10 Dinge über Vielseitigkeits-Olympiasiegerin Julia Krajewski

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In Tokio ist ein Märchen wahr geworden: Julia Krajewski hat sich den Titel für die Ewigkeit gesichert. Sie ist die erste Frau in der Vielseitigkeit, die olympisches Gold holt. (© Lafrentz)

Wenn es ein menschliches Synonym für Resilienz gibt, dann Julia Krajewski. Nun hat sie das geschafft, was Bundestrainer Hans Melzer ihr schon lange prophezeit hat: „Eines Tages stehst du ganz oben!“ Heute war es so weit. Zeit für einen intensiveren Blick auf die Pferdefrau Julia Krajewski.

1. Große Schwester

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Die Schwestern Krajewski und ihre Ponys in ihrem Element. Ein Foto aus dem Jahr 2003.

Julia Krajewski kam 1988 zur Welt und hat noch zwei jüngere Schwestern, Greta und Clara (die Julias Pferdeliebe teilen). Vater Paul Krajewski, der leider im vergangenen Jahr starb, war Geophysiker, die Mutter Christina Tierarzthelferin. Heute steckt Christina Krajewski übrigens hinter den Gebissen von Neue Schule und nebenbei hat sie sich auch der Ponyzucht verschrieben– Dartmoors und Connemaras, auf denen ihre Töchter ihre reiterliche Karriere begannen.

2. Von der Pony- bis zur Senioren-EM

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Schon mit 15 reich dekoriert und eine Titel-Trägerin, in diesem Fall „Weser-Ems Meisterin“: Julia Krajewski. (© www.toffi-images.de)

Ihre erste Vielseitigkeit bestreitet Julia mit acht Jahren, damals auf Connemara-Stute Lilac. Dabei hätte sie beinahe gar nicht an den Start gehen dürfen, weil die Richter sie noch zu klein finden. Das sieht Julia ganz anders und kommt problemlos durch den ersten Cross ihres Lebens. Später tauscht sie die Connemara- und Dartmoor-Ponys dann gegen Deutsche Reitponys, mit denen sie von Erfolg zu Erfolg reitet. Ihre Vorbilder damals: Ingrid Klimke („wegen ihrer klasse Dressuren“) und Bettina Hoy (deren Buch über Vielseitigkeit Reiten zu ihren Lieblingslektüren zählt).

Schon im Ponyalter ist Julia Krajewski eine feste Größe der Bundeskader. Ihre erste EM bestreitet sie 2001 mit ihrem Pony Cyrano, Ergebnis: Doppel-Gold. Ein Jahr später wird es erneut Gold mit der Mannschaft und Silber ein der Einzelwertung. Insgesamt sammelt Julia Krajewski vom Pony- bis zum Junge Reiter-Alter zehn Medaillen. Ihr Traum damals? „Am liebsten würde ich Abitur machen und dann Pferdewissenschaften studieren, oder in die Warendorfer Perspektivgruppe Vielseitigkeit kommen, wo man unterstützt und gefördert wird.“ Hat geklappt!  Und schon damals hielt Julia im Stall mehr Ordnung als in ihrem Kinderzimmer …

Viel Glück mit Lucky

Bei den Junioren wird es 2005 und 2006 Mannschaftsgold, diesmal auf Leading Edge, ihrem ersten Großpferd, das sie vierjährig unter den Sattel bekommt und selbst ausbildet – was sich als gar nicht so einfach erweist, denn „Lucky“, so sein Stallname, ist noch Hengst und recht eigenwillig, wie Julia ihn beschreibt. Doch die beiden raufen sich zusammen, sind erfolgreich beim Bundeschampionat, beim Preis der Besten, Deutschen Meisterschaften, Europameisterschaften. Dennoch, schon Lucky lehrt Julia Krajewski, dass Freud und Leid mit Pferden häufig dicht beieinander liegen. Mal ist es das Wasser, das er plötzlich nicht mehr mag, mal ein Graben. Aber Julia bleibt dran und der Erfolg gibt ihr recht. Auch vom Verletzungspech bleiben die beiden nicht verschont. Nach einer wiederkehrenden Sehnenproblematik beschließt die Familie, dass Lucky seine verdiente Rente auf der Weide bekommen sollte.

