Dressur-EM Hagen: Jessica v. Bredow-Werndl – Die Krönung

pochhammer_moment_mal_web

Moment mal! Die Kolumne von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© Foto Bugtrup/Montage: www.st-georg.de)

Fünf Goldmedaillen in sechs Wochen: Jessica v. Bredow-Werdl greift nicht nur nach den Sternen, sie hält sie fest in Hand. Und Weihegold sagt vielleicht schon leise Servus. Zeit für St.GEORG-Herausgeberin Gabriele Pochhammer einen Moment mal über die Dressur zu sinieren.

Die Europameisterschaft der Dressurreiter musste ich mir diesmal im Fernsehen anschauen, abwechselnd ARD und Clipmyhorse. Das ist zwar nicht so schön wie live dabei, hat aber auch Spaß gemacht. Ich stelle mir vor, ich sei ein „ganz normaler“ Zuschauer, der mit Dressur wenig am Hut hat, und muss sagen, ich hätte mich, auch wenn ich weniger in der Szene zuhause wäre, gut informiert gefühlt von meinen Kollegen an den Mikrofonen. Auch auf dem Bildschirm kam die besondere Atmosphäre rüber, die über diesem Championat auf dem Hof Kasselmann schwang. Das lag nicht nur an der romantischen Kulisse. Wie die Springreiter-EM in Riesenbeck eine Woche zuvor wurde das sportliche Großereignis ja nicht in einer Metropole, sondern auf dem platten Land ausgetragen. Wobei im Falle Hagen das Land keineswegs platt ist, hügelig und bewaldet. In beiden Fällen hat ein starker Motor das Event erst möglich gemacht. In Riesenbeck war dies Ludger Beerbaum, in Hagen Ullrich Kasselmann bzw. sein Sohn Francois, beide unterstützt von einem starken Team.

Isabell Werth: 33 Jahre Dressurkarriere hinter sich – und vor sich?

Die besondere, schwer zu beschreibende Atmosphäre lag auch an den beiden Hauptakteurinnen, an Jessica v. Bredow-Werndl und Isabell Werth, die beiden Frauen, die den Dressursport in den letzten beiden Jahren prägten. Die eine, Isabell, ist eine Ikone mit zwölf Olympiamedaillen, hinter sich eine Dressurkarriere von 33 Jahren, wenn wir mit ihrem ersten EM-Titel bei den Jungen Reitern auf Weingart 1988 beginnen. Und vor sich? Wir wissen es nicht, vielleicht weiß sie es nicht mal selbst. Vielleicht doch und sie sagt es nur nicht.

Was wir wissen: Wir werden die treue Weihegold wohl auf keinem Championat mehr sehen. Ich habe dieses Pferd ganz besonders in mein Herz geschlossen, weil alles an der Stute Menschenfreundlichkeit und Leistungsfreude ausstrahlt. Es gibt viele Dinge, die andere besser können als sie, im Prinzip alle Verstärkungen in den Grundgangarten, aber keines piaffiert und passagiert so mühelos und unermüdlich, dabei fast immer deutlich vor der Senkrechten, heute ja schon fast die Ausnahme, wie die 16-jährige Don Schufro-Tochter, die Königin dieser beiden schwierigen Lektionen. Sie tut nicht nur ihre Pflicht – wenn Pferde denn überhaupt die Pflicht haben, irgendetwas zu tun – sie gibt immer alles und manchmal noch viel mehr. Dieses Pferd läuft auf seinem Charakter.

Schon im Grand Prix in Hagen sah man, dass ihr die Piaffen nicht mehr so leicht gelingen wie früher, in der Kür schließlich wurde es noch deutlicher und wer es nicht gemerkt hatte, wusste es spätestens, wenn er in Isabells Gesicht schaute. Nicht die übliche fröhliche Angriffslust, eher ein tapferes „Wir-bringen-dies-jetzt-zu-Ende“, immer wieder ein leichtes Klopfen, eher ein Streicheln des Pferdehalses, und beim Rausreiten kein übermütiges Faust-in-die Luft-recken, sondern ein zurückgenommenes Lächeln, das zu sagen schien: „Wir haben auch diesmal unser Bestes gegeben, aber es hat nicht gereicht.“ Man könnte es, wie Isabell, als ein Defizit an Prüfungsroutine in diesem Jahr deuten, aber auch als den Anfang eines leisen Abschieds. Im Interview nach dem Ritt sagte Isabell „Der Akku war leer.“

