Olympia-Vielseitigkeit Tokio: Gold für Großbritannien, Silber nach Australien, Bronze an Frankreich, Rang vier für Deutschland

TOKYO – Olympische Spiele / Olympic Games 2021

Gold vor Augen: Julia Krajewski und Amande de B'Néville sicherten sich mit fehlerfreier Runde im Mannschaftsspringen der Olympischen Spiele von Tokio die Pole Position vor dem Einzelfinale. (© www.sportfotos-lafrentz.de)

In der Olympia-Vielseitigkeit haben die Briten das Teamgold gesichert. Silber ging an Australien, Bronze an Frankreich. Die deutsche Mannschaft konnte sich auf Platz vier vorarbeiten. Julia Krajewski geht als Führende in die Finalentscheidung.

Großbritannien mit Gold in der Olympia-Vielseitigkeit, Australien Silber, Frankreich Bronze – Deutschland Platz vier. Das ist nüchtern ausgedrückt und in aller Kürze zusammengefasst das Ergebnis eines hoch spannenden Mannschaftsfinales in Tokio. In der Spitzengruppe wurde wenig gepatzt, aber ausgerechnet der Führende Oliver Townend und Ballaghmor Class musste einen der beiden Springfehler im Team GB hinnehmen. Damit geht Julia Krajewski mit Amande de B’Néville als Beste ins Finale der 25 Finalisten, die um die Einzelmedaillen konkurrieren.

„Ein starkes Team, das stärkste, das Team GB je hatte”, so hatte es Oliver Townend nach dem Geländeritt in die Blöcke und Mikrofone der Pressevertreter, die nicht den Weg nach Japan gescheut hatten, diktiert. Und er sollte Recht behalten. Die Olympia-Vielseitigkeit war von Anfang an fest in der Hand von Team GB.
Alle drei Teampferde der neuen Olympiasieger haben bereits Fünf-Sterne-Prüfungen gewonnen. McEwens Toledo de Kerser in Pau 2019, Colletts London ein Jahr später an selber Stelle. Und Ballaghmor Class war in diesem Frühjahr in Kentucky unter schlechten Wetterbedingungen von Oliver Townend zum Sieg geritten worden. Die Papierform der Equipe aus Großbritannien überzeugte, und das taten die drei Briten live in Tokio auch. Nach ihrem Sieg seien sie jetzt „Nationalhelden“, sagte die Mannschaftsleitung. Seit 1972 hat es bei den Briten nie geklappt mit dem Olympiagold. Aber jetzt, sie werden nun sicher alle zu MBE ernannt, „Member of the Most Excellent Order of the British Empire“. Die Queen wird sie zum Jahresende auf die enstprechende Liste setzen, eine große Ehre.

Stilist Tom McEwen

Schon der erste britische Teamreiter, Tom McEwen, hatte mit Toledo de Kerser geliefert. Bei den ersten Sprüngen immer etwas großzügig, lieber 20 Zentimeter zu früh, als „zu dicht”. Das Vorderbein des Wallachs ist nicht das schnellste. Dann waren die beiden im Flow. So, dass ein „Hoho” vor der Dreifachen Kombination bis auf die Tribünen zu vernehmen war. Das kam bei dem Wallach an und er galoppiert sicher und souverän über die weiteren Hindernisse. Nach Teamgold bei den Weltmeisterschaften in Tryon die nächste goldene Teammedaille für den Tierarzt-Sohn, dessen Mutter auch Eventerin ist. Und sein Onkel war lange Zeit der Team-Tierarzt in Großbritannien.


Blick auf den Zwischenstand vor dem Einzelfinale Vielseitigkeit Olympia 2021

1.Julia KrajewskiAmande de B’NevilleGER25,6
2.Oliver TownendBallaghmor ClassGBR27,6
3.Tom McEwenToledo de KreserGBR28,9
4.Andrew HoyVassily de LassosAUS29,6
5,Laura CollettLondonGBR29,8
6.Christopher SixTotem de BreceyFRA31,2
7.Tomoto KazumaVinci de la LigneJPN31,5
8.Michael JungChipmunkGER32,1
9.Jonelle PriceGrovine de ReveNZL32,7
10.Nicola TouzaintAbsolut GoldFRA33,9

Sandra Auffarth ist als 31. nicht für das Einzelfinale qualifiziert.


