Rückblick auf die EM 2019 in Rotterdam

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Moment mal! Die Kolumne von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© Foto Bugtrup/Montage: www.st-georg.de)

Die Europameisterschaften 2019 in Rotterdam sind Geschichte, und am Ende waren sie in vielen Aspekten eine Erfolgsgeschichte.

Die Springreitermannschaft von Otto Becker hat sich wieder an der Weltspitze etabliert, zumindest in der Top-Besetzung von Rotterdam. Zwar haben sich die Deutschen in diesem Jahr nicht für das Nationenpreisfinale in Barcelona qualifizieren können, aber das lag auch daran, dass bei vielen Nationenpreisen nicht die Besten am Start waren. Die Zeiten, in denen man noch zwei gute Mannschaften in der Hinterhand hatte – die gab es ja auch mal –, sind vorbei.

Dass der hervorragende zweite Platz der deutschen Springreiter beim CHIO Aachen nicht mitzählt für die FEI-Nationenpreiswertung, ist ein Skandal und liegt einzig und allein daran, dass sich zwei große Uhrenfirmen die Top-Springturniere aufteilen und der Weltreiterverband Verträge abschließt, die es ermöglichen, ein Spitzenturnier wie den CHIO Aachen aus der Nationenpreisserie auszuschließen, weil die falschen Zeitmesser auf dem Rasen stehen.

Geld vor Sport bei der FEI

Der Sport hat schon lange keinen Vorrang mehr vor den pekuniären Interessen der FEI. Auch in Rotterdam machte sich bei einem Treffen des Internationalen Springreiterclubs (IJRC) erneut Unmut Luft. Es gibt Verträge, die sorgfältig unter Verschluss gehalten werden. So etwa die Vereinbarungen mit der Global Champions Tour, die kein Reiter wirklich kennt und die der Tour Sonderrechte garantieren, etwa was Einladungen angeht. Das sorgt natürlich für böses Blut, wobei am Ende, bis auf den Weltranglistenersten Steve Guerdat, doch wieder fast alle über die hoch dotierten Global Tour-Turniere tingeln, wo, wie wir wissen, ja keineswegs nur Champions starten, sondern eine ganze Reihe Golden Girls, deren Milliardärsväter siebenstellige Summen geblecht haben, damit das Töchterchen mitspielen kann.

In Rotterdam stand der Sport im Mittelpunkt. Der Aufbauer Louis Konickx hatte aus vergleichbar bescheidenem Material Weltklassekurse gezaubert.  Eine kleine weiße Windmühle war schon das markanteste Lokalkolorit, das er sich erlaubte. Aber es muss ja vielleiht nicht immer bunte Folklore sein, wie man es von anderen Championaten kennt. Tower Bridge und Doppeldeckerbus 2012 in London, das große schwedische Holzpferd bei der EM in Göteborg 2017 oder noch weiter zurück, die Kombination aus rosa Fächern in Seoul 1988. Alles schön, aber vielleicht nicht nötig, wenn man sparen muss.

Wider den Klimawandel

Keinen unnötigen Aufwand zu betreiben, das kommt in Zeiten des Klimawandels gut an. Die Journalisten wurden aufgefordert, ihr Fahrrad zu nehmen (ein bisschen weit von Schleswig-Holstein), für die anderen gab es vom Parkplatz zur Turnieranlage einen Busservice, und der funktionierte wirklich hervorragend. Apropos Klimawandel. Auf den wird ja inzwischen jeder heiße Sommertag geschoben. Aber es war in Rotterdam für die zweite Hälfte August wirklich sehr warm, mehr als 30 Grad, und einigen Pferde ging am Ende die Kondition aus.  Gut zu wissen, dass es Tokio 2020 noch heißer und vor allem die Luftfeuchtigkeit noch höher sein wird.

Dressurbilanz

Der totale Erfolg der deutschen Dressurreiter, fast alle möglichen Medaillen, nämlich Mannschaftsgold, zwei Einzelmedaillen im Special und alle drei Einzelmedaillen in der Kür, erfreute natürlich die Beteiligten, allerdings war selbst aus diesem Kreis Bedauern zu hören, dass durch die Eliminierung von Charlotte Dujardin wegen Blutes am Sporen und an der linken Seite von Freestyle eine ernst zu nehmende Medaillenaspirantin vorzeitig ausgeschieden war.

Ich habe längere Zeit  am Abreiteplatz verbracht, was zum Glück problemlos möglich war. Oft muss man ja erst darum kämpfen, weil immer die Sorge besteht, man könnte etwas Falsches zu sehen kriegen. Ich sah fast nur Gutes, die meisten Reiter bereiteten ihre Pferde ruhig und locker auf die Prüfung vor. Dem einen oder anderen Pferd hätte man gewünscht, dass sich es sich am Anfang oder zwischendurch mal am langen Zügel strecken darf und nicht nur aus der Spannung heraus in Haltung gebracht wird. Ich will jetzt mal keine Namen nennen. Rollkur-Bilder sah ich nicht, jedenfalls nicht auf dem Hauptabreiteplatz. Es gab noch einen Abreiteplatz im Stallbereich, der nicht einzusehen war. Die einst von uns, dem St.GEORG, angestoßene Diskussion um die Rollkur hat wohl doch was bewirkt.

Am besten man ist vor Ort

Das alles bekommt man natürlich nur mit, wenn man vor Ort ist. Wobei die Berichterstatter, sofern sie nicht ein Mikrofon in der Hand halten, allmählich sowas wie der berühmte Schütze im letzten Glied werden. Nach ihrem Ritt müssen die Reiter, dem internationalen Protokoll folgend, zunächst zu den in einem eigenen Bereich aufgereihten Fernsehanstalten. Je nach Prominenz des Reiters sind das mehr oder weniger viele TV-Mikros, die ihnen da hingehalten werden. Entsprechend dauert es kürzer oder länger.

Dann, wenn sie alles zwanzigmal erzählt haben, kommen sie zu uns. Ich bewundere die meisten dafür, wie geduldig und engagiert sie immer noch alle Fragen beantworten, obwohl sie doch vielleicht längst zu ihrem Pferd und ihren Freunden wollen. Wenn sie gleich zur Siegerehrung abkommandiert werden, dann gucken wir in die Röhre.

Manche Medien verlassen sich auf TV-Übertragungen – ist ja auch besser als nichts. Aber die Atmosphäre, den besonderen Blick auf das Geschehene, die Emotionen in Sieg und Niederlage, die Tränen der Freude und die der Enttäuschung, die gibt es nicht aus der Konserve, die muss man miterleben. St.GEORG wird weiter live dabei sein bei den großen Momenten des Pferdesports, um zu berichten, was wir mit eigenen Augen sehen. Versprochen.

 


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