In Aachen sollte ihr „Herzenspferd“, die strahlende Bella Rose verabschiedet werden, die ihr in Tokio zu Goldmedaille Nummer sieben und Silber Nummer fünf verhalf. Eine Kolik mit folgender OP verhinderte den öffentlichen Abschied, er soll nachgeholt werden. Jetzt tritt Isabell mit Quantaz in der Soers an, natürlich hat sie weitere Talente im Stall, und vielleicht ist ja eine neue Bella Rose oder Weihegold dabei. Etwa die neunjährige Rappstute Superb, der sie ein „unwahrscheinliches Körpergefühl“ bescheinigt. Superb hat sich in München in diesem Jahr für das Finale um den Louisdor-Preis. Paris ist schon in drei Jahren, Isabell hat uns immer wieder überrascht, gerade wenn sie unter Druck steht. Schließlich ist sie der personifizierte Toyota-Werbeslogan: „Nichts ist unmöglich.“

Das Gesamtkunstwerk

Der Thron ist schon wieder neu besetzt. Jessica von Bredow-Werndl und Dalera sind zur Zeit das Maß aller Dinge, haben sich die fünf wichtigsten Goldmedaillen des Dressursports in den letzten sechs Wochen geholt: zweimal Olympia-Gold, dreimal EM-Gold. An ihr können die Konkurrentinnen nur vorbeigaloppieren, wenn Jessica und ihre Trakehnerstute Fehler machen. Man muss da gar nicht gendern, es sind ja vor allem Frauen, die die Lorbeeren auf dem Viereck ernten. Die beiden sind ein Gesamtkunstwerk. Es fängt mit der Reiterin an: Perfektes Erscheinungsbild von Helm bis Stiefel, da entgleisen niemals die Gesichtszüge, selbst wenn Freudentränen rollen, und jeder Satz, den Jessica zu sich, ihrer Familie, ihren Pferden und ihrem Sport, ja zu ihrem ganzen Leben sagt, ist so, dass man ihn sofort drucken könnte: Wahr und doch spontan, überlegt formuliert und doch nicht aufgesetzt. Und das ein bisschen festgefrorene Dauerlächeln während der Aufgabe hat sie auch nicht mehr nötig. Wenn Jessica neben ihrem Pferd bei der Verfassungsprüfung dahin federt, dann sieht man eine athletische junge Frau, genauso durchtrainiert wie ihre Stute. Dalera ist „nackt“, also ohne Sattel und Kandare, kein Hingucker, eine ziemlich normale Mitteleuropäerin: Kopf ein bisschen groß, Hals ein bisschen dünn, alles ein bisschen lang. Aber unter dem Sattel ist sie nicht wiederzuerkennen. Dieses Pferd kann alles. Es gibt kaum eine Lektion, für die die Stute nicht eine „Zehn“ bekommen könnte, wenn alles optimal gelingt. Zum Glück ist Vollendung ja nicht von dieser Welt, sonst könnte die Konkurrenz schier verzweifeln. Sie wolle weiter auf der Welle surfen, die sie gerade so schön nach oben trägt, sagte Jessica in Hagen. Sie weiß natürlich, dass jede Welle auch wieder abschwingt. Aber wenn man Glück hat, auch wieder hinauf.

Auch interessant

Trotz Fehler: Jessica von Bredow-Werndl gewinnt souverän Gold bei Europameisterschaft

Sir Carl – das wär doch was!

Das weiß auch Charlotte Dujardin mit dem erst neunjährigen Gio. Mit Valero hatte sie den Dressurthron vor zehn Jahren inne, gewann alles, was es gab, und durfte der Queen im Windsor Park vorreiten, ein Privataudienz im Sattel gewissermaßen. Dass die englischen Dressurreiter heute mit den Besten der Welt um Medaillen konkurrieren, verdanken sie einem Mann: Carl Hester. Ohne Carl, der seinen Valegro einst Charlotte überließ und sie immer wieder mit guten Pferden versorgt, der auch heute noch nicht nur einer der besten Reiter, sondern auch Ausbilder der Welt ist, darüber hinaus einer der nettesten Menschen, die ich kenne, Carl sollte zum Ritter geschlagen werden, fand die britische Pferdesportzeitung Horse und Hound. Genau, das wird wirklich Zeit. Nur: Wer steckt das jetzt mal der Queen?

