Blog drei zum Aufzuchtprojekt Escobar: Warum eigentlich ein Hengst?

7 Monat

Escobar mit sieben Monaten (© Privat)

Wenn man darüber spricht, einen Hengst reiten zu wollen, teilt sich das Pferdemenschen-Umfeld in zwei Lager – die „Oh, wie schön“-Finder auf der einen und die „Was soll das denn?“-Skeptiker auf der anderen Seite. Aber man kann das Thema auch differenzierter betrachten. Und welche Faktoren entscheiden überhaupt darüber, ob ein Pferd als Hengst aufwächst?

Bei der Entscheidung Hengst oder Wallach zählen als erstes die Interessen des Verkäufers/Züchters bzw. die Interessen des Käufers. Die wenigsten Züchter möchten ihre Fohlen selber aufziehen. Zu groß ist das Risiko, dass dem Zuchtprodukt etwas passiert und damit der wirtschaftliche Totalverlust eintritt.

Ebenso schwierig ist die Vermarktung von unausgebildeten Jungpferden. Meist stehen die entstandenen Kosten schon beim zwei- bis dreijährigen Pferd in keinem Verhältnis mehr zum erzielbaren Verkaufspreis. Kommen dann noch Röntgenbefunde im Rahmen einer Ankaufsuntersuchung dazu, stürzt der Wert des Pferdes in den Keller.

Das heißt, die einzige Möglichkeit in wirtschaftlich darstellbarer Form zu züchten – zumindest für den pferdeliebenden Züchter mit zwei bis drei Mutterstuten –, ist die Vermarktung des Nachwuchses im Saugfohlenalter.

Unterschiedliche Interessenlagen

Die Interessen der Käufer, die ein Fohlen oder einen Absetzer kaufen, liegen meist anders. Da gibt es die einen, die sich den Traum vom eigenen Pferd erfüllen wollen, welches sie von Klein auf kennen. Die anderen möchten ein potenziell hochwertiges Sportpferd zu einem überschaubaren Preis erwerben. Die dritte Gruppe sind die Vermarktungsbetriebe, die viele Fohlen einkaufen, aufziehen und verkaufen.

Die erste Käufergruppe verschätzt sich erfahrungsgemäß. Das fängt mit der pferdegerechten Aufzucht, den Kosten und der eigenen Unerfahrenheit an. Zu häufig entwickelt sich der große Traum zum finanziellen, medizinischen und/oder reiterlichen Albtraum – bei dem am Ende nicht selten Käufer und Jungpferd auf der Strecke bleiben.

Die zweite Gruppe besitzt in der Regel deutlich mehr Erfahrung, kauft mit völlig anderem Hintergrundwissen ein und hat meist auch ein Auge darauf, dass das zukünftige Sportpferd während der Aufzucht an Wert gewinnt und ist schließlich normalerweise auch in der Lage das junge Pferd entsprechend anzureiten und auszubilden.

In beiden Gruppen steht in der Regel als erstes die Kastration des Jährlings an, weil die Hengstaufzucht- und Ausbildung schwierig, teuer und ohnehin nicht Ziel des Ganzen ist.

Die Einkäufer der dritten Gruppe, meist die Zuchtberater der Hengststationen, stehen bei den Züchtern schon in den Wochen der Abfohltermine auf den Höfen. Nun wird in großem Stil eingekauft. Die vielversprechenden, mit „angesagten“ Pedigrees ausgestatteten Fohlen verschwinden frühzeitig vom Markt. Hier zählt nur die Masse. Passende Hengstfohlen gehen in die Hengstaufzucht, passende Sportabstammungen in die Massenaufzucht.

Ziel ist hier der wirtschaftliche Gewinn, wobei die wenigen Toppferde, die dabei herauskommen, ob als gekörter Hengst oder Sportpferd mit internationaler Option, die Masse der restlichen Jungpferde finanziell mittragen müssen. Medizinische Einzelschicksale während der Entwicklung der Fohlen bzw. Jungpferde können dabei nicht berücksichtigt werden.

Nur die Härtesten kommen durch

Stellt sich die Frage, was kommt eigentlich bei unseren Warmblutkörungen als potenzielle Vererber in der Zucht an? Nicht zwingend sind es die Besten der Besten, wie uns immer glauben gemacht werden soll. Aber unter den Bedingungen sind es vielleicht die Härtesten. Die Pferde, die es geschafft haben, verletzungsfrei durch die Aufzucht zu kommen. Die Pferde, die den Stress einer Massenaufzucht und den Stress der bereits zweijährig beginnenden „professionellen“ Hengstvorbereitung zur Körung überlebt haben und immer noch wunderschön daherkommen. Aber was ist mit den vielen anderen, mit denen, die das nicht gesund überstanden haben und den hunderten Junghengsten, die auf dem letzten Zahn noch durchhalten, dann aber in der Hauptkörung „durchgefallen“ sind?

