Moment Mal! Der neue Reiter …

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Moment mal! Die Kolumne von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© Foto Bugtrup/Montage: www.st-georg.de)

… will nicht reiten, sondern lieber mit seinem Pferd spazieren gehen. Das wäre – zugegeben grob vereinfacht – ein Schluss, den man aus der neuen Ipsos-Studie der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) ziehen könnte. Auch wenn sich vieles in den letzten 19 Jahren seit der ersten Marktforschungsstudie nicht geändert hat, erlaubt die Datensammlung doch interessante Erkenntnisse über Reiter und Pferde.

Natürlich ist, wie wir alle wissen, der neue wie der alte Reiter meist eine Reiterin – auf Sternchen- und anderen Genderquatsch kann man hier getrost verzichten. (Hallo Feministinnen: Dies ist eine Meinungskolumne!) Männer sind die Minderheit in unseren Pferdeställen. Das war schon vor fast 20 Jahren so, als die FN die erste Studie über die Pferdesportler in unserem Lande in Auftrag gab, und hat sich eher verstärkt. Bei den Organisierten Mitgliedern, also denen, die über einen Reitverein auch Mitglieder der FN sind, wie bei den Nicht-Organisierten.

Insgesamt hat sich freilich erstaunlich wenig geändert, sieht man davon ab, dass der durchschnittliche Reiter rund zehn Jahre älter ist als im Jahre 2001. Das ist vielleicht das größte Problem, das die vom Meinungsforschungsinstitut Ipsos durchgeführte Studie offenbart. Ihr liegen rund 10.000 Befragungen zugrunde, die teils übers Internet geführt wurden. Von denen, die angaben, sich für Pferdesport (dazu gehört auch Voltigieren und Fahren) zu interessieren, wurden rund 400 Personen genauer interviewt.

Naturverbundenheit, die Liebe zum Tier, das sind die Reize, die die meisten in den Pferdestall zieht. Für die Menschen, deren Glück der Erde nicht auf dem Rücken der Pferde, sondern am anderen Ende eines Führstricks liegt, ist damit der Reitstall im Grunde so etwas wie die Hundeschule. Dort lernt man idealerweise den richtigen, sicheren Umgang mit dem Vierbeiner. Dagegen ist nichts einzuwenden. Wenn FN-Generalsekretär Soenke Lauterbach sagt, man müsse diese Trends erkennen, dann heißt das, mehr Angebote für die pferdeliebenden Nichtreiter zu entwickeln. Das ist mit dem Abzeichen für Bodenarbeit bereits geschehen, weiteres ist in Planung. Diese Gruppe wurde übrigens vor 19 Jahren noch gar nicht wahrgenommen, also auch nicht befragt.

Ausreiten liegt im Trend

Wer dennoch in den Sattel steigt, will vor allem eins: ausreiten. Da geht es den Vereinsmitgliedern nicht anders als den nicht-organisierten Reitern (die nach wie vor die Mehrheit stellen). Bereits gleich danach kommt das Dressurreiten in der Halle oder auf dem Reitplatz. Ja, die gute alte deutsche Reitlehre, die Richtlinien für Reiten und Fahren, sind für eine erstaunlich große Zahl von Reitern immer noch eine Art Bibel, oder sagen wir das Grundgesetz. Vielleicht, weil es sich herumgesprochen hat, dass ein nach diesen Richtlinien ausgebildetes Pferd nicht nur hübscher aussieht, weil es den Hals krumm macht, es lässt auch den Reiter bequemer sitzen, weil es im Rücken schwingt, ist handlicher, gehorsamer und damit sicherer. Es macht einfach mehr Spaß, so ein Pferd zu reiten.

Mit „Englischreiten“, das Wort hat sich leider auch in die Ipsos-Studie eingeschlichen, hat das gar nichts zu tun, bei dem Wort denken wir doch eher an die Reitjagd hinter der Fuchsfährte. Es ist auch keine „FN-Reitweise“, wie das klassische Reiten in gewissen Kreisen genannt wird. Die FN hat noch nie eine Reitweise erfunden und das ist gut so.

