Hamburger Heldensagen

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Moment mal! Die Kolumne von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© Foto Bugtrup/Montage: www.st-georg.de)

Morgen beginnt in Hamburg das Derbyturnier. Zum 90. Mal treten am Sonntag rund 25 Reiter an, um über den legendären Kurs ihr Glück zu versuchen.

Auch wenn die Weltelite der Springreiter vor allem anreist, um in der Global Champions Tour und League zu punkten (und zu verdienen), ist es das Springderby, das die Pferdesportfreunde aus ganz Norddeutschland nach Kleinflottbek lockt.

Kein Springen der Welt ist so von Anekdoten und Legenden umrankt wie der Hamburger Klassiker und das, obwohl er wie ein Dinosaurier aus der Welt der bunten, leichten Stangen des internationalen Turniersports zu ragen scheint.

Kein Topreiter nimmt heute noch sein Spitzenpferd für den 1250 Meter langen Parcours, dafür ist das spezielle Training für die naturfarbenen Ungetüme zu aufwändig. Das war nicht immer so.

Halla und Meteor, die Pferdelegenden der 50er- und 60er-Jahre unter ihren nicht minder berühmten Reitern Hans Günter Winkler und Fritz Thiedemann, finden sich ebenso auf der Siegerliste wie der Olympiasieger von 1960, Posilippo von Raimondo d’Inzeo (Italien), der vierbeinige Weltmeister Roman von Gerd Wiltfang, Hugo Simons Weltcupsieger Gladstone und E.T., die deutschen Championatspferde Livius von Peter Luther und Silbersee von Dr. Michael Rüping.

Deister, das „Lebenspferd“ von Paul Schockemöhle, stand zwar nie ganz vorne, war aber einmal Dritter und zweimal Vierter, zwei von den vergeblichen Versuchen des dreifachen Europameisters, das Blaue Band seiner beachtlichen Trophäensammlung einzuverleiben.

Schockemöhle hat auf andere Weise Derbygeschichte geschrieben: Vor 20 Jahren übernahmen er und Volker Wulff die Organisation und Vermarktung des Derbyturniers. Mangels Top-Beteiligung drohte es in der sportlichen Bedeutungslosigkeit zu versinken. Heute ist es als Teil der Riders Tour und umrankt von der Global Champions Tour und League wieder finanziell auf festeren Füßen.

Das Preisgeld des gesamten Turniers beträgt heute 1,45 Millionen Euro brutto. Der Sieger in der Global Champions Tour, also im Großen Preis, erhält 95.000 Euro, der Derbysieger 30.000 Euro.

Zwar gilt der Derbyparcours, den der begeisterte Jagdreiter Eduard Pulvermann einst nach dem Vorbild der Landschaft seiner ostholsteinischen  Heimat schuf, als unverändert seit der Premiere im Jahre 1920, aber mit einigen Änderungen wurde er dennoch der heutigen Zeit angepasst.

Zu den Hindernissen, die es in sich haben, zählen die Irischen Wälle, gleich am Beginn. Schon ihre Position rechts und links vom Ausgang verführt das eine oder andere Pferd, hier links abzubiegen und die Veranstaltung zu verlassen. Zumal die meisten von ihnen solche Hügel das ganze Jahr über nicht zu sehen bekommen. Die Wälle wurden in den 1990er-Jahren oben abgeflacht, die Pferde können (über die 1,40 Meter hohe Stange davor) mit einem Satz heraufspringen.

„Früher war das Profil oben rund, da sprangen die Pferde nur mit den Vorderbeinen hoch und mussten mehr oder weniger hochkrabbeln“, sagt Volker Wulff, „Das ging unheimlich auf die Fesselträger und ergab häufig Verletzungen. Heute kommt die Sprungfolge mehr dem natürlichen Bewegungsablauf des Pferdes entgegen.“

Größtmögliche Sicherheit war auch der Grund, warum der Buschoxer, Hindernis Nummer 11, verändert wurde, zwar nicht in Höhe und Breite, aber in der optischen Anmutung. Die Büsche wurden herunter geschnitten, sodass die Pferde die hintere Stange sehen und nicht mehr in die Versuchung kommen, in der Mitte aufzufußen – was häufig einen  Sturz nach sich zog.

Andere Hindernisse wurden dem gehobenen Niveau von Reitern und Pferden angepasst: Gleich das zweite Hindernis, ein Oxer, wurde deutlich verbreitert, die Gartentore am Ende liegen auf flacheren Auflagen und fallen dementsprechend schon bei leichter Berührung.

Der spektakuläre Wallabstieg wurde befestigt, um für alle Reiter gleiche Bedingungen zu schaffen und nicht die letzten Starter zu begünstigen, weil sie den „Trampelpfad“ ihrer Vorreiter nutzen konnten. Mit der folgenden weißen Planke 1,60 Meter hoch, ist der Große Wall eines der entscheidenden Hindernisse im Derbyparcours. Wer hier ungeschoren rüberkommt, kriegt schon mal einen ordentlichen Applaus.

Und wer nicht runterkommt, hat zumindest manchmal die Lacher auf seiner Seite. So wie Ludger Beerbaum, der ein weißes Taschentuch als Zeichen der Kapitulation schwenkte, als sich der eigensinnige Rush On weigerte, in die Tiefe zu klettern.

Hier endete auch die Reise von Rodrigo Pessoa bei einem seiner Versuche, den sieben Derbysiegen seines Vaters Nelson, Rekordhalter bis heute, wenigstens einen einzigen entgegenzusetzen.

Kleine und große Heldentaten vollbrachten nicht nur die Sieger. Der allererste, der den Parcours fehlerfrei überwand, war der Hamburger Kaufmann Herbert Neckelmann auf Raubritter im Jahre 1935. Aber in der Siegerliste sucht man ihn vergebens, weil der nach ihm startende Günter Temme auf Nordland ebenfalls ohne Abwurf und im Stechen fehlerfrei war. So was nennt man wohl Pech.

Zu den unspektakulären Helden des Derbys gehört der Braune Faro (Deutsches Sportpferd), der unter drei verschiedenen Reitern, Björn Nagel, Karsten Huck und Alois Pollmann-Schweckhorst, siebenmal in Hamburg startete und jedesmal platziert war.

Unvergessen auch die couragierten Ritte der Vielseitigkeitsweltmeisterin von 2014, Sandra Auffarth, die 2018 den Sieg noch in der Hand hatte, aber im Stechen den zugerufenen Rat von Paul Schockemöhle nicht mehr umsetzen konnte: „Nimm sie vor den Eisenbahnschranken zurück!!“ Das klappte nicht und dann fielen doch die beiden hochgehängten unfreundlichen Stangen und damit der Traum von Sieg.

Aber wer weiß, Sandra Auffarth ist auch diesmal dabei und das Derby ist bei der 90. Auflage wie immer für neue Heldengeschichten gut.