Laura Collett und der herrlich galoppierende Holsteiner Landos-Sohn zeigten das Erbe des großen Holsteiner Vererbers Lord – in der Machart und auch im Springvermögen. Aber dann: Zu Sprung vier, dem überbauten Wassergraben mit der Tokio Bridge als Ständer, bekam Collett keine Distanz. London sprang ab, fußte zwischen die Stangen. Dass die Reiterin den Rhythmus in den sechs verbleibenden Galoppsprüngen bis zur Dreifachen Kombination wieder hergestellt bekam – eine Meisterleistung. Es blieb bei dem Fehler. Bitter – 29,8 Fehlerpunkte lassen eine Olympische Bronzemedaille damit plötzlich in weiter Ferne erscheinen.

Was macht der Führende in der Olympia-Vielseitigkeit?

Oliver Townends Ballaghmor Class erleichterte sich noch einmal beim Hereingaloppieren. Jeder Ballast schadet! Sicher kam das Paar über die ersten Sprünge. Einmal kam der kompakte „Olli” mit der Hand etwas stärker durch vor der Dreifachen. Bis zur Brückenmauer blieb alles liegen, auch die Triplebarre ohne Probleme. Dann der Oxer, der Einsprung zur Zweifachen, der feuerrote-gelbe Oxer, der das fehlerträchtigste Hindernis dieses Springens war: Berührung, Fehler! Damit geht Julia Krajewski als Führende in die Einzelentscheidung!

Australien mit Andrew Hoy zu Silber

Andrew Hoy, 62, ist mit erfahrenem Trainerstab nach Tokio gereist. Dressurmäßig unterstützt von Dolf Keller, der als Dressurcoach erfolgreich fungiert – denn Hoy kam mit 29,6 Strafpunkten, persönliches Bestergebnis der Kombination, in den Parcours. Und dabei beließ es das Paar auch. Der Springtrainer ist noch prominenter als der deutsche Reitmeister: Nelsson Pessoa, die Legende des Springsports, hat bei Hoy, selbst eine lebendige und noch reitende Legende, der man das Alter nicht ansieht, für den Feinschliff gesorgt und ist auch vor Ort.

Vassily de Lassos – eine Augenweide: mit großen Sätzen, super vorsichtig in der Hinterhand, kontrolliert zur Dreifachen, danach auf dem Kreisbogen vorwärts. Er durfte sich keinen Springfehler erlauben. Wie ein Gummiball sichert Vassily de Lassos die Silbermedaille für Australien. Hoys fünfte Olympische Medaille mit der schnellsten fehlerfreien Parcoursrunde.

Shane Rose, zweiter Starter für Australien, machte es mit seinem Wallach Virgil spannend. „Lautlos” war die Runde der beiden nicht. Man hörte öfter mal, dass der Respekt vor bemalten Stangen bei dem Vivant-Sohn nicht zu ausgeprägt ist. Eine Stange, die am Einsprung zur zweifachen Kombination, dem Oxer, fiel. Kevin McNab und Don Quidam waren fehlerfrei geblieben.

Team Deutschland, Vierte in Olympia-Vielseitigkeit 2021

Null reiten und abwarten, was die anderen machen. Das Konzept ging für das deutsche Team auf. Neuseeland und die USA konnten keine sicheren Nuller abliefern. Davon profitierte die deutsche Equipe. „Abgerechnet wird am Ende”.

