München: Isabell Werth und Bella Rose siegen mit der 80 Prozent-Marke vor Augen

Isabell Werth und Bella Rose

(© Schreiner)

Ist das der endgültige Durchbruch? Nach einer fast halbjährigen Turnieerpause ist an diesem Wochenende das Pferd erstmals an den Start gegangen, über das in der internationalen Dressurszene am meisten gesprochen wird. Denn alle wollen wissen: Ist Bella Rose, die heute den Drei-Sterne-Grand Prix Special in München gewinnen konnte, das Pferd, mit dem Isabell Werth zu den Weltreiterspielen möchte. Wir haben die erfolgreichste Dressurrreiterin aller Zeiten gefragt.

Das Gesicht entspannt sich, ein Strahlen verdrängt die hochkonzentrierte Miene, die Isabell Werth bei ihrem Rit 78,112 Prozent hat sie gerade den Sieg errungen, die zweite goldene Schleife nach dem Gewinn des Grand Prix gestern in München bei Pferd International. Dass diese Stute Qualitäten hat, wie sie nur ganz selten einem Pferd gegeben sind, hat sich mittlerweile herumgesprochen. Auch international. Der niederländische Bundestrainer Wim Ernes kommt zum Gratulieren. Die Stute hattest du doch letztes Jahr hier mit in München, da habe ich schon gedacht, das ist die Nächste. Ja, die Nächste. Genau das ist die Stute. Eine nicht nur für Mannschaftsmedaillen, eine fürs Podium. Ich hatte ja schon das Glück, viele Championatspferde reiten zu dürfen, aber Bella ist einfach ganz besonders. Ganz anders als Gigolo, ähnlich vereinnahmend wie Satchmo, aber dann doch ganz anders.

Isabell Werth kann aus dem Vollen schöpfen. Don Johnson, der gerne mal etwas freche Don Frederico-Sohn hat in Balve bei den Deutschen Meisterschaften gezeigt, dass er an die 80-Prozent-Marke herankommen kann und damit immer ein Pferd für das Team ist. Und Ernie, El Santo, der Rheinländer, der das Piaffieren zwischenzeitlich komplett im Prüfungsviereck eingestellt hatte, ist auch wieder da. Über 80 Prozent in der Kür in Balve und bei jedem Auftritt immer etwas elektrischer. Auch in München piaffiert der Ehrentusch-Sohn ohne Probleme, immer noch zu viel im Vorwärts und deswegen von einigen Richtern lediglich mit Fünfen bedacht, dafür aber rhythmisch und gleichmäßig. Aus dem einstigen Totalverweigerer ist wieder einer geworden, der mitmacht.

Die Arbeit an diesem Problem mit dem Spanier José Antonio Garcia Mena, 2010 für sein Land bei den Weltreiterspielen am Start, war für Isabell Werth ein Meilenstein. Er hat mit eine ganz neue andere Art des Piaffierens aufgezeigt. Davon profitieren alle Pferde und auch meine Bereiter. Das ist doch das tolle an der Arbeit mit Pferden, man lernt von jedem noch dazu. Ernie (El Santo) hat nun verstanden, dass Piaffe keine Angstlektion ist. Er atmet jetzt. Piaffieren ganz bewusst noch im Vorwärts ist jetzt kein Thema mehr. Nichts, dass besondere Aufmerksamkeit oder Anspannung erfordert. Es ist eine Lektion wie jede andere auch, so wie ein fliegender Wechsel, oder eine Traversale.

Eben mal Piaffe so sieht es auch aus, wenn Bella Rose zur Königslektion im höchsten Versammlungsgrad antritt. So leichtfüßig, so selbstverständlich, so tänzerisch und dennoch dynamisch hat man schon lange kein Pferd mehr im Viereck erlebt. An leichter Hand zeigt die Belissimo-Tochter, die Isabell Werth dreijährig bei den Züchtern, Ehepaar Struck, gekauft hat, Übergänge von der Passage in die Piaffe und wiederum zurück in die Passage. Sie benutzt ihren Körper, wenn ich nichts falsch mache, macht sie keine Fehler. Jeder Ritt ist eine hundertprozentige Konzentrationsangelegenheit. Sie ist eine Diva, als solche verlangt sie hundertprozentige Konzentration.

Im gestrigen Grand Prix hatte die Stute zwei Fehler. In den Zickzacktraversalen im Galopp hatte das Paar einmal sieben, anstatt der geforderten sechs Galoppsprünge vorm Richtungs- und fliegenden Wechsel gezeigt. Außerdem war einer der 15 fliegenden Wechsel von Sprung zu Sprung hinten nicht ganz durchgesprungen. Das hat sie ein bisschen geschnufft, sagt Isabell Werth. Da kam eine minimale Spannung auf, das darf dann durchaus noch mal passieren. Auch Bundestrainerin Monica Theodorescu sieht diesen Fehler nicht tragisch. Die Zickzacktraversale, da war der Fehler oben, da ist nicht gezählt worden. Das sieht Isabell Werth etwas anders. Denn der Fehler, so seltsam das zunächst klingen mag, dokumentiert einen weiteren Lernfortschritt der hochbeinigen Stute. Bella ist so schlau und so eifrig, dass sie viele Dinge vorwegnehmen möchte. Da muss sie warten lernen. Und deswegen stelle ich sie in den Zickzacktraversalen recht lange relativ gerade und gebe erst dann die Hilfe. Diesmal war ich den Bruchteil einer Sekunde zu spät und Bella hat genau richtig reagiert, sie hat gewartet!

Was Isabell Werth an den Siegen von München am meisten freut? Vieles, aber vor allem, wie cool Bella ist. Auf dem Weg zum Dressurviereck gibt es hier ja viele Eindrücke. Und als ich zum Abreiteplatz unterwegs war, kam plötzlich eine herrenlose Kutsche angeschossen. Das war richtig gefährlich. Aber Bella hat sich von der Unruhe in keinster Weise anstecken lassen.

Bundestrainerin Monica Theodorescu ist mehr als zufrieden. Mir war wichtig, dass die Stute überhaupt erstmal wieder an den Start geht. Immerhin ist sie ja seit Frankfurt (Anm. d. Red. im Dezember 2013) nicht mehr auf dem Turnier gewesen. Jetzt steht für die Fuchsstute das Sichtungsturnier in Perl-Borg Ende Juni an. Dort soll sie in der Grand Prix Special-Tour gehen. Pro Tour darf je Reiter nur ein Pferd starten. Deswegen wird Don Johnson wohl in der Kür-Tour starten. Aber ich würde Bella schon gerne in Aachen in der Mannschaft reiten, und dann schauen wir mal