Olympia-Blog: Tokio, eine Stadt mit zwei Gesichtern

Gabriele Pochhammer Olympia 2021 Blog

St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer bloggt von den Olympischen Spielen 2021 in Tokio. (© www.st-georg.de)

Allmählich kennen wir den Weg durch Tokio von unserem Hotel zum Equestrian Park, obwohl der gefühlt doppelt so weit ist wie von Norderstedt bis Harburg –­ zum Vergleich für Hamburger.

Man lernt dabei zwei Städte namens Tokio kennen. Die eine ist ein einziges Meer von Hochhäusern, schmale, breite, elegante, schmuddelige – an vielen haben sich Designer verwirklicht, andere sind schlichte Bürokäfige für menschliche Arbeitsbienen. Dazwischen atemberaubende Ausblicke auf den Hafen und noch mehr Hochhäuser. Das Frankfurter Bankenviertel ist dagegen ein gemütliches Dorf. Dieses Tokio wird von Highways durchschnitten, da braust es sechsspurig aneinander und übereinander vorbei und ich habe drei Tage gebraucht, bis ich gemerkt habe, dass hier Linksverkehr herrscht. Wie gut, dass wir die Idee, uns ein Auto zu mieten, rechtzeitig aufgegeben haben. Wir hätten verzweifelt und wären nie angekommen, wo wir hinwollten. Die Highway-Route ist schneller und wegen der Maut auch teurer, aber weil wir ja diese fabelhaften Taxi-Gutscheine haben, ist das auch egal. Und die Fahrer fahren lieber den teuren Weg, logisch.

Wenn einer doch die untere Route wählt, unter den Highways (jetzt weiß ich auch, warum die so heißen) ist man auf einmal im Tokio für richtige Menschen. Viele kleine und kleinste Gassen, Menschen, die bis spät am Abend unterwegs sind, hunderte von Läden und Kneipen. Einige europäische Ketten wie Hennes und Mauritz, sogar Edeka habe ich gesehen, aber unser aller Rettung, wenn wir nach Mitternacht im Hotel landen, ist die Kette Seven Eleven. Die haben die ganze Nacht durch auf und irgendwas auch für Mitteleuropäer Essbares findet sich dann doch.

Ansonsten ist ja noch Almased im Schrank – ich habe inzwischen einen Holzlöffel aus dem Pressezentrum mitgehen lassen, immer noch besser als der Zahnbürstenstiel. Holzlöffel verleihen allerdings jedem Bissen ein unverwechselbares Aroma … eben nach Holz. Der Löffel soll so wahnsinnig umweltfreundlich sein – kommt allerdings erst zum Einsatz, wenn man erstmal all die Plastikverpackungen mit roher Gewalt zerstört hat.

Bergfest in Tokio

Heute ist etwas mehr als Halbzeit, die Buschis sind durch, mit dem phantastischen Sieg von Julia Krajewski. Gold für Dressur und Vielseitigkeit – jetzt müssen die Springreiter liefern. Gestern hatten sie ihr Warm-up, neun Hindernisse, die in beliebiger Reihenfolge genommen werden konnten, am Ende der Wassergraben, auf den allerdings viele verzichteten, auch die Deutschen und die Schweizer. Wenn Pferde gut Wasser springen, mache es keinen Sinn, das zu oft zu üben, erklärte mir Maria Gretzer, Athletensprecherin bei der FEI, die hier für einen schwedischen Radiosender unterwegs ist.

Wenn es um Diversität geht, dann ist der Reitsport ganz vorne. Vom 62-jährigen Busch-Oldie Andrew Hoy – für ihn sind es die achten Spiele – bis zum 20-Jährigen, ist alles dabei. Viele zarte, schmale Mädchen, die ihre Springmaschinen mit bewundernswerter Courage über die Hindernisse steuern. Am Rande des Parcours, ganz unauffällig, saß der deutsche Chefrichter Joachim Geilfuß. Wenn einer zu lange im Parcours rumkurvte (jeder hatte 90 Sekunden), kam der Zuruf von der Seitenlinie, ganz freundlich, aber sehr deutlich. Auch Draufhauen vor dem Wassergraben wurde nicht gerne gesehen. Vier Verwarnungen sprach Geilfuß aus, das waren noch keine gelben Karten, aber schon ein deutliches Zeichen. Damit alle wissen, wo die Glocken hängen.

Home-Office bzw. Corona-Test für die FEI

Übrigens hatten es die FEI-Oberen, die hier in Tokio Dienst tun, etwas einfacher als wir. Mit den Corona-Tests. Sie mussten nicht zu weit entfernten, offiziell genehmigten Labors pilgern, um sich testen zu lassen und dann nochmal, um ihre Ergebnisse abzuholen, bitte auch auf japanisch. Sie bekamen die Testkits zugeschickt, konnten den Test selber machen, wobei sie sich dabei fotografieren (lassen) mussten, dann wurde alles in ein US-Labor geschickt und wenig später per Mail ein Ergebnis übermittelt.

Heute ist es mal wieder spät geworden, aber Julias Gold hat uns alle so wahnsinnig gefreut. Als sie aus dem Parcours galoppierte, unter Tränen auf ihr Pferd zeigte, da stand am Ausritt die ganze deutsche Truppe und gab den Japaner: Tiefe Verbeugung vor der neuen Olympiasiegerin. Wir schließen uns an!