Eine weitere erstaunliche Tendenz: Der Wunsch nach Paddock-Boxen ist zurückgegangen. Zwar legen fast alle Befragten großen Wert auf die Haltung insgesamt, auf Boxen mit Außenfenster und regelmäßigen Weidegang. Aber dass ein kleiner Paddock vor der Boxe kein Wundermittel ist, um ein ansonsten unterbeschäftigtes Pferd zu motivieren, hat sich wohl herumgesprochen. Auch der Wunsch nach Gruppenhaltung ist eher zurückgegangen.

Noch immer eine Minderheit, aber eine wachsende, sind die Gangpferde-, vor allem Islandpferdereiter. Ihre Zahl hat sich seit der ersten Studie verdoppelt, während der Boom des Westernreitens, den vielleicht mancher erwartet hat, ausgeblieben ist.

Zufriedene Reitschüler

Bemerkenswert ist, wie zufrieden die weitaus meisten Reiter mit ihrem Reitlehrer sind. „Der Typ Dragoner-Kommandeur ist nicht mehr gefragt“, sagte Soenke Lauterbach, „die meisten Reitlehrer verstehen sich als echte Dienstleister.“ Dazu passt: Rund 90 Prozent der Reiter haben ihre ersten Unterrichtsstunden im Sattel eines Schulpferdes verbracht, 68 Prozent gaben an, dass sie mit den Schulpferden sehr zufrieden seien. Da scheint sich einiges getan zu haben in den Betrieben. Die Pferde sind besser geworden und besser geritten.

Turniersportler spielen eine noch geringere Rolle im Gesamtpferdesport als vor 19 Jahren, nur 23 Prozent der organisierten Reiter betreiben Leistungssport, für den eine FN-Mitgliedschaft über den Verein quasi Voraussetzung ist. (Reitausweise, Pferdeeintragungen, Nennungssystem etc.). Der Aufwand für die Betreuung dieser Gruppe (Personal, Geld) ist Nicht-Turnierreitern zuweilen ein Dorn im Auge.

Der Nachwuchs fehlt

Bleibt ein Riesenproblem: „Wir haben nicht genügend Nachwuchs“, sagt Lauterbach. „Uns fehlen die jungen Leute“. Die Ipsos-Umfrage erfasst erst Teenager ab 14 Jahre, aber das ist zugleich die größte Gruppe, die dem Reitsport wieder den Rücken kehrt. Das hat mehrere Gründe, auch das Schulsystem, das zunehmend die Nachmittage in Anspruch nimmt. Der Druck besonders in den oberen Klassen ist größer geworden, die Ställe sind oft weit weg, der Weg dahin ist zeitraubend, vor allem, wenn man noch keinen Führerschein hat. Nicht ohne Grund leben die meisten Reiter nicht in Großstädten, sondern in kleineren Orten oder auf dem Land.

Natürlich wollte die FN auch wissen, wie sie selbst dasteht bei den Pferdesportlern. Die FN wird als Behörde empfunden, die Pässe, Ausweise und Abzeichen verteilt. „Und in den Augen der Leute ist ja jede Behörde irgendwie doof,“ sagt Soenke Lauterbach. Da kann es sein, dass Corona hilfreich war, das schlägt sich in der 2019 abgeschlossenen Studie natürlich noch nicht nieder. Die FN hat sich in der Pandemie-Krise bewährt als Verband, der für alle Reiter kämpft, nicht nur für die Handvoll Top-Athleten. Das sollte sich auszahlen.

Jetzt müssen wir hoffen, dass unser Sport nicht eines Tages nur noch aus Rentnern besteht, die mit ihren Pferden spazieren gehen …


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  1. Berndride

    Eine Konsequenz aus den Daten scheint mir zu sein, dass unser Leistungssport für immer mehr Reiterinnen uninteressant wird. Da scheint mir ein grundsätzliches Umdenken angebracht.