Was ist mit denen, die mit Röntgenbefunden, positiven Dopingtests, Gendefekten und physisch angeschlagen zwar noch zur Körung zugelassen und vielleicht auch gekört werden? Wollen wir mit denen wirklich unsere Zucht in den nächsten Jahrzehnten begründen? Und wollen wir das wirklich auch auf Kosten der vielen hundert anderen Jungpferde, die dabei auf der Strecke geblieben sind und über die nie einer spricht?

Wollen wir weiterhin den Junghengsten zujubeln, die die anstrengende Zeit der Aufzucht, Körvorbereitung und Körung überstanden haben und dann in kürzester Zeit Bundeschampionate, Zuchtschauen, Turnierauftritte und Hengstleistungsprüfung absolvieren müssen? Ganz zu schweigen von Deckeinsätzen und reiterlicher Ausbildung in abgekürzter Form, so dass die hochgejubelten Vererber schnell auf der großen sportlichen Bühne erscheinen, weil nur so rechnet sich das Deckgeschäft.

Hengste sind besonders

Ich liebe es, mit Hengsten umzugehen, sie sind unfassbar genau in ihrer Einschätzung welchem Menschen sie vertrauen können, ob eine Maßregelung im Umgang gerechtfertigt ist oder ob der Mensch unfair agiert. Aber genau das macht sie auch so verletzlich.

Gewalt und unfairer Umgang stresst Hengste mehr als viele Wallache. Das führt auch zu den vielen Einsätzen von Pharmaka in der Ausbildung und Körvorbereitung. Wie oft haben wir schon die überdrehten und/oder überforderten Hengste im Körgeschehen gesehen, denen zum Schluss im Schrittring die Augen zufielen und die Schwierigkeiten hatten, ihren eigenen Schlauch zu kontrollieren.

Seit meiner Bereiter-Lehrzeit in der deutschen Reitschule am Nordrhein-Westfälischen Landgestüt, in der Hengste meinen Alltag bestimmten, ist der Wunsch nach einem selbst ausgebildeten Hengst über Jahrzehnte bei mir präsent geblieben.

Ob ein Saugfohlen dreijährig gekört werden könnte, ist in der ersten Lebenswoche genauso schwierig zu sagen, wie die Überlegung, ob sich ein Kleinkind im Erwachsenenalter für eine Modelkarriere eignen wird. Die Anlagen, die ein Hengstfohlen mitbringen sollte, sind hingegen klar definiert.

Bereits beim Fohlen wünscht man sich in den ersten Tagen vom Typ her einen edlen Kopf mit klaren Konturen, prägnant ausgeprägte Gelenke, gut eingeschient in die Röhrbeine, eine saubere Stellung und Konstruktion des Fundaments, eine gut gewinkelte Hinterhand, eine schräge Schulter mit markanter Muskulatur, eine harmonische Oberlinie mit einem gut angesetzten Hals und leichtem Genick mit entsprechender Ganaschenfreiheit. Und natürlich nicht zuletzt ein ruhiges, offenes Auge mit einem klaren, aufgeweckten Blick.

Hier soll ein Fohlen bereits zeigen, dass es mutig und mit einem gesunden Selbstbewusstsein ins Leben gestartet ist. Verschreckte kleine Angsthasen werden sich auch später im Leben schwertun, die Welt von ihrer Qualität zu überzeugen.

Dabei ist es erst mal unerheblich, ob hier ein Körkandidat stehen soll, oder ein potenzielles Sportpferd. Erfolgsversprechende Pedigrees bringen inzwischen unendlich viele deutsche Warmblüter bereits bei der Geburt mit. Hat das Fohlen noch das Glück, aus einer Mutterlinie zu stammen, in der die Stuten ihren Kindern das wesentliche Quäntchen Sozialkompetenz mitgeben, ist die Basis gelegt. Die gewünschten Anlagen benötigen beide gleichermaßen, das Sportpferd, wie der Körkandidat. Über den weiteren Lebensweg entscheidet der Mensch – siehe oben.

Projekt Escobar

Die Idee, Escobar nicht nur für mich als Reithengst aufzuziehen und auszubilden, sondern ihn auch zur Körung vorzustellen, ist bei mir nach dem Kauf entstanden. Können wir Hengste noch artgerecht aufziehen, pferdegerecht für die Körung ausbilden und halten sie dann auch den Vergleich mit den „anderen“ stand? Wenn ja, können wir uns dann nicht dafür einsetzen, dass nicht mehr so viele den seit Jahren üblichen Leidensweg gehen müssen? Wenn nein, müssen wir uns dann nicht erst recht dafür einsetzen, dass sich im Sinne unserer Pferde wieder etwas ändert?


Allgemein Wissenswertes zum Thema Aufzucht hat Dr. Eva Miersch hier zusammengestellt.