Herpes-Proben: Deutsches Labor weist als erstes N-Variante in Valencia nach

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Herpes wird mittels Nasentupfertest nachgewiesen. (© www.galoppfoto.de)

Unstrittig ist in den Herpes-Proben von schwer erkrankten Pferden an der Uniklinik von Valencia die N-Variante des EHV-1 nachgewiesen worden. Probenergebnisse des deutschen Labors SYNLAB VET haben das bereits Ende vergangener Wochen ergeben. Das Unternehmen hat dies dem Weltreiterverband (FEI) vergangenen Sonntag schon mitgeteilt. Die FEI möchte sich aber weiterhin nicht dazu äußern und spricht in offiziellen Statements von einem nicht näher definierten „aggressiven Stamm“.

Herpes-Proben aus Valencia zeigen: Die N-Variante des EHV-1 Virus ist ursächlich für den Ausbruch auf dem spanischen Turniergelände. Die Analysen des deutschen SYNLAB Vet Labors konnten dies eindeutig belegen. „Es wurden 13 Proben im Rahmen einer Forschungskooperation mit der Pferdeklinik der Universität Valencia (CEU) untersucht. Es handelt sich also nur um Proben von Pferden mit so starken neurologischen Krankheitssymptomen, dass eine Einweisung in eine Klinik nötig war“, sagt Tierärztin Dr. Beatrice Lehmann (Fachberaterin Pferde bei SNYLAB Vet). Am vergangenen Sonntag habe man diese Ergebnisse dem Weltreiterverband (FEI) mitgeteilt.

Bislang waren Experten davon ausgegangen, dass die als aggressiver geltende D-Variante den Ausbruch beim CES Valencia verursacht hat. Bereits in einer ersten Stellungnahme zu den Vorkommnissen in Valencia hatte die FEI von einem „aggressiven Stamm“ geschrieben. Das Argument wurde auch angeführt, als die Streichung des Weltcup-Finals 2021 in Göteborg und die Verlängerung der europäischen Turniersperre bekanntgegeben wurde.

Welcher „aggressive Stamm“ es ist, sagte der Verband mehrfach nicht. Selbst auf Nachfrage bei einer FEI-Pressekonferenz per Video mit internationalen Journalisten am Dienstag, 9. März, wollte sich FEI-Veterinärdirektor Dr. Göran Akerström nicht detaillierter zu den in den Herpes-Proben gefundenen Varianten äußern. Das sei zu früh, man untersuche noch, so der Schwede in Diensten der FEI.

Untersuchung der Herpes-Proben

Genauer untersuchen heißt Sequenzieren, erläutert Dr. Beatrice Lehmann: „Eine Untersuchung auf D- oder N-Variante ist allerdings keine vollständige Genomsequenzierung. Daher ist es möglich, dass das Virus aus Valencia an anderen Stellen des Genoms weitere Unterschiede zu den Herpesviren früherer Ausbrüche zeigt. Eine vollständige Genomsequenzierung jeder Probe ist aber in der Routinediagnostik undenkbar, da dies zu aufwendig und auch zu teuer ist. Wenn weiterhin nur die N-Variante in Valencia nachgewiesen wird, können wir bei der Nachverfolgung der Fälle nun zumindest sagen, dass Ausbrüche mit D-Varianten nichts mit dem Geschehen in Valencia zu tun haben“, so die Tierärztin.


Wie läuft die Untersuchung von Tupferproben bei Herpes-Verdacht ab?

Die Proben werden zunächst auf das Vorhandensein von EHV-1 und -4 untersucht.

Dies herauszufinden, ist keine Raketenwissenschaft. Diese Standarduntersuchung, der hinlänglich bekannte „PCR-Test“,  (Polymerase-Kettenreaktion, Englisch: polymerase chain reaction, PCR) nimmt zwischen sechs und acht Stunden in Anspruch. Sprich an dem Tag, an dem die Probe im Labor ankommt, steht fest, ob das Pferd EHV-positiv oder negativ ist.

Was Pferdebesitzer wissen sollten: Normalerweise geht die Wissenschaft davon aus, dass ein ungeimpftes Pferd bei einer unkomplizierten EHV-Infektion das Virus etwa nur sieben Tage lang nasal ausscheidet. Bei der neurologischen Form scheidet ein ungeimpftes, befallenes Pferd das Virus allerdings deutlich länger (etwa 28 Tage) aus. Daher ist es in diesen Fällen auch länger möglich, das Virus aus dem Nasensekret nachzuweisen.