    Zu dem Problem, dass keine Jungs reiten wollen fällt uns wohl nichts mehr ein. Meinem Eindruck nach ist das Thema so gut wie abgeschlossen. Ist ja auch irgendwie klar. Im Alter von so 10 -15 Jahren gibt es für Jungs nichts unattraktiveres als in einem sportlichen Wettkampf gegen eine Überzahl von Mädchen anzutreten,- und zu verlieren. – Ausser natürlich nach dem Reiten von einer peniblen Reitlehrerin angemeckert zu werden weil das Pferd nicht gut genug abgewischt ist, die Gamaschen nicht ordentlich genug zusammengelegt sind, die Boden nicht gut genug gefegt und die Trense nicht ordentlich genug aufgehängt ist. – und dann das ganze Getue mit lila Socken, Strass Sternchen am Helm und Schaumpflege für Schweif und Mähne. Natürlich lässt sich da kein Junge blicken.

  2. Lena Santabalbina Garnica

    Ähnlich wie die deutsche Fußballnationalmannschaft den Reiz verliert, weil sie sich kein begeisterter Amateur mehr mit ihr identifiziert, so verliert sich auch der Reiz, Zeit und Geld in den ReitSPORT zu stecken, wenn der Profisport nicht mehr zum Vorbild taugt. Wo überwiegend die richtige Brieftasche und nicht mehr Talent und Arbeitsbereitschaft über Erfolg und Misserfolg entscheidet, wo man beim Pferdekauf schon bereit sein muss hohe fünfstellige Summen aufzubringen ( besser sechsstellig) um überhaupt ernst genommen zu werden, da schwindet die Basis, männlich wie weiblich und was bleibt ist dann eben eine im Leben angekommene Generation der Wieder- oder Neueinsteiger, die sich ganz bewusst nur für das Hobby Pferd in der Natur entscheidet.

  3. Julia

    Turnierreiten kostet einfach eine Menge Zeit und Geld… Ich möchte den vergangengen Jahren nicht nachweinen, aber die sogenannte ländliche Reiterei, mit kleinen Turnieren ist schon fast verschwunden und ich persönlich finde das schade. Da ist zwar vieles nicht perfekt gewesen, aber sie gehörten zum Turnierleben einfach dazu.
    Der äußere Zwang zum immer besseren Pferd, Hänger, Zugfahrzeug, Equipment etc. verhindert einfach, dass Jugendliche und Kinder aus normal gutverdienden Elternhäusern Turnierreiten können. In den unteren Klassen konnte man vor 30 Jahren auch mit alter, aber sauberer Reithose und altem Jacket Turnierreiten. Im Zweifel fiel das kaum auf, da es eh nur ein Standartjacket gab, das höchste der Gefühle war ein Jacket in blau. Heute sieht man die Jüngsten im Führzügelwettbewerb schon perfekt ausgestattet.
    Niemand kann sich von diesem Druck komplett frei machen und bleibt dann lieber gleich zu Hause, entweder selber oder schickt seine Kinder gar nicht los, sonder lässt sie einfach ohne Wettkäpfe reiten..
    Davon ganz abgesehen sind die Grundkosten der Turnierkosten enorm gestiegen und Preisgelder gibt es ja kaum noch. Man fährt also am Wochenende los und weiß schon, dass ein Turniertag mindesten 100 € kostet, wenn man alle Kosten (auch die Sprit und Hängerkosten) reell durchrechnet. Hat man dann das Gefühl, eh nicht ganz vorne zu landen, weil lange nichtTurnier geritten oder Pferd noch unerfahren, dann lässt man den Stress doch lieber ganz. Das kommt ja noch zu den normalen Kosten der Pferdehaltung hinzu und bei uns steigen die Boxenpreise ständig (entweder ist Stroh knapp, dann Heu, dann Energie, dann Personal, usw…). Die meisten Menschen bezahlen ihre Pferde aus versteuertem Einkommen. Rechnet man sich so ein Pferd mal durch, dann kommt man auf Summen, von denen nicht wenige Menschen einen ganzen Monat auskommen müssen. Im Grunde genommen ist Reiten leider ein Hobby für die sehr gut betuchten oder die total verrückten (von denen es dann doch eine Menge gibt).

  4. Motte

    Dazu kommt dann ja auch noch, dass heute jede(r) reitende Jugendliche ein eigenes Pferd braucht, was den Reitsport dann noch teurer macht. Wie früher oft noch üblich, nämlich Pferde (auch unentgeltlich) von Züchtern oder anderen Pferdebesitzern mitzureiten, wird von vielen Jugendlichen nicht mehr gewünscht.

