100 Jahre Derby: Schön-traurig

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Moment mal! Die Kolumne von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© Foto Bugtrup/Montage: www.st-georg.de)

Eine Geburtstagsparty und ganz viel „Weißt-Du noch?“. St.GEORG-Herausgeberin Gabriele Pochhammer über das Jubiläum des Deutschen Spring-Derby am vergangenen Sonntag.

Die Luft lau mit einer mal sanften, mal steifen Brise, ein paar Regentropfen und der Rasen so grün wie nie. „Man hätte heute so schön reiten können“, sagte Derbychef Volker Wulff am vergangenen Sonntag, an dem eigentlich in Hamburg–Klein Flottbek das Jubiläumsturnier ausgetragen werden sollte, 100 Jahre nach seiner ersten Auflage 1920. Es klang wehmütig, das konnte auch die Maske mit dem Derby-Logo nicht verbergen, kein Wunder. Eine kleine tapfere Party auf dem Rasen gab’s dann doch, (SG-online berichtete), und Wulff versprach, alles nachzuholen, im nächsten Jahr. Und dann kann man noch auf das 100. Derby unter glücklicherem Stern hoffen, in neun Jahren.

Es gab schon schlimmere Gründe, warum das Derby ausfallen musste, etwa in den Kriegs- und Nachkriegsjahren 1940 bis 1948. Dann wurde es nochmal im Olympiajahr 1972 abgesagt, aus wirtschaftlichen Erwägungen. Jetzt also Corona. Dem Virus fiel die geplante Wiedersehensparty mit den ehemaligen Derbysiegern zum Opfer. Von alten Zeiten sollte geklönt werden und rund um das ewige Thema: „Und was machst Du jetzt so?“ Aber die Erinnerungen waren dennoch gegenwärtig, an diesem Sonntagnachmittag in Flottbek.

Jeder Derbysieg hat seine ganz eigene Geschichte, erst recht, wenn ein Reiter mehrfach mit dem Blauen Band aus der Bahn galoppieren konnte. So wie Tony Haßmann, der am Sonntag nach Hamburg gekommen war, um jenen Sattel zu versteigern, den Collin bei seinen drei Siegen (2004, 2005, 2006) getragen hatte. Der Holsteiner war ein ausgesprochener Derbyspezialist, der sich, so Haßmann, „im Derbyparcours wohlfühlte, wie in seinem Wohnzimmer“. Vor den Starts hat er alle Hindernisse schon mal auf verschiedenen Plätzen trainiert. „Das Derby ist ja das einzige Springen, das man üben kann.“ Bei der Siegerehrung nach dem zweiten Sieg geriet der Lorbeerkranz Collin zwischen die Vorderbeine. „Er ging mir einfach stiften“, erinnert sich Toni Haßmann an den brenzligen Moment.

Dreifach-Derbysieger André Thieme unterstützte zusammen mit dem Derbysieger von 2000, Holger Wulschner, den Derbykoch Heinz Wehmann. Thiemes Brauner Nacorde bewältigte den Derbykurs insgesamt achtmal, davon dreimal siegreich, 2007, 2008 und 2011. Dabei hatte es beim ersten Auftritt nicht wirklich vielversprechend ausgesehen, fünf Abwürfe. Dass ihm seine Freunde anschließend auf die Schulter klopften und sagten, das sei fürs erste Mal doch schon ganz gut, tröstete ihn wenig. Doch dann fing er an zu üben. „Und ich merkte, da geht noch was,“ sagte André Thieme.

Achaz von Buchwald hat dem Kostümpreis auf jeden Fall sicher (re.). Er begrüßt Albert Darboven (li.) und Derby-Chef Volker Wulff (Mitte).

Den kürzesten Weg zum Derbyplatz hatte Achaz v. Buchwald, er wohnt ja in Hamburg. Seine beiden Derbysieg-Pferde könnten verschiedener nicht sein: „Alexa war ziemlich kompliziert, Lausbub ein ganz Braver.“ Aus der Holsteiner Nachbarschaft waren die Derbysieger Dr. Michael Rüping, Carsten-Otto Nagel und Dreifach-Gewinner Nisse Lüneburg gekommen. Mit Cordillo wollte Letzterer Sieg Nummer vier anpeilen. „Er hat einen Wahnsinnscharakter, da bekommt er eine Zehn“, sagt der 31-jährige Profi. Nach der Winterpause ging es in diesem Frühjahr ans gezielte Derbytraining: Fitness, Ausdauer und Üben der Derbyspezialitäten. Das konnte wieder zurückgefahren werden, im Fokus stehen nicht nur für Lüneburg die jungen Pferde, für die es erst allmählich wieder Turniere gibt.

Eine weite Anreise aus dem Corona-Hotspot Rheinland hatte Gilbert Tillmann auf sich genommen, er lebt 40 Kilometer von Heinsberg entfernt. Sein Sieg 2013 auf dem damals schon 19-jährigen Hello Max, einem Pferd, das man auch schon für Karnevalsumzüge hatte leihen können, war eine Sensation. Der Dunkelbraune wurde nach der Siegerehrung geradewegs in die Ehren-Rente geschickt. Die genießt er heute noch. „Max geht es prächtig“, sagt Gilbert.

Ein weiterer Dreifachsieger grüßte mit Cowboyhut per Video: der Österreicher Thomas Frühmann, der mit dem Hannoveraner-Hengst Grandeur 1988, 1990 und 1991 die Ehrenrunde anführte. 1989 Mal ging Grandeur den Derbykurs wieder ohne Fehler, patzte aber im Stechen und wurde Vierter. Viel geübt hatte Frühmann nicht mit dem Dunkelbraunen, der erst achtjährig zu ihm gekommen und erst mal kein Hingucker war. Aber dann spielte er mit dem Derbykurs, „als sei es ein ganz normales S-Springen.“ Insgesamt hat Grandeur anderthalb Millionen Mark gewonnen. „Er war wirklich ein Held.“

Virtuell ließ auch Hugo Simon grüßen. Er ist neben dem mit sieben Siegen erfolgreichsten Derbysieger Nelson Pessoa und Fritz Thiedemann (fünf Siege) einer von nur drei Reitern, denen fünf und mehr Derbysiege gelangen, 1977 mit Little One, 1983 und 1984 mit Gladstone, 1995 mit E.T. und 1997 mit Gondoso. Hugo Simon war ein wahrer Actionheld, keiner hatte gewonnen, bevor er nicht durch den Kurs gefegt war. Jedes Pferd wurde unter ihm zu einem Feuerstuhl. Er und seine Pferde hatten begeisterte Fans in allen Altersklassen, die die Tribünen zum Erzittern brachten, natürlich auch in Flottbek.

Aber 1980 war ein anderer dran: Peter Luther auf Livius, er musste gegen Hugo Simon stechen.  „Na Luther, biste schon mal schnell geritten? So schnell wie ich gleich noch nie,“ rief Simon aufmunternd dem Konkurrenten auf dem Abreiteplatz zu. „Dann hatte er einen runter und ich war Derbysieger. So kann’s gehen“, freut sich Peter Luther noch heute.

Der prominenteste Nicht-Sieger war übrigens Paul Schockemöhle, 13 Mal unter den ersten acht, zweimal Zweiter. „Ich hab es 15 Jahre lang versucht, aber am Ende war ich immer zu dämlich um zu gewinnen. Mal war ich Schnellster im Stechen, hatte dann einen runter.“ Besonders erinnert er sich an einen Versuch in den 1970er-Jahren. „Ich hatte ein Pferd namens Abadir und weil damals noch nach Alphabet gestartet wurde, war ich immer als erster dran. Der Wallabstieg, damals noch aus reinem Mutterboden, war schon aus den Qualifikationen total ausgetreten, dann hatte man die Rille einfach mit Erde aufgefüllt. Als wir uns der Kante näherten, geriet auf einmal der ganze Schlamassel ins Rutschen und wir fielen buchstäblich in die Tiefe, das Pferd auf dem Rücken. Zum Glück ist uns nichts passiert. Als ich dann selbst für den Derbyparcours verantwortlich war, habe ich die Wallkante mit ungebranntem Ton aufmauern lassen und darüber Rasen aufgebracht. Jetzt gibt sie vielleicht drei, vier Zentimeter nach, aber mehr nicht. Für mich bleibt der Wall das Wahrzeichen des Spring-Derbys.“ Das wird er bleiben und im nächsten Jahr werden wir hoffentlich wieder erleben, wie Reiter und Pferde oben stehen und überlegen, wie sie am besten wieder runterkommen.

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