüttert. Will man z.B. den Stärkeanteil herunterfahren, kann Fett als Energielieferant eingesetzt werden. Aber auch bei Fett gibt es eine Obergrenze: 1 g pro Tag pro kg LM und diese Gesamtmenge auf mehrere Mahlzeiten aufgeteilt. Paul könnte also 600 g täglich gefüttert bekommen. „Wer sich dazu entschließt, Stärke zu reduzieren und den Fettanteil anzuheben, sollte es langsam steigern. Sonst kann es zu Darmproblemen wie z.B. Durchfall kommen. Öl in erhöhten Mengen ist kein natürliches Futtermittel, auch wenn die Verträglichkeit gut ist“, mahnt Manuela Muth.

Dünndarmverdauliches Eiweiß

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Wie viel Gras Pferde wirklich aufnehmen, ist umstritten. Dass Gras aber ein hochwertiger Eiweißlieferant ist, ist Fakt. (© www.toffi-images.de)

Eiweiß – oder besser gesagt Proteine – sind unabdingbar für den Muskelaufbau, zur Festigung des Bindegewebes und, um Organe, Blut und Verdauungssekrete in Gang zu halten. Gebildet wird es aus 20 Aminosäuren, wovon fast die Hälfte, neun an der Zahl, zugefüttert werden müssen. Das sind: Lysin, Methionin, Tryptophan, Leucin, Isoleucin, Threonin, Valin, Histidin und Phenylalanin. Diese essentiellen Aminosäuren kann der Körper nicht selber herstellen.

Die andere Hälfte bildet der Körper selber aus Fett- bzw. Kohlenhydratquellen. Schon wenn nur eine der Aminosäuren in unzureichender Menge dem Körper zur Verfügung steht, kann das körpereigene Eiweiß nicht so gut aufgebaut werden.

Seit 2014 wird die Verdaulichkeit von Eiweiß unterschiedlich bewertet. Nur ein Teil des aufgenommenen Proteins kann im Dünndarm verdaut werden. Unterschieden wird in Pcv Protein und Protein. Pcv steht für präcaecal verdauliches Rohprotein. Bedeutet konkret, das pcv Rohprotein wird im Dünndarm verdaut, der Rest des Rohproteins gelangt in den Dickdarm. „Heute weiß man, dass das Eiweiß, das nicht im Dünndarm verdaut wird, ungenutzt ausgeschieden wird. Darum sollte unbedingt beim Futter darauf geachtet werden, wie hoch der Anteil an pcv Rohprotein ist.“

Die Hauptquelle für Eiweiß sind Heu und Gras. „Beim Weidegras kann mit 80 bis 90 Prozent dünndarmverdaulichem Rohprotein pro Kilogramm gerechnet werden. Beim Heu gehen die Werte weit auseinander. Grundsätzlich geht man von 8 Prozent Eiweißanteil pro kg aus. Davon ist aber maximal die Hälfte dünndarmverdaulich. Um das herauszufinden, sollte man immer mal wieder eine Heuanalyse durchführen lassen. Dazu kann man sich beim Futtermittelhersteller seines Vertrauens erkundigen. Der Bedarf an dünndarmverdaulichen Eiweiß ist nach oben hin nicht genau festgelegt. Paul, der ein mittleres Arbeitspensum hat, bräuchte ungefähr 600 g pcv Eiweiß pro Tag.

Sie wollen wissen, wie Sie eine Futterration für Ihr Pferd berechnen? – ob alt, krank, dünn oder Zuchtstute – in den beiden Ausgaben, die zu dem Abo-Angebot dazugehören, können Sie alles nachlesen. Außerdem: Was ist der Glykämische Index? Können zu viele Leckerli krank machen? 

Pferde richtig füttern

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Paul ist unser Beispielpferd für die Rationsberechnung des Pferdefutters. (© www.toffi-images.de)

Um eine grobe Vorstellung zu bekommen, was das Pferd braucht, berechnen wir alle Angaben an Paul. Ein von uns ausgedachtes Beispielpferd.
Zustand: gesund
Fütterung: normal futtrig
Gewicht: 600 Kilogramm Warmblut
Mittlere Arbeit: eine Stunde am Tag auf gutem A- bis L-Niveau
Turniereinsatz: ein- bis zweimal monatlich

So kann eine Pferdefutter-Verteilung aussehen 

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So kann eine Futterverteilung aussehen. Die ist von uns speziell auf Paul zugeschnitten. Jedes Pferd ist individuell und braucht evtl. eine andere Verteilung. (© St.GEORG)

Den Hauptbestandteil sollte Heu bilden. Im Sommer kommt noch Weidegras hinzu, wobei die Nährstoffe aus dem Gras weder über- noch unterschätzt werden sollten. „Wer hat heute schon noch richtig dicke und saftige Weiden? Vor allem in Städten sind Weideflächen überschaubar und wenn, dann stehen die Pferde vielleicht ein bis zwei Stunden darauf“, sagt Manuela Muth. Außerdem scheiden sich beim Thema Futteraufnahme auf Weiden die Geister. Ein weiterer Aspekt ist, ob das Pferd auf Stroh oder Spänen in der Box steht. Je nach dem, ob die Pferde viel Stroh fressen oder eher weniger, muss das auch noch berücksichtigt werden. 

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