Julia Krajewski und Amande de B’Néville galoppierten mit dieser für die athletische Stute so charakteristischen Art ins Stadion. Energisch abspringendes Hinterbein, das Pferd geschlossen, die Reiterin fokussiert. An Sprung 3, einem Steilsprung, musste „Mandy” einmal ihre überschüssige Energie loswerden. Der leichte Kick im Hinterbein blieb aber folgenlos. Dann forderte Krajewski einmal deutliche Kontrolle vor der Dreifachen, den Rest des Parcours ritt sie dann etwas frischer. Über die Brückenmauer ging es großzügig, hinter der Triplebarre in Außenbahn auf die Zweifache Kombination zu. Einmal berührte die französische Stute die hintere Oxerstange ganz leicht. Alles kein Problem, sicher nach Hause. Damit war sei weiter auf der Silbermedaillen-Position – die sie dann zwei Minuten später wegen Townends Fehler gen Pole Position verließ.

Und was sagt die dazu? „Damit habe ich jetzt ehrlich gesagt nicht gerechnet. Aber –  und das soll jetzt nicht blöd klingen – ich bin ja schon öfter als letzte geritten, und das Gefühl wäre jetzt auch nicht anders, wenn ich Vorletzter oder Drittletzter wäre. Wenn es um eine Medaille geht, ist es immer total besonders.“

Ihre Taktik? „Die Pflicht ist geschafft und gleich kommt die Kür und ich hoffe, ich kann noch einen raushauen.“ Dass sie sich dabei auf Mandy verlassen kann, weiß Krajewski: „Am Ende kämpft sie immer für mich und ich glaube, das macht das Pferd aus. Die würde nie sagen, eine Runde das reicht mir jetzt und die zweite kannste alleine machen. Die kämpft, die will, vielleicht braucht man auch eine Stute, um so etwas am Ende abzuliefern.“

Michael Jung ritt zielstrebig ins Stadion ein und direkt zu Sprung 1, um dicht an diesem Motiv eines bekannten japanischen Bildes, ein Berg und ein See, vorbeizureiten. Und „Chip” guckte durchaus interessiert. Was nach dem Erklingen der Startglocke folgte, war eine Lehrstunde in Sachen Parcoursreiten. In der Landung einmal kurz „etwas Bein” und sofort galoppierte der Hannoveraner Chipmunk nach vorne. Immer sicher in der Anlehnung. Wobei die große Übersetzung des Contendro-Sohns den zweifachen Olympiasieger manchmal dazu zwang, einfach nur still zu sitzen. Stilpreis bei Olympia? Michael Jung wäre auch da ein sicherer Medaillenkandidat. Null und nach dem Mannschaftswettbewerb nun auf Platz acht nach dem ärgerlichen Auslösen des MIM-Systems gestern im Cross.

Sandra Auffarth galoppierte zum Auftakt des Teams Deutschland dynamisch über den Platz. Viamant du Matz war frisch, die Runde kontrolliert. Am vorletzten Sprung, dem gelben Koi-Karpfen-Steilsprung mit einer schmalen Planke oben, kam „Mat” minimal mit dem Hinterhuf an die Planke. Aber alles blieb liegen. Applaus von den Rängen und in der Kiss and Cry Corner, wo neben Pfleger Nils Trebbe auch Julia Krajewski, schon im kompletten Turnierdress, stand und jubelte. „Der war so motiviert, der hätte gleich direkt nochmal ins Gelände gehen können,” so Sandra Auffarth nach dem Parcours.

Die Deutschen mit ihrem Ergebnis in der Vielseitigkeit Olympia 2021 von 114,2 Strafpunkten, bei denen es blieb, profitierten vor allem von dem Ritt des letzten Neuseeländers. Tim Price, Vierter in der Einzelwertung, und der Holsteiner Vitali, begannen so, dass man keinen Argwohn haben musste, dass die Neuseeländer ihre Position vor den Deutschen verlieren sollten. Rhythmisches Galoppieren, ein Sprung nach dem nächsten. Doch vor der Dreifachen Kombination ging die Harmonie flöten. An Ein- und Aussprung gab es einen Abwurf, einen weiteren weil der Contender-Sohn zu flach über den Oxer der Zweifachen sprang. Zu dem war Price allerdings auch mit reichlich Tempo hingeritten. Verhaltener Applaus von der Tribüne, 116,4 Punkte für Neuseeland, Fünfter hinter Deutschland.

