Dabei sein ist alles? Olympia und das Coronavirus

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Moment mal! Die Kolumne von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© Foto Bugtrup/Montage: www.st-georg.de)

Ist es Hysterie oder tatsächlich nur eine neue Krankheit, deren Ausmaß und Folgen auch Experten nicht abschätzen können. Fakt ist: Das Coronavirus und Großveranstaltungen passen nicht wirklich gut zusammen. Und das gilt auch für die Olympischen Spiele Spiele in Tokio 2020, sagt St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer.

Während das Internationale Olympische Komitee (IOC) demonstrative Gelassenheit zur Schau trägt, mehrt sich die Sorge, dass die Olympischen Spiele im Juli/August in Tokio durch das Corona-Virus gefährdet sind. Es fällt bereits das Wort „Absage.“

Die Infektionskrankheit, die die Atmungsorgane angreift und deren Verlauf von sehr milde bis tödlich geschildert wird, hat inzwischen alle fünf Kontinente erfasst. Aktuelle Zahlen (Stand 2. März 2020) der World Health Organisation (WHO) sprechen von 87.137 Infizierten, 1739 mehr als am Tag zuvor. Die weitaus meisten Fälle wurden in China registriert (79.968), dort sind inzwischen 2873 Menschen gestorben. Auch Japan ist betroffen, wenn auch „nur“ mit 239 Fällen, nicht mitgerechnet die Erkrankungen auf dem unter Quarantäne gestellten Kreuzschiff „Diamond Princess“. Die Schulen sind bis Ende März geschlossen, und zum Tokio Marathon wurden statt 28.000 nur 200 Teilnehmer zugelassen.

Auch anderswo wurden Sportveranstaltungen abgesagt oder ohne Publikum vor leeren Rängen durchgeführt. Zwei Reitsportveranstaltungen in Hongkong fielen aus, beide Mitte Februar: einmal die Station der Masters Springreiterserie und die Asien-Pferdewoche. Man spricht von vorsorglichen Maßnahmen, die mit der Regierung abgestimmt wurden.

Auf der Website der FEI findet sich ein wolkiges Statement, man verfolge die Coronavirus-Situation sorgfältig und stehe in Kontakt mit dem IOC und den Tokio-Veranstaltern. Das ist wohl das Mindeste, was man von einem Weltverband erwarten kann. Außerdem empfiehlt die FEI, sich oft die Hände zu waschen und sich von hustenden und schniefenden Leuten fernzuhalten. Wären wir so nicht drauf gekommen.

In Tokio gehen die Vorbereitungen weiter, als sei nichts geschehen. In elf Tagen wird im antiken Olympia die olympische Flamme entzündet und am 19. März soll sie in Athen einer japanischen Delegation übergeben werden. Eine Woche später startet in Fukushima der Fackellauf, er dauert 121 Tage, ganz Japan soll daran beteiligt werden. So ist der Plan, der womöglich geändert werden muss. 98 Prozent der japanischen Bevölkerung lebt nur eine Auto- oder Zugstunde von der Laufroute entfernt. Toshiro Muto, der Chef des Organisationskomitees in Tokio, spricht von einer möglichen Reduzierung des Fackellaufs. „Wir werden überlegen, wie wir ihn durchführen können, ohne den Virus weiter zu verbreiten.“

Noch weniger optimistisch klingt der japanische Virologe Hitoshi Oshitani: „Zur Zeit haben wir keine effektive Strategie.“ Es sei schwierig, die Spiele planmäßig am 24. Juli beginnen zu lassen. „Ein Damoklesschwert hängt über den Spielen“, sagt auch Hans-Georg Predel. Der Sportmedizin-Professor von der Sporthochschule Köln spricht von Olympia als internationaler Begegnungsplattform mit vielfältigstem Austausch. „Ein Albtraum für jeden Infektiologen.“

Noch bleiben acht bis zehn Wochen, um die Krankheit in den Griff zu bekommen. Japan erwartet zwei Millionen Olympiatouristen, die sich nach den Spielen wieder über den ganzen Erdball verteilen. Die Süddeutsche Zeitung spricht von einer „Virus-Zentrifuge“, wenn der Erreger bis dahin nicht eingedämmt ist. Am Ende hat nicht mehr das IOC sondern die Weltgesundheitsorganisation das Sagen in dieser Angelegenheit.

In Frage kommt im schlimmsten Fall wohl nur eine Absage, keine Verschiebung, die die Kalender aller olympischer Sportarten, der Sponsoren und Fernsehsender durcheinanderbringen würde. Am Ende geht es auch wieder ums Geld: 900 Millionen Dollar hat das IOC für den Notfall geparkt, davon müssten finanziell schwache Weltverbände wie Judo, Volleyball und Bogenschießen finanziert werden, Milliarden an Einnahmen fielen weg. Tokio hat bereits 26 Milliarden Dollar in die Spiele investiert. Ob man sich gegen Risiken wie eine Pandemie versichern kann, ist mehr als fraglich.

Im übrigen ist das Szenario so neu nicht, aber globaler. Vor Rio 2016 trieb die Gelbfiebermücke in Brasilien ihr Unwesen, die den Zika-Virus überträgt, eine für Schwangere und ihre ungeborenen Kinder lebensgefährliche Krankheit. Ihr wurde mit 220.000 Soldaten zu Leibe gerückt, auch da wurde schon von Absage gesprochen. Und vor den Spielen in Seoul 1988 tauchte plötzlich eine ominöse Pferdeseuche auf, die zu Beginn der Spiele ihren Schrecken verloren hatte. So wie hoffentlich der Corona Virus am 24. Juli, der Tag, an dem in Tokio das olympische Feuer entzündet werden soll.


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