 


  1. Claudia Reher

    Neben der pointierten Feder von Jan Tönjes schätze ich so sehr die klugen, interessanten, hintergründigen und nicht minder amüsant geschriebenen Blogs von Frau Pochhammer. Danke dafür!

  2. Ralf Claus

    Hallo Frau Pochhammer,
    auch diesen Artikel haben Sie mit viel Herz geschrieben. Ein toller Beitrag. Fünf Medalien in so kurzer Zeit zu erringen, wird keinem Anderen gelingen. Ohne Isabell Werth wird es für uns Reiter langweilig. Sie hat ja nicht das Jahr genannt. Wir möchten dass Sie weiter reitet. Ich wünsche allen Pferdeverrückten ein tolles Tunier in Aachen.

  3. Luise

    Vielen Dank für diesen interessanten und schönen Artikel! Habe die EM selbst mit Spannung verfolgt und mir dabei genau die Fragen gestellt und Gedanken gemacht, die Sie im Artikel erörtern – bis aud den Ritterschlag von Carl. Eine tolle Idee. Es sei ihm von Herzen gegönnt.

  4. Péatrice A. Puerchler-Teller

    Frau Pochhammer, Sie lassen sich genauso blenden wie ein Großteil der Zuschauer und „Follower“ der professionell gemanagten Reiterin mit Yoga-Zimmer. In der Reiterszene ist Frau Werndl wenig bis gar nicht gelitten. Und das wissen Sie selbst genau! Auch im Nationateam ist sie Aussenseiterin! Was hier als „spontan“ und „natürlich“ beschrieben wird ist berechnetes Kalkül und knallhart aufgesetzt. Alleine das stupide und penetrante Dauergrinsen ist antrainiert.
    Obwohl ich glaube, dass Sie das durchaus selbst bemerken und das Ganze auch wissen; es ist nur einfacher für Sie, hier mit dem Strom zu schwimmen (schreiben), als diese aalglatte „Athletin“ so zu beschreiben, wie sie ist.
    Denn in Ihrem Artikel in der SZ vom 14.09 fällt Ihnen das durchaus auf, das hier (mit langer Hand) eine Blendwerk aufgebaut wurde . „Wenn sie bei ihrer Rückkehr aus Tokio am Münchner Flughafen den Koffer fallen lässt, ihren kleinen Sohn umarmt, der ihr entgegenläuft, und alles das Sekunden später in den sozialen Medien zu sehen ist, dann weiß man, dass die Szene kein Zufall war.“ Und der letzte Satz hierzu entlarvt Sie dann auch: „Aber sie ist trotzdem schön.“. Genauso schön, wie die social-mediale inszenierte Verabschiedungsveranstaltung aus dem Sport von Unee, bei der sie im weißen Kleid ohne Sattel einen Weg mit verstreuten Rosenblätter in die Kamera ritt….. wer macht so etwas schon? Und für wen? Fürs Pferd garantiert nicht, der steht lieber auf der Koppel.
    Aber da Sie schon so schön das Bild der umsorgenden Mutter bemühen: wer auf dem Turnier sein gerade erst 4j. Kind bis weit nach Mitternacht durch die Gegend schleift, anstatt dieses – wie es sich gehört – um spätestens 20.00 Uhr ins Bett zu bringen (bringen zu lassen), erfüllt die auch noch Ihr Bild der Frau, bei der alles perfekt ist? Das ist nur egozentrisch und nicht kindgerecht! Punkt. Aber das thematisiert natürlich keiner! Stört ja auch nur das aufgebaute schöne blitzsaubere Bild…..

    • Anja Sieg

      Wäre es jetzt nicht mal wieder an der Zeit, moderierend einzugreifen?
      Egal, ob Fan von Jessica von Bredow-Werndl oder nicht, aber solchen Trollen sollte/darf keine Bühne geboten werden. Im St. Georg schon gar nicht. Warum bleibt so eine Tirade hier unkommentiert stehen???? Oder habe ich etwas verpasst, was das legitimiert?

      • Nelly

        Anja Sieg, kann ich nur zustimmen. Angefangen mit dem ironisch abgewandelten „Namen“ der Dalera-Besitzerin. Man kann ja von v. Bredow-Werndls Social-Media-Auftritten halten was man möchte. Muss man ja nicht angucken. Entscheidend ist „auf’m Platz“. Hier liefert sie überragende Ritte mit einer zufriedenen Dalera ab.


Schreibe einen neuen Kommentar