Blog 1 aus Blair: Willkommen in Schottland

Noch einmal, weil sie so toll aussehen!

Die Queen kommt, wir sind schon da und sehen Karos, wohin wir blicken.

Wir sind nicht in England, wir sind in Schottland. Das merkt man daran, dass man kein Wort versteht, wenn die Einheimischen loslegen mit ihrem gewöhnungsbedürftigen Akzent, den nur der kennt, der schon mal einen Film von Sean Connery im Originalton gesehen hat. Das merkt man, wenn man sich dem schneeweißen Castle Blair nähert und zu jeder Stunde ein Dudelsackbläser aufspielt. Und man merkt es, wenn bei der ersten Verfassungsprüfung das internationale Richtergremium artig im Schottenröckchen erscheint. Das ist etwa so, als wenn man bei einem Championat in Bayern der Jury Dirndl und Lederhosen verpassen würde. Die Gesichter möchte ich sehen!!

Sonntag wird die Queen erwartet, die ja im etwa eine Stunde entfernten Balmoral urlaubt. Heute muss sie einen Bahnhof einweihen, es ist übrigens der Tag, an dem sie ihre Urahnin Queen Victoria im Rennen um die längste Regierungszeit überholt hat. Es werden auch Kate und William in Balmoral erwartet. Wie es heißt, wird Kate der höchste Familienorden verliehen. Das ist so eine Art royale Herdprämie für weibliche Familienmitglieder, wenn sie ihre Pflichten erwartungsgemäß erfüllen, was Kate ja nach der Geburt zweier Kinder getan hat. Ob sie ihn bekommen hat, bleibt ein Geheimnis bis zum nächsten offiziellen Auftritt, dann wird man sehen, ob sie ihn angeheftet hat.

Die Stimmung im deutschen Team ist überwiegend optimistisch. Verhaltene Enttäuschung bei Peter Thomsen, der mal wieder als Einzelreiter unterwegs sein wird, was die Chancen auf eine Medaille natürlich minimiert. „Ich wäre kein guter Sportler, wenn ich nicht enttäuscht wäre“, sagt er. Strahlend dagegen die Neu-Brünette Bettina Hoy; mit dem elfjährigen Westfalen Designer hat sie den Sprung zurück in die erste Reihe geschafft. Der Strecke liegt ihm, sagt sie, hier wurde sie vor zwei Jahren schon Fünfte. Das Dressurtraining von Designer liegt seit neun Wochen in den Händen von Sebastian, dem Ex von Dressurreiterin Helen Langehanenberg.

Michi Jung humpelt durch die Gegend, der Sturz mit Rocana in Burghley hat seine Spuren hinterlassen. Die Vorführung von Tacinou übernahm Pflegerin Julia, und durchs Gelände bewegt Michi sich pfeilschnell mit einem so genannten „Sagway“, eine Art römischer Kampfwagen im Miniformat, ohne Pferde, stattdessen mit Akku. Den hatte er schon vorher, jetzt ist das Gefährt unbezahlbar. Im Sattel ist sowieso alles ok, dank Mannschaftsarzt Manni Giensch und Physiotherapeut Christian Peiler sind die Schmerzen der Prellung im rechten Sprunggelenk erträglich.

Heute sind nun die Schlachtenbummler eingetrudelt, aus Luhmühlen Julia und Hubertus Otto, und Rolf und Ulla Seidel, mit denen wir heute das herzogliche Schloss besichtigt haben. Der Duke himself lebt in Südafrika und schaut nur einmal im Jahr vorbei, die übrige Zeit überlässt er das propere weiße Gemäuer den Touristen. Wahrscheinlich ist es ihm hier zu kalt, and OMG, ich kann es ihm nachfühlen, während ich hier sitze und, mit zwei dicken Pullovern bestückt, in die Tasten haue.

Alle erzählen von irgendwelchen Anreiseschwierigkeiten wegen des Lufthansastreiks. Pauline, unsere Fotografin, telefoniert und mailt noch immer ihrem Koffer hinterher, der irgendwo zwischen Hamburg, Brüssel und Edinburgh verloren ging, mitsamt Kamera und Kontaktlinsen. Jetzt ist er in Toulouse aufgetaucht und mit zunehmender Verzweiflung wartet Pauline, ob er noch den Weg in unser Guest House in Aberfeldy, 20 Kilometer von Blair, findet, bevor wir wieder abreisen. Alles hat sein Gutes: Auf Kosten von Brussels Airlines durfte sich Pauline gestern in einem Outlet für Countrymode neu einkleiden: roter Kaschi, Ledermini, Blumenblüschen. Und auch sonst ist dies ein gefährliches Pflaster für charakterschwache Shopping-Addicts. Stand an Stand mit allem, was das elegante Landleben ziert, vom versilberten Weinkühler in Reithelm-Form, Tässchen mit Hunden und Pferden, karierten Jacken, Schals, Mänteln und Mützen in allen Variationen, bis man nur noch eckig sieht.

Das Pressezentrum füllt sich und seit zwei Stunden funktioniert auch das W-Lan. Davor bewegte es sich im Schneckentempo durch weltweite Netz. „Das sollte es nicht“, sagte unsere nette Pressechefin Bridget, eine dieser überschlanken, gebräunten Best Ager.  „Wir haben extra ein schnelles Internet bestellt.“ Wobei Geschwindigkeit ja relativ ist. Sie  machte sich dann sofort auf die Suche nach einem Techniker. Mit Erfolg, jetzt läuft es wie der geölte Blitz. Das Beste am Pressezentrum ist der Parkplatz: direkt neben dem Eingang. Da kann selbst Aachen nicht mithalten.


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