Es nervt!

pochhammer_moment_mal_web

Moment mal! Die Kolumne von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© Foto Bugtrup/Montage: www.st-georg.de)

Das quälende Warten geht weiter, der Corona-bedingte Lockdown wird verlängert, bis wann weiß keiner. Das Jahr 2021 gibt wenig Anlass zur Vorfreude.

Der eine oder andere erinnert sich vielleicht aus Schulzeiten noch an die Lektüre des absurden Theaterstücks „Warten auf Godot“ von Samuel Beckett. Zwei Menschen warten auf einen dritten, besagten Godot. Der kommt aber nie, stattdessen ereignen sich allerlei merkwürdige Dinge. Warten ist auch für uns das Gebot der Stunde, auf das Ende des Lockdowns, das ferner scheint denn je, wenn am heutigen Dienstag die Landes- und Bundespolitiker die Verlängerung bis Ende Januar beschließen. Nur Optimisten glauben, dass am 1. Februar alles wieder ist wie gehabt.

Die Kolumnistin in meiner Lieblingszeitschrift (nach St.GEORG natürlich), der britischen Country Life, hat vorgeschlagen, der Weltbevölkerung den Nobelpreis für geduldiges Warten zu verleihen. Was ja nicht für alle gilt, nicht für die Uneinsichtigen, die die Schneegebiete stürmen, und nicht für die Idioten, die eine Techno-Party feierten, die die französische Polizei erst nach zwei Tagen beenden konnte. Warum das solange dauerte, warum man nicht einfach den Stecker aus der Musikanlage ziehen und dem Spuk in zwei Stunden ein Ende setzen konnte, ist mir allerdings ein Rätsel.

Auch die meisten Reiter und Pferdeleute warten geduldig auf Dinge, die so normal sind, das wir in Vor-Pandemie-Zeiten gar nicht darüber nachgedacht, sondern sie als selbstverständlich hingenommen haben. Die Pfeiler unseres Sportjahres, wie die proppevollen Hallen in Neumünster, Leipzig und anderswo, 2020 zwei der letzten „richtigen“ Turniere vor der Pandemie, drohen auch in diesem Jahr wegzubrechen, für viele Veranstalter schon zum zweiten Mal in Folge. Das wird nicht jedes Event überleben. Wer wagt noch auf ein „normales“ CHIO Aachen oder Derbyturnier 2021 zu hoffen, mit zigtausend Zuschauern, die sich auf der Tribüne drängeln und durch die Verkaufsausstellungen schieben?

Olympia Tokio: Rundum-Kontrolle und bitte nicht zu laut lachen

Wer mag sich noch auf die Olympischen Spiele in Tokio freuen, auch wenn die Japaner nichts unversucht lassen, die Situation zu meistern? Es wird, wenn die Spiele denn stattfinden – worauf nur wenige wetten würden– eine Art olympische Notausgabe werden. Entsprechende Notfallpläne werden derzeit erstellt. Und die klingen nicht lustig. Sie betreffen die Athleten, die Zuschauer, vor allem die aus dem Ausland, und alle anderen an den Sportereignissen Beteiligten.

Das was die Olympia-Organisatoren „New Lifestyle“ nennen, ist nicht anderes als eine Kasernierung der Sportler, die sich praktisch 14 Tage lang in einer Blase zwischen Olympischem Dorf, Shuttle und Sportanlage bewegen, dabei immer wieder getestet werden und nahezu alle Kontakte vermeiden müssen. Wer positiv getestet wird, ist raus aus dem Wettkampf, auch wenn er keine Symptome zeigt. Er muss dann in Quarantäne und bis die vorbei ist, sind es höchstwahrscheinlich auch die Olympischen Spiele.

Ähnliches gilt auch für die anderen, vor allem Besucher aus Übersee, und das sind ja quasi alle, die nicht aus dem asiatischen Raum kommen. In einem 53-Seiten dicken Dossier sind die vorläufigen „Covid-19 Countermeasures“ aufgelistet, sie sollen im Frühjahr noch präzisiert werden, dann sind es wahrscheinlich ein paar hundert Seiten. Viele Maßnahmen sind uns inzwischen geläufig, wobei die Maskenpflicht bei tropischer Sommerhitze auch noch mal eine Herausforderung sein wird. Beim Essen dürfen die Masken allerdings abgenommen werden, immerhin.

Zu den Ratschlägen gehört auch, lautes Sprechen und andere aerosol-ausstoßende Gefühlsausbrüche zu vermeiden und sich nicht länger in Gruppen aufzuhalten als unbedingt notwendig. Die Sportler wie auch andere an den Spielen Beteiligte müssen auf ihren Handys eine App installieren, mit der alle Aufenthaltsorte und Kontakte lückenlos verfolgt werden können und positiv Getestete sofort ausfindig gemacht und separiert werden können. Von Impfungen, die viele Maßnahmen überflüssig machen könnten, ist keine Rede, und das ist ja wohl auch gut so, wenn man allein in Deutschland das Impf-Chaos betrachtet.

Der schönste Grund zu Vorfreude: die Fohlen des Jahres 2021

Die rechte Vorfreude auf das Jahr 2021 mag also nicht aufkommen. Und dabei geht es ja nicht mal vordringlich um den Sport auf großer Bühne. Es geht um die vielen Existenzen auch im Pferdebereich, in den Reitschulen, in der Zubehörindustrie, die auf der Kippe stehen. Es geht auch um unser tägliches Miteinander mit unseren Pferden. Die wenigsten von uns streifen als „lonesome Cowboys“ umher, wir alle vermissen den Plausch auf der Stallgasse, die Reitstunde in der Gruppe, das gemütliche Beisammensein im Reiterstübchen, das Treffen mit den Züchterkollegen bei den Hengstschauen, die wohl in diesem Jahr vorwiegend ins Netz verlegt werden müssen. Und das alles ohne die Gewissheit, wann es besser wird und wir unser altes Leben zurückbekommen. Wenn denn je.

Wir warten und hoffen, dass das Ende des Lockdowns anders als Godot irgendwann kommt. Ein bisschen Grund zu Freude haben wir ja trotz allem, allein weil wir weiterhin zu unseren Pferden dürfen, um deren Betreuung und Bewegung sicherzustellen. Und weil wir uns als Züchter auf unsere Fohlen freuen. Bis die erwachsen sind, hat Covid-19 seinen Schrecken verloren. Hoffentlich.