100. Deutsches Spring-Derby – die Geburtstagsfeier

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100. Deutsches Spring-Derby (© www.st-georg.de)

Derby-Geburtstagsfeier in Corona-Zeiten – statt 100 Jahre Deutsches Spring-Derby mit 25.000 Zuschauern, die das Geschehen zwischen Wall, Birkenoxer und Pulvermanns Grab verfolgen, wurde heute zwei Stunden lang via Clipmyhorse Geburtstag gefeiert. Jan Tönjes berichtet live. Der Beitrag wird laufend aktualisiert.

17.20 Uhr Dressur: natürlich auch

100 Jahre Spring-Derby, das steht klar im Mittelpunkt der nachmittäglichen Geburtstagsfeier, aber Dressur darf auch nicht fehlen. Ein Dressurviereck ist aufgebaut inmitten des Derbystadions. Dann setzt Musik ein. Comedian Harmonists, „Wochenend und Sonnenschein“, danach ein bisschen Andrew Sisters. Derbysiegerin Emma Kanerva, die aus Finnland stammt aber schon lange in Deutschland trainiert, reitet zusammen mit Rainer Schwiebert ein Pas de Deux. Als Chefrichter bei C steht Albert Darboven in seinem Frack. Aber das ist nicht Teil der Inszenierung, da kommt der Pferdemann Darboven durch.

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Pas de Deux: Emma Kanerva und Rainer Schwiebert (© www.st-georg.de)

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Rainer Schwiebert beim Pas de Deux (© www.st-georg.de)

Nach Passagen und Piaffen, Traversalen und Serienwechseln grüßen die beiden. Da gibt es Applaus von den wenigen, die auf den heiligen Rasen dürfen. Darboven erkundigt sich nachher bei Rainer Schwiebert, wie dessen Pferd den Reiterwechsel damals weggesteckt hat. „Super“, sagt Schwiebert und schwärmt vom Dressur-Derby. Bei so viel Herzblut, das da mitschwingt, weiß man auch, warum er nicht nur als Reiter, sondern auch als Organisator und Sponsor immer zur Stelle ist, wenn es unter den Eichen im Derbypark ins Viereck geht.

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Derbysieger-Familie als Maskenball: Dolf Keller und Tochter Kathleen (© www.st-georg.de)

Tja und dann ist die Party vorbei. Vom Landhaus Scherrer wird ein Spargelsüppchen gereicht. Genossen wird es ohne Maske – es gab welche mit 100-Jahre-Derby-Logo – aber auf Distanz. Und beim Verabschieden hört man dann mehr als einmal: „Bis bald, hoffentlich!“

……..

16.45 Uhr Szenenwechsel: Casall und Wall

Zweibeinige Rentner gibt es jede Menge bei dieser Geburtstagsparty. Aber auch einen vierbeinigen: Der Holsteiner Hengst Casall, der mit einem Sieg in der Global Champions Tour-Etappe seine aktive Sportkarriere in Hamburg beendet hat, ist da. Auf dem heiligen Rasen steht der Braune, der so etwas wie die finanzielle Rückversicherung des Holsteiner Verbandes ist. Sonst deckt er in Elmshorn, jetzt chillt er in Klein Flottbek. Sein Reiter Rolf Göran Bengtsson ist auch da und schwärmt nochmal ein bisschen von dem Caretino-Sohn. Der lässt sich derweil den „heiligen Rasen“ im Derbypark gut schmecken.

Casall gratuliert zu 100 Jahre Deutsches Spring Derby

Den Derbywall musste er nie überwinden. Aber der Wall ist und bleibt das Herzstück des Derby-Wochenendes. Sandra Auffarth, Derbyzweite der Vorjahre, ist auch nach Hamburg gekommen. Und zwar wegen des Walls. Sie hat einen Fuchs dabei. Auch aus eigener Zucht aber es ist nicht La Vista, ihre Derbystute, sondern der achtjährige Steve v. Stanley. Ein großer Fuchs, der bei Auffarths zur Welt gekommen ist und im letzten Jahr schon auf dem Derby in Youngster-Prüfungen am Start war. Er soll heute über den Derby-Wall gehen. Achaz von Buchwaldt wird kommentieren. Beim Abreiten galoppiert Sandra lässig über die irischen Wälle, die links und rechts des Eingangs stehen. Das sieht so aus, als wolle der Fuchs in seinem Leben nichts anderes machen.

Doch der Aufsprung ist nicht so die Sache des Hannoveraners. Er stutzt. Ein Wall? Am Sonntag? Nein danke! Es braucht ein bisschen Seitenwind von Derbysiegern, Dr. Michael Rüping gibt von der einen Seite Halt, Carsten-Otto Nagel von der anderen. Und auch Toni Haßmann kommt angelaufen, um zu unterstützen. Angesichts solch eines Promiauflaufs entscheidet sich Steve dann doch, mutig auf den Wall zu springen. Der Aufsprung geht über zwei Ebenen. Sandra drückt ein bisschen, dann ist das Paar oben. Oben an der Kante stutzt der Fuchs, sucht sich dann aber mutig den Weg nach unten. Sandra Auffarth ist glücklich. Das Stutzen findet sie gut, sagt sie, schließlich brauche es ja auch intelligente Pferde, die auch denken.

Anschließend erläutert Janne Friederike Meyer-Zimmermann die Klippe aus Reitersicht. Schließlich ist nach dem Wall vor der Planke. Und die ist die eigentliche Klippe seit 100 Jahren.

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Wetten, dass sie auch Charleston kann? 20er Jahre-Girl Janne Friederike Meyer-Zimmermann mit Federbusch (© www.st-georg.de)

Vielleicht hätten noch zwei weitere Derbysieger unterstützen können. Doch wenn die mit Messern und Suppenkellen bewaffnet auf der Szene erschienen wären, hätte Steve womöglich falsche Schlüsse ziehen können. Holger Wulschner und André Thieme sind nämlich in der Küche beim Promi-Kochen. Und beim Plaudern während des Schnibbelns stellt sich heraus, dass André Thieme damals seinen Chef Wulschner im Fernsehen gesehen hat als er das Derby gewann. „Das war eigentlich ein Dienstverstoß, ich sollte ja reiten während Holger in Hamburg war“, feixt André Thieme rückblickend.

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Küchenhelfer im Halbdunkel: Derbysieger Holger Wulschner und André Thieme machen auf Bocuse (© www.st-georg.de)

………….

15.45 Uhr Die Kamerateams sind da, ein bisschen Bandenwerbung ist aufgehängt und dekorativ stehen auch ein paar Sprünge auf dem Derbyplatz. Ein paar Gestalten sind in der Mitte des Platzes anzutreffen. Dort stehen mehrere Pagodenzelte mit ihren spitzen Dächern. In einem wird promigekocht, vor einem anderen stehen zwei Derbysieger, Nisse Lüneburg und Toni Haßmann. Beide haben schon mehrfach den Eichenkranz auf der großen Ehrenrunde auf der Brust des Siegerpferdes vor sich gehabt. Kurzes Interview, „Wie war’