After the Battle

Ihr erstes Senioren-Championat bestreitet Julia Krajewski bei den Europameisterschaften 2011 mit dem 2009 von Frank Ostholt übernommenen After the Battle aka „Buddy“. Mit ihm hatte Krajewski auch schon Silber mit der Mannschaft bei der U21-EM 2009 geholt. Bei den Europameisterschaften in Luhmühlen 2011 sind die beiden mit 44,4 Minuspunkten nach der Dressur in den Cross gestartet und sind hier auch gut unterwegs. Doch dann gilt es, einen Sandweg zu überqueren und von einem Galoppsprung zum nächsten geht After the Battle plötzlich stocklahm. Diagnose: Sehnenschaden. Sport-Aus für Buddy. Danach genießt er zusammen mit Leading Edge seine Rente bei Julia Krajewskis Mutter auf der Wiese in Schleswig-Holstein.

3. Die DIY-Pferde

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Julia Krajewski und Chipmunk beim Training am Berg 2018. (© www.toffi-images.de)

Wie sagte Julia Krajewski nach den Deutschen Meisterschaften in Luhmühlen? „Eineinhalb Pferde habe ich dann in Tokio“ Tatsächlich, neben Samourai du Thot kamen sowohl Chipmunk, den ja inzwischen Michael Jung reitet, als auch ihre Erfolgsstute Amande de B’Néville, Mandy, als Remonten zu Julia Krajewski nach Warendorf und wurden von ihr bis zur Championatsreife gefördert. Beziehungsweise im Fall von Mandy zur Olympiasiegerin gemacht. Ob es sie mit Stolz erfülle, zwei Pferde bei Olympia unter den Top acht zu haben? „Das ist natürlich schon cool“, findet Krajewski, „aber ich muss natürlich auch sagen, so wie Michi Chip in Schuss hat – er hat ihn ja auch schon seit drei Jahren. Es ist ja nicht so, dass ich den noch reite. Klar macht es mich stolz, das Pferd bis dahin gebracht zu haben. Aber ich glaube, es wäre auch falsch, ihm die letzten drei Jahre wegzunehmen. Ich finde, das Pferd hat sich super weiterentwickelt und das freut mich und ich war auch gerne hier mit ihm im Team.“

Dass Julia sich ihre Erfolgspferde am liebsten selbst macht, fing übrigens schon mit den Ponys an. Cyrano, mit dem sie später Doppel-Europameisterin wurde, kommt vierjährig zu ihr und wird von ihr über den Titel beim Bundeschampionat in den großen Sport gebracht. Julia ist elf Jahre jung, als ihrem Pony in Warendorf die Schärpe umgehängt wird …

4. Beruf: Ausbilden, Hobby: Reiten

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Julia Krajewski beim Training mit Nachwuchstalent Libussa Lübbeke. (© www.toffi-images.de)

Dass Julia Krajewski ein Ausnahmetalent im Sattel und dazu fleißig und diszipliniert ist, erkennt man in Warendorf schnell. Ob sie nach ihrem Abitur nicht der Perspektivgruppe beitreten wolle. Julia: „Eigentlich wollte ich keine 15 Pferde am Tag reiten. Ich hatte auch mal überlegt, Tiermedizin zu studieren.“ Sie zieht dann doch nach Warendorf, avsolviert am Bundesstützpunkt ihre Ausbildung und wird Pferdewirtschaftsmeisterin. Eine nicht ganz alltägliche übrigens, denn Reiten ist in ihren Augen nicht ihr Beruf. „Reiten ist mein Hobby.“ Ihr Beruf sei ihr Trainerjob für die deutschen Junioren.

Als Ausbilderin für die reitenden Talente hat sie inzwischen schon mehr als zehn Jahre Erfahrung. Bereits 2010 hatte sie den damaligen Nachwuchs-Bundestrainer Rüdiger Schwarz als Co-Trainerin begleitet. Prominente Schüler? Zum Beispiel Emma Brüssau, Libussa Lübbeke usw.

5. Erfolgstrainerin

„Alles, was mit den Pferden und meinen Schülern zu tun hat, will ich richtig machen!“, sagt Julia Krajewski. Das gelingt ihr ziemlich gut – vorsichtig ausgedrückt. 2017 war sie das erste Mal als allein verantwortliche Bundestrainerin im EM-Einsatz in Montelibretti (ITA), Ergebnis: Mannschaftsgold und Einzelbronze. 2018 gab es wieder Einzel-Bronze sowie ebenfalls Rang drei mit der Mannschaft. Und 2019 – bislang ihr letzter EM-Einsatz, denn 2020 fiel ja wegen Corona aus – geriet zu einem wahren Triumphzug: Doppelgold und Einzelbronze.

6.     Der Weg ist das Ziel

Thomas Ix

Einer für die Zukunft: Chipmunks kleiner Bruder ChinTonic.