  5. Monika Gollor

    Typisch Reiter

    Laut der Studie ist der typische aktive Reiter weiblich, 38 Jahre alt, gut ausgebildet, voll berufstätig und verfügt über ein überdurchschnittliches Haushaltsnettoeinkommen. Kein Wunder, sollte man pro Pferd und Monat doch mit ca. 500 E für die Grundversorgung rechnen. Sie lebt überwiegend in Orten unter 100.000 Einwohnern und selten in Großstädten.
    Lauterbach schreibt weiter: „Auffällig ist die Altersstruktur. Es macht sich ein deutlicher Alterungsprozess bemerkbar. Der Nachwuchs fehlt „. Machte 2001 die Gruppe der 14- bis 19-Jährigen noch 36 Prozent der aktiven organisierten Reiter aus, sind es heute nur noch 26 Prozent. Dafür ist Anteil der über 40-Jährigen von 24 Prozent auf 37 Prozent gestiegen. Bei den aktiven nicht-organisierten Reitern sieht es ähnlich aus, die gelegentlichen Reiter sind im Durchschnitt sogar noch etwas älter.
    Ich schätze selbst, die Älteren machen insgesamt über 50 % aus. So sei angemerkt, dass mein Pferd (Senior/ 30 Jahre) in einem Stall mit 30 Pferden steht. Pferdealter im Durchschnitt derzeit bei 21 Jahren. Von den Eigentümern geben nur die 2 unter Dreißigjährigen an, event. nochmals ein Pferd zu kaufen.
    Turnierreiten liegt nicht mehr im Trend. 76 Prozent der aktiven, organisierten Reiter geben in der Studie an, eher freizeitsportlich unterwegs zu sein, nur 24 Prozent sind mehr turniersportlich orientiert. Dass die Felder trotzdem oft groß erscheinen, liegt aus eigener Beobachtung daran, dass Erfolg sich nur einstellt, wenn man mit zwei oder sogar drei Pferden in einer Disziplin startet.
    Als Hauptgrund für die Beschäftigung mit dem Pferd nennen die meisten die enge Beziehung zum Pferd und die Naturverbundenheit. „Emotionalität spielt für die meisten eine größere Rolle als Leistung und Wettkampf“, stellt Lauterbach hierzu fest. So heißt es : 48 Prozent von ihnen reitet hauptsächlich aus. Bei den nicht organisierten Reitern liegt die Zahl sogar bei 66 %. Wie dumm nur, dass stadtnahe Ausreitmöglichkeiten immer häufiger Teer und Beton (z.B. für Radwege) zum Opfer fallen. Ebenfalls laut Studie hoch im Kurs: Die Beschäftigung mit dem Pferd ohne zu reiten. Bei allen drei Gruppen steht dies an dritter Stelle. „Diesen Trend (…) , dass es immer mehr Menschen gibt, die gar nicht reiten, sondern lieber mit dem Pferd spazieren gehen oder Bodenarbeit machen“, sagt Soenke Lauterbach, „darauf müssen wir unsere Angebote noch mehr ausrichten.“ Doppellonge-Kurse oder Langzügelarbeit kenne ich eher aus der Barockszene.
    Ich glaube also wirklich, es würde sich lohnen, diese Studie als Verband, Verein und Züchter sehr genau unter die Lupe zu nehmen.
    Als Verband und Verein, um sich über die „Service-Leistungen“ genau ins Bild zu setzen, die sich von einer ordentlichen Pensionspferdehaltung über die Möglichkeit zu vernünftigem Beritt bis hin zu einem Einsetzen für schöne Ausrittmöglichkeiten erstrecken. Und als Züchter, um der Käuferschicht gerecht zu werden, die ein – nervlich – sehr zuverlässiges, gesundes Pferd sucht.
    Als interessierter Beobachter der heurigen online-Auktionen beobachte ich die Pferdezucht neben aller Begeisterung über die elegantenTiere mit einigem Argwohn. Passen die ausgestellten Gangwunder in obiges Profil? Übrigens bei uns neu eingezogen: 1 Connemara, 2 Andalusier, 1 Freiberger. Eigentlich war ich darüber überrascht, dass alle Auktionsplätze steigende Preise gemeldet haben.

    mfG Monika


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