Damit ist aber zunächst nur geklärt, ob es sich um eine EHV-1 oder EVH-4 Infektion handelt. Sollte es EVH-1 sein, also der Typ, der nach hohem Fieber neurologische Ausfälle (EHM, Equine Herpesvirus-Myeloenzephalopathie) auslösen und bei Zuchtstuten zum Verfohlen (Abort) führen kann, kann noch weiter analysiert werden. Denn das Virus hat eben zwei bekannte Varianten, benannt mit den Buchstaben N und D.


Welche Variante ist in der Herpes-Probe?

Um welche der beiden Varianten es sich handelt, erkennen Molekularbiologen, in dem sie einen besonderen Genort in der DNA des EHV-1 analysieren (Einzelnukleotid-Polymorphismus, Engl.: Single Nucleotide Polymorphism, im Laborjargon: „Snip-Analyse“). Welche DNA-Bausteine hierbei nachgewiesen werden (an dem spezifischen Genort entweder Adenin oder Guanin), bestimmt ob es sich um die Variante N oder D handelt.

Die Snip-Analyse braucht ca. weitere zwei Stunden und wird in den Labors von Synlab Vet bei allen Proben, die in ausreichender Menge Virusmaterial enthalten, routinemäßig mit durchgeführt. Sie ergab für die Proben aus Valencia ein einheitliches Bild: Nur die N-Variante. Allgemein führt diese Variante tendenziell häufiger zu Aborten als zu neurologischen Symptomen bei betroffenen Pferden. „Man weiß aber, dass auch die N-Variante in der Vergangenheit – je nach Studie – für bis zu 24 Prozent der Herpes Ausbrüche verantwortlich war , bei denen die Pferde neurologische Symptome wie Gangstörungen und Festliegen zeigten“, betont Dr. Beatrice Lehmann.

Entsprechend verursacht die D-Variante prozentual deutlich häufiger neurologische Symptome, weswegen diese Variante besonders gefürchtet wird. Die D-Variante wird als besonders neuropathogen (die Nerven befallend) angesehen und ist in den meisten Fällen für Todesfälle im Verlauf von EHV-1-Infektionen verantwortlich.

Was weiß die FEI über die Herpes-Proben?

FEI Veterinärdirektor Dr. Göran Akerström trifft zu D- oder N-Variante nur eine Aussage: Noch könne man nichts sagen. Man setze auf die vollständige Genomsequenzierung. Dafür sei Professorin Ann Cullinane zuständig. Die Irin vom Irish Equine Centre ist an einem von nur zwei OIE (Welt-Tiergesundheitsorganisation) Referenzlaboratoren tätig. „Wir haben sofort begonnen, nach dem Ursprung zu suchen. Haben die Kontakte in Valencia vor Ort notiert. In Irland arbeiten wir daran, den Stamm genetisch zu identifizieren, um sicherstellen, dass wir den Stamm aus Valencia nicht mit anderen zirkulierenden Stämmen verwechseln“, beschreibt  Akerström die aktuelle Situation.

Herpes-Impfung unabhängig von D- und N-Variante

Welche Variante vorliegt, ist in Bezug auf den Impfschutz zweitrangig. Die in Deutschland eingesetzten Impfstoffe schützen bisher alle nicht vor der Entwicklung neurologischer Symptome. Sie reduzieren allerdings die Ausscheidung von EHV 1 oder EHV 1 und 4 (je nach Impfstoff) und sorgen somit für eine geringere Ansteckung der Tiere untereinander.

Immer mehr Aussagen sind zu vernehmen, dass viele Pferde sowohl in Valencia als auch in Vejer de la Frontera nicht geimpft waren. Offizielle Bestätigungen gibt es dafür nicht. Die FEI verspricht, den Impfstatus der Herpes-Fälle zu untersuchen. Weil Pharmaunternehmen die aktuelle Impfquote gegen Herpes in Deutschland auf ca. 20 Prozent der Pferdepopulation schätzen, wäre es verwunderlich, wenn ausgerechnet nur geimpfte Pferde die Reise zu den Spring-Hotspots im Süden angetreten hätten.

FEI-Veterinärdirektor fordert Impfstoffentwicklung wieder aufzunehmen

FEI-Veterinärdirektor Akerström sieht in einem neu zu entwickelndem Impfstoff die Chance, zukünftig Ausbrüche wie sie aktuell beobachtet werden, und wie sie typisch für die Jahreszeit sind, zu unterbinden. „Für die Zukunft ist es enorm wichtig, dass die Projekte, die früher auf den Weg gebracht worden waren und bedauerlicherweise auf Eis  gelegt wurden, um ein modernes Vakzin gegen die neurologische Form des EHV zu entwickeln, wieder aufgenommen werden. Denn einen solchen Impfstoff gibt es einfach nicht.“