Was ihre eigene Reiterei betrifft, hält sich Julia Krajewski nicht für übermäßig ehrgeizig. Es sei nicht so, dass sie das ganze Jahr darüber nachdenke, wie sie zum Championat kommt. „Mir macht der Weg Spaß. Ich versuche immer, alles so gut wie möglich beieinander zu haben. Wenn das Ergebnis dann Erfolg ist ­– super! Aber ich habe auch schon Prüfungen gewonnen und war trotzdem unzufrieden.“

Vielleicht nicht pedantisch, auf jeden Fall aber akribisch ist Julia Krajewski jedoch in der Arbeit mit den Pferden. „Ich liebe es, mir bis ins kleinste Detail Lösungen zu überlegen, wie ich das einzelne Pferd zum Spitzensportler machen kann. Das ist für mich wie Tüfteln.“ Das stieße bei anderen nicht immer auf Gegenliebe, sagt sie: „Die anderen sagen manchmal schon, es sei anstrengend, mit mir zu arbeiten, weil ich erwarte, dass sie den gleichen Anspruch haben wie ich.“

Dabei muss es nicht immer gleich der Olympiasieg sein: „Als ChinTonic (Chipmunks sechsjähriger Vollbruder, den sie ebenfalls ausbildet seit er dreijährig ist, Anm. d. Red.) seine erste Zwei-Sterne-Prüfung gewonnen hat, habe ich vor Glück geheult!“

7. Auf und Ab mit Happy End

Man muss es so sagen, Julia Krajewskis Championatsgeschichte war bis heute eine Leidensgeschichte. 2016 wird sie mit Samourai du Thot für die Olympischen Spiele in Rio nominiert, nachdem sie mit Rang drei im CCI4* (heute 5*-L) in Luhmühlen für Furore gesorgt hatten. In der Dressur läuft noch alles nach Plan. Doch im Gelände dann: drei Verweigerungen, Ausschluss, Häme von TV-Kommentator Carsten Sostmeier, sie hätte ja schon „einen braunen Strich in der Hose gehabt, als sie losgeritten ist“. Bitter! Sostmeier entschuldigt sich später. Krajewski antwortet auf ihre Art: Ein Jahr später gewinnen sie und Sam den CCI4* (heute CCI5*-L) von Luhmühlen. Zu Rio sagt Krajewski im Nachhinein: „Rio kam zu früh für uns.“

EM 2017

Pauline von Hardenberg

Julia Krajewski mit Samourai du Thot bei der EM 2017 in Strzegom. (© Pauline von Hardenberg)

2017 dann die EM in Strzegom. Das Team gewinnt Silber. Doch die Medaille wird später aberkannt, weil bei Julias Samourai du Thot die im Wettkampf verbotene Substanz Firocoxib gefunden wird. Das beschäftigt Julia Krajewski noch lange danach. 2018 sagt sie im Gespräch mit St.GEORG: „Es vergeht fast kein Tag, an dem ich nicht darüber nachdenke, was da schiefgelaufen sein könnte.“

WM 2018

Doch aufgeben kommt für sie nicht infrage. 2018 ist Samourais Stallkollege Chipmunk so weit, dass er die ganz große Piste gehen kann. Mit einem Sieg beim CHIO Aachen empfehlen die beiden sich fürs WM-Team in Tryon. Fragt man damals Journalisten-Kollegen, wer aus ihrer Sicht Weltmeister werden kann, die Antwort lautet häufig: Julia Krajewski. Tatsächlich läuft alles nach Plan. In der Dressur ist keiner besser und im Cross beginnen sie stark. Doch dann, ein Vorbeiläufer, der erste seit zweieinhalb Jahren für Chip. Aus der Traum vom Titel. Wenige Monate später wird Chipmunk verkauft. Neuer Reiter: Michael Jung.

DM 2019

Aber Julia hat ja noch Samourai du Thot im Stall, ihren „Sam“. 2019 holen die beiden ihren zweiten Deutschen Meister-Titel in Folge. Für die EM werden sie allerdings nicht nominiert. Der Wallach hatte sich bei vergangenen Championaten (bei der EM 2017 hatten die beiden außerdem noch einen Vorbeiläufer) nicht gerade als Verlasspferd entpuppt. „Sam ist superschlau. Wenn wir in der richtigen Stimmung sind, läuft er mit Autopilot. Aber ich weiß jetzt, dass immer mal etwas wackeln kann, was ihn letztendlich nicht unbedingt zum zuverlässigen Championatspferd“, sagt Krajewski über ihn.

