Koppen, Weben, Gitterwetzen – was es mit Verhaltensstörungen beim Pferd auf sich hat

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Wenn das Pferd koppt, hat das wie bei Verhaltensstörungen üblich in aller Regel psychische Ursachen. (© www.toffi-images.de)

Das Pferd koppt? Oder webt? Oder rennt am Zaun auf und ab, statt entspannt zu grasen – all diese Verhaltensweisen werden als Verhaltensauffälligkeiten beim Pferd, Verhaltensstörungen oder gar Unarten bezeichnet – unschöne Wörter, die vor allem irreführend sind! Tatsächlich handelt es sich dabei nämlich in der Regel um Zivilationskrankheiten.

Neben einigen anderen sind Weben oder Koppen Verhaltensstörungen beim Pferd, die erst in Gefangenschaft und durch falschen Umgang entstehen. Der Grund: Im Herzen ist jedes Pferd noch immer ein Wildpferd. Auch nach 6000 Jahren Haustierdasein richten die Bedürfnisse des Steppentiers sich immer noch überwiegend nach den Gewohnheiten seiner Vorfahren – nach ständiger ruhiger Bewegung in der Herde an der frischen Luft und dauerndem Fressen kleiner, eiweißarmer Futtermengen. Experten warnen: Ein Kardinalsfehler in der Pferdehaltung sind zu kurze Fresszeiten und zu wenig Raufutter! Zwölf Stunden täglich sollten Pferde sich mit der Nahrungsaufnahme beschäftigen können! Ist das auffällige Verhalten nicht die Folge einer Krankheit (z.B. Headshaking bei einer Ohrenentzündung), einer körperlichen Missbildung (z.B. bei Klopphengsten) oder von Nährstoffmangel (z.B. bei exzessivem Holzkauen), entsteht es durch schlechte, nicht auf die Bedürfnisse ausgerichtete, Haltung und falschen Umgang. Klassische Beispiele: das Pferd koppt oder webt.

Verhaltensstörungen beim Pferd? Frustbewältigung!

Bis zu einem gewissen Grad können Pferde sich an ihre heutige Umwelt anpassen. Wird dieser Grad überschritten, entstehen auf Dauer Verhaltensstörungen, auch Stereotypien genannt. Je sensibler das Pferd ist, desto schneller ist dieser Punkt erreicht. Was wir Menschen als gestörtes Verhalten bezeichnen, ist aus Sicht des Pferdes lediglich eine Strategie, sein nicht pferdegerechtes Dasein erträglicher zu machen. Es passt sich seinen Lebensbedingungen an. Eine besondere Herausforderung ist für die meisten Pferde z.B. lange Boxenruhe aufgrund einer Verletzung. Das kann die Anpassungsfähigkeit überfordern. Dann braucht das Pferd ein Ventil für sein Verlangen, sich frei an der frischen Luft zu bewegen. Vor lauter Frust tritt es von einem Bein auf das andere. Diese Bewegung lenkt das Pferd von seinem eigentlichen Bedürfnis ab und mit der Zeit prägt sie sich ein. Das Pferd webt.

Pferde auf Droge

In den 90er-Jahren wurde intensiv geforscht, ob Verhaltensstörungen von Pferden im Zusammenhang mit Veränderungen im Nerven- und Hormonsystem stehen. Inzwischen geht man davon aus, dass beispielsweise beim Koppen verschiedene Botenstoffe im Gehirn ausgeschüttet werden, die eine beruhigende Wirkung auf das Pferd haben – die Verhaltensstörung wird als Belohnung empfunden. Diese chemischen Prozesse verändern die Struktur des zentralen Nervensystems. Deshalb sollen die Verhaltensstörungen bestehen bleiben, obwohl etwa die schlechte Haltung in einem ungeeigneten Pferdestall als Ursache längst verbessert wurde. Auch wurde untersucht, ob es verhaltensgestörten Pferden an Serotonin im Körper mangelt (Serotonin ist ein Überträgerstoff zwischen den einzelnen Nervenzellen im Gehirn). Beim Menschen kann das die Ursache von Depressionen sein. Wissenschaftler haben Pferde, die weben, erfolgreich mit denselben Medikamenten behandelt, die auch depressive Menschen bekommen. Aber Psychopharmaka sollten und vor allem müssen es nicht sein. Was dem Mensch die Schokolade, ist dem Pferd nämlich sein Raufutter. Beides enthält die Aminosäure L-Tryptophan. Dieser Stoff hilft dem Körper, Serotonin zu bilden. In der Praxis hat sich gezeigt, dass sowohl mehr Raufutter als auch L-Tryptophan-Zusätze in Ergänzungsfuttermitteln das gestörte Verhalten reduzieren.

Verhaltensauffällig, aber nicht krank!

Die meisten Verhaltensstörungen, besonders Koppen und Weben, bedeuten eine krasse Wertminderung der Pferde. Gut für den Käufer! Denn wie sich gezeigt hat, folgen aus den Verhaltensstörungen in der Regel keine gesundheitlichen Beeinträchtigungen. Im Gegenteil: Es handelt sich sowohl bei Koppern als auch bei Webern meistens um besonders leistungsbereite Pferde.

Anders sieht es aus bei Pferden, die zur Zucht eingesetzt werden sollen. Wegen der genetischen Komponente von Verhaltensstörungen sollte man hier Abstand von einem Kauf nehmen. Und man sollte bedenken, dass verhaltensauffällige Pferde in Pensionsställen unerwünscht sein können – „Kein Kopper neben mein Pferd!“

Verhaltensstörungen im Überblick

Pferde mit Verhaltensstörungen wiederholen manchmal stundenlang ein immer gleiches Verhaltensmuster. Verhaltensstörungen entstehen in unterschiedlichen „Funktionskreisen“, je nach Art der Durchführung (ob mit Maul, in Bewegung etc.):

– das Fressverhalten (Koppen, Zungenspiel, Holznagen, Krippen-/Gitterwetzen)

– das Bewegungsverhalten (Weben, Hin- und Herlaufen am Weide- bzw. Paddockzaun oder in der Box, Scharren)

– das Sozialverhalten (Selbstverstümmelung, extreme Aggressivität)

– das Komfortverhalten (Schweifscheuern, Headshaking)

Kann man Verhaltensstörungen therapieren?

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Auch Aggressionen können eine Verhaltensstörung darstellen. Das Schlimme: Selbst wenn die Lebensumstände der Pferde sich drastisch verändern, lässt sich das Verhalten selbst oft nicht mehr abstellen. (© www.slawik.com)

Das Traurige ist: Verhaltensstörungen, die sich aus Haltungs- und Umgangsfehlern ergeben haben, bleiben oft bestehen (Koppen, Weben, Aggressivität gegen Artgenossen), auch wenn die Lebensumstände des Pferdes verbessert wurden. Dennoch ist es wichtig, Ursachen und Auslöser der Verhaltensstörung zu verändern, bzw. zu vermeiden. Denn sie sind es, unter denen Pferde leiden, nicht unter ihren „Macken“ als solchen.

Aber Achtung: Viele vermeintliche Verhaltensstörungen sind erlernte schlechte Angewohnheiten, wie z.B. Scharren auf der Stallgasse oder Krippenwetzen, wenn es Futter gibt. Diese unerwünschten Verhaltensweisen können aus dem Verhaltensrepertoire der Pferde auch wieder „gelöscht“ werden, wie man in der Lerntheorie sagt.

Ursachen für Verhaltensstörungen wie Koppen, Weben etc.

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Wird das Pferd beim Reiten ständig übrfordert, verliert es nicht nur während der Arbeit die Lust. Es kann auch stressbedingte Verhaltensstörungen entwickeln. (© www.toffi-images.de)

Verhaltensstörungen werden begünstigt durch:

• schlechte Haltung vor allem zu kurze Fresszeiten (Pferde nehmen rund 12 Stunden am Tag Nahrung auf)

• Stress durch falschen Umgang

• Über- oder Unterforderung in der Ausbildung und im Training

• ungeklärte Rangordnungsverhältnisse

• erbliche Veranlagung

Mögliche Ursachen:

• Stresssituationen, weil das Pferd seinem Instinkt folgen und z.B. fressen möchte, aber kein Futter findet. Treten solche, für das Pferd belastende Situationen, oft auf, kann das zu Verhaltensstörungen führen.

• zusätzliche negative Erlebnisse, z.B.: plötzliches Absetzen von der Mutter, unvermittelter Trainingsbeginn, plötzliche Haltungsänderungen zum Schlechteren (z.B. Umstellung von Weide- auf Stallhaltung)

Auslöser, bei denen Verhaltensstörungen gezeigt werden:

• Aufregung des Pferdes, z.B. vor der Fütterung, wenn der Besitzer kommt, Stallarbeiten, Satteln, Putzen etc. Koppen und Zungenspiel werden meist während des Fressens gezeigt, Bewegungsstereotypien eher vorher, wenn das Pferd in freudiger Erwartung ist.

Achtung! Hier könnte auch der Tierarzt benötigt sein

Manche vermeintliche Verhaltensstörung ist in Wirklichkeit Zeichen eines körperlichen Problems, entweder einer Krankheit oder einer Mangelerscheinung. Bei folgenden Verhaltensauffälligkeiten sollten Sie auch einen Tierarzt zu Rate ziehen:

• Holzkauen (Mangelt es an Spurenelementen?)

• Zungenspielen/Lecken (Liegt eine Verletzung in der Maulhöhle vor?)

• Übermäßiges Fressen (Würmer? Nährstoffmangel?)

• Übermäßiges Saufen (Eine Organkrankheit? Diabetes? Cushing?)

• Headshaking (Ist das Pferd allergisch? Hat es Blockaden in der Halswirbelsäule)

• Schweif scheuern (Leidet das Pferd unter Ungezieferbefall?)

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