Moment mal! Zu den neuen FEI-Regeln in der Vielseitigkeit

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Moment mal! Die Kolumne von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© Foto Bugtrup/Montage: www.st-georg.de)

Bei der FEI-Generalversammlung in Bahrain waren unter anderem die neuen Regeln in der Vielseitigkeit vorgestellt worden. Eine Einordnung von St.GEORG-Herausgeberin Gabriele Pochhammer.

Wie attraktiv eine Sportart in den Augen des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) ist – also wie wahrscheinlich, dass sie Mitglied der „olympischen Familie“ bleibt – hängt auch davon ab, wie verständlich sie für den normalen Zuschauer ist. Das ist beim Springen ziemlich einfach: Fallende Stangen zählen und ein Blick auf die Uhr genügt. Schwieriger ist es bei der Dressur. Kryptische Richterurteile verärgern die Zuschauer, weswegen eine Arbeitsgruppe Dressurrichten seit zwei Jahren an einer Formel bastelt, die die Noten nachvollziehbar machen soll. 19 Vorschläge präsentierte die Arbeitsgruppe jetzt bei der FEI Generalversammlung. Über alle muss noch ausführlich geredet werden, mindestens bis zum FEI Sportforum im Frühjahr 2019. Und vermutlich noch viel, viel länger.

Vielseitigkeit im Fokus

Die Pferdesportdisziplin, die sich im Laufe der Jahre immer wieder neu erfunden hat, ist die Vielseitigkeit. Aus gutem Grund: Unfallrisiko, eine geringe weltweite Verbreitung und ein kompliziertes Wertungssystem sind genau das, was das IOC nicht sehen will. Also hat die FEI allerlei Verrenkungen gemacht, um olympia-kompatibel zu bleiben. Was wir in Tokio 2020 erleben werden, ist ein müder Abklatsch dessen, was einst als Krone der Reiterei galt. Die Dressur ist nur noch dreieinhalb Minuten lang, damit alle Ritte in einen Tag passen, die Geländestrecke kann sogar kürzer sein als in der früheren Dreisterne-, jetzt Viersterne-Kategorie, 5700 Meter gegenüber maximal 6200 Meter bei Vier-Sterne-Prüfungen. Die IOC-Forderung, dass bei Olympia der Sport auf höchsten Niveau präsentiert werden soll, wird so natürlich auch nicht erfüllt.

Kein Streichergebnis mehr

Da nur noch drei Reiter pro Team startberechtigt sind – früher waren es vier, in Athen, Hongkong und London  sogar fünf – gibt es kein Streichergebnis, alle zählen. Da man nicht will, dass nicht mehr genügend Teams beisammen sind, um aufs Treppchen zu klettern, können Reiter die Prüfung fortsetzen, auch wenn sie in einer Teilprüfung ausscheiden, sofern das Pferd fit ist. Dafür werden dem Team Strafpunkte angerechnet, 100 für Dressur und Springen, 200 fürs Gelände, aus der Einzelwertung ist der Reiter raus. Es können auch Reiter und Pferde eingetauscht werden. Das bedeutet de facto, dass – allerdings nur aus tierärztlichen Gründen und nur einmal in jeder Mannschaft – der Ersatzreiter zum Zuge kommt, falls nach Dressur oder Gelände ein Pferd nicht mehr einsatzbereit ist. Die Mannschaft erhält nochmal 20 Strafpunkte, das ist auf den ersten Blick nicht allzu viel. Von einem Härtetest kann man nicht mehr reden, auch nicht von einem reiterlichen Mehrkampf, denn am Ende wird – theoretisch – jemandem eine Medaille umgehängt, der weder im Dressurviereck noch im Cross war, sondern gerade mal einen anspruchsvollen M-Parcours absolviert hat.

Oder jemand, wie in Strzegom 2018, der in der Dressur wegen Blut im Maul ausschied, das Gelände nicht ritt, aber zwei Tage später im Springen wieder reiten und mit einer Nullrunde zum Teamergebnis beitragen durfte. Das klingt absurd, bleibt vielleicht auch Theorie, da am Ende wohl die Mannschaften vorne liegen werden, bei denen alle drei Reiter alle drei Disziplinen absolviert haben. Aber der Teufel ist ein Eichhörnchen und gerade in der Vielseitigkeit ist man an Überraschungen gewöhnt. Das System soll mal jemand einem Zuschauer erklären, der es gerne verständlich, bunt und fetzig hat, ganz nach IOC-Träumen.

Noch mehr Konfusion

Auch für andere neue Regeln muss man wohl erst ein Seminar besuchen, um durchzublicken. Etwa die „Missed Flag“. Seit zwei Jahren gilt, dass ein Hindernis nur als gesprungen gilt, wenn es zwischen den beiden Seitenflaggen überwunden wird. Das klingt ja noch einfach. Aber immer häufiger kamen bei sehr schmalen Sprüngen und Ecken Zweifel auf, ob das Pferd den Sprung wirklich gesprungen hat oder sich schlangengleich an den biegsamen Seitenflaggen vorbei gemogelt hat. Das Kriterium waren Kopf, Hals und Schulter, die innerhalb der Flaggen sein mussten. Für den Reiter ist das nicht immer zu erfühlen, deswegen gab es für „Missed Flag“ 50 Strafpunkte, aber keinen Ausschluss. Aber das Qualifikationsergebnis für Starts bei Championaten etc. war futsch, da müssen es weniger als 20 Hindernisstrafpunkte sein. So passiert dem Niederländer Tim Lips in Luhmühlen 2018. Im Gegensatz zum Iren Cathal Daniels, dessen Pferd am Wasser mit Hals und Schulter auf der richtigen Seite der Flagge blieb, aber mit der Hinterhand so gut wie gar nicht absprang. Er blieb null und hatte sein Qualifikationsergebnis. Beides höchst unbefriedigend.

Jetzt werden nur noch 15 Strafpunkte angekreidet, also unterhalb des Quali-Limits. Auch wurde neu definiert, was „Missed Flags“ in Zukunft sind: Wenn das Pferd deutlich die Höhe des Hindernisses springt, und der „überwiegende Teil“ des Körpers innerhalb der Flaggen bleibt, nicht notgedrungen der ganze. Das sollen dann die Hindernisrichter, die vielleicht gerade ihren Kaffee und ihr Frühstücksbrötchen kurz abgestellt haben, unstrittig erkennen! Im Zweifelsfall wird das offizielle Video zu Rate gezogen, private Handy-Aufnahmen gelten nicht. Und da es selbst da nicht immer einfach ist, weil sich die Flaggen zu Seite biegen, gibt es einen guten Rat von einem erfahrenen FEI-Funktionär: Den Finger am Bildschirm auf die Stelle halten, wo die Flagge ursprünglich war, dann sieht man es genau! Schließlich leben wir im digitalen Zeitalter!

Gabriele Pochhammer


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