Trotzdem! Julia weiß, eigentlich ist Sam ein Star! Und sie wünscht sich, dass er das der Welt auch nochmal bei einem Championat beweisen kann. Doch es soll nicht sein. Die Saison 2020 ist Corona-bedingt sowieso gelaufen. Im Winter 2020/2021 entwickelt Sam eine Augenkrankheit. Das Auge muss entfernt werden. Der Wallach ist 15 Jahre, eigentlich in der Blüte seiner Karriere. Aber das ist das Aus. Noch in Tokio sagt Julia: „Ich hatte immer gehofft, dass Sam noch einmal allen zeigen kann, was in ihm steckt.“ Doch daraus wird nichts. Stattdessen blüht seine Stallkollegin Mandy, Amande de B’Néville, auf.

Olympia 2021 – Märchenstunde!

In Saumur will Krajewski mit Mandy die EM-Quali für Avenches holen. Doch das Ergebnis macht Hoffnung auf mehr. „Nach dem wir da – in Anführungsstrichen – lässig gewinnen konnten, dachte ich bei mir, ,Na, vielleicht ist der Zug noch nicht ohne dich losgefahren‘“, berichtet Krajewski. Bei den Deutschen Meisterschaften in Luhmühlen holen die beiden Bronze nach einem der wenigen Springfehler, die die Stute sich in ihrer Karriere je geleistet hat. Sonst wäre auch Silber drin gewesen. Aber das Ticket für Tokio haben sie in der Tasche.

Hier schreiben die beiden Geschichte. Nach einer sehr ordentlichen Dressur (Rang fünf) sind die beiden im Gelände das einzige deutsche Paar mit (fast) makelloser Bilanz, kommen beinahe in der Zeit ins Ziel und Mandy sieht so aus, als könne sie die ganze Runde lässig noch einmal in Angriff nehmen. Gute Voraussetzungen fürs Springen! Zumal sie sich damit auf Rang zwei vorgearbeitet haben.

Dann das Mannschaftsfinale. Mandy sieht frisch aus und lässt massig Platz zwischen sich und den Stangen. Souveräne Nullrunde. Im Gegensatz zu Oliver Townend, dessen Führung mit einer Stange in den Sand fällt. Nun liegen Julia und Mandy auf Goldposition. Alles ist möglich. Aber Julia bleibt ganz cool: „Sollte das jetzt mit einer Medaille enden, ist das für mich der Stoff, aus dem Filme gemacht sind.“ Wie es ausging, ist bekannt. Da muss man wohl sagen: Film ab! Starring: Germanys’s leading Ladies Julia Krajewski und Amande de B’Néville (die allerdings eigentlich Französin ist).

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8. Ommm mit vier Hufen

Wie man es trotz aller Nackenschläge schafft, immer wieder aufzustehen, das Krönchen zu richten und weiterzumachen? Von Julia Krajewski lernen heißt von Siegern lernen : „Wenn es schwierig wird, gehe ich reiten!“

9. Erste Frau mit Olympiagold

Julia Krajewski ist die erste Frau, die eine Einzelgoldmedaille in der Vielseitigkeit gewinnt. Was ihr das bedeutet? „Wusste ich tatsächlich gar nicht. Passt ja vielleicht ganz gut in die Zeit und denke, es wurde ja vielleicht auch mal Zeit, dass eine Frau eine Goldmedaille in der Vielseitigkeit gewinnt.“

10. Ausbildungstipp der Olympiasiegerin

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Mit Amande de B’Néville beim Training am Hang in Münster.

Ein zentraler Punkt in der Pferdeausbildung im Allgemeinen und in der Vielseitigkeit im Besonderen ist für Julia Krajewski das Gleichgewicht. „Mir ist es sehr wichtig, dass die Pferde auf allen vier Füßen stehen und von hinten nach vorne arbeiten, ohne dass es irgendwo im Körper hakt. Nur dann findet das Pferd in jeder Situation sein Gleichgewicht, ohne dass es die Stütze der Hand braucht.“ Und wie übt man das am besten? Als Vielseitigkeitsreiterin sagt Krajweski: „Am Berg. Hier lernen die Pferde, immer wieder ihren Schwerpunkt zu verlagern, aufs Hinterbein zu kommen bzw. sich kräftig abzudrücken.“

Es bleibt also dabei: Auf und Ab – egal, ob physisch oder psychisch – ist die beste Vorbereitung auf alles, was da so kommen mag.