USA auf dem sechsten Rang

Das US-Team startete mit zwei väterlichen Halbbrüdern, beide abstammend von Windfall – einst von Ingrid Klimke geritten. Vandiver, Doug Payne, und Tsetserleg, Body Martin, gingen an Teamposition eins und drei. Philipp Dutton als zweiter Teamreiter kam mit dem Pferd mit dem kürzesten Namen, Z, wacklig über die Dreifache. Der Braune sprang immer ohne Rücken. Das konnte auf Dauer nicht gut gehen. Am Aussprung der Dreifachen Kombination erwischte es ihn dann: Fehler mit der Hinterhand. Auch der Oxer am Einsprung der Zweifachen Kombination wurde Opfer des Hinterbeins des braunen Wallachs. Nach dieser Runde lag Deutschland an fünfter Position. Das Aufholrennen mit fremder Hilfe hatte begonnen. Jeweils ein Springfehler und bei Boyd Martin auch noch 0,4 Strafpunkte für eine Sekunde über der erlaubten Zeit, ließen die USA auf Rang sechs landen. Es folgten Italien, Irland, China und die Schweiz.

Das Mannschaftsspringen zählt auch für die Einzelwertung. Die 25 besten Paare qualifizieren sich für den Parcours mit Hindernissen, die dann bis 1,35 Meter hoch sind, der aber etwas kürzer ist als der Kurs im Mannschaftsfinale. Gestartet wird in umgekehrte Reihenfolge des Ergebnis, sprich Julia Krajewski wird als letzte Starterin in das Stadion kommen. Bleibt sie fehlerfrei, ist sie Olympiasiegerin.

Besondere Momente bei der Vielseitigkeit Olympia 2021

Besonders  bedeutsam

Ein kleiner Moment von Gänsehaut: Als die Schweizerin Evelyn Bodenmüller Violine de Brasserie, die für das Team ritt, nachdem das Pferd ihres Teamkollegen Robin Godel Jet Set gestern im letzten Wasserkomplex sich verletzte und eingeschläfert werden musste, ohne Fehler über die Ziellinie galoppierte, jubelten alle Schweizer befreit. Melody Johner ritt anschließend ebenfalls null – wieder Jubel. Felix Vogg hatte später zwei Abwürfe.

Melody Johner, 14., könnte etwas Besonderes schaffen: Eine der besten Schweizer Platzierungen in der Vielseitigkeit Olympia 2021 seit 1984. Damals hatte Hansueli Schmutz mit Oran in L.A. Platz elf belegt.

Besonders bitter

Alex Hua Tian, der hochaufgeschossene Chinese mit schottischer Mutter hatte am letzten Sprung eine Verweigerung. Mit 8,8 weiteren Strafpunkten verließ der Eton-Absolvent unter Tränen den Parcours. Grandioser Start mit Don Geronimo, dessen mütterlichen Großvater Giorgione v. Grundstein I Dr. Wilfried Bechtolsheimer, der Vater der Olympiasiegerin Laura Tomlinson, einst auf der Vechtaer Auktion ersteigert und ausgebildet hat. Das Bewegungspotenzials des Fuchshengstes, mit dem Carl Hester 1992 erstmals an Olympischen Spielen teilnahm, hat sein Enkel geerbt. Don Geronimo und Alex Hua Tian, Zweiter nach der Dressur, 18. nach dem Gelände, sind als 21. nach dem Springen der Vielseitigkeit Olympia 2021 noch in der Einzelentscheidung dabei.

Besonderer Abschied

Für Brasilien war der 19-jährige Ibero Jmen mit seinem Reiter Marcio Appel Cheuiche nach Tokio gereist. Der Braune v. C-Indoctro kam heute im Teamspringen, das neue Reglement macht das möglich, zum Einsatz. Es war sein letzter Turniereinsatz, zwar außer Konkurrenz – aber null. Sein letzter Parcours, der Reiter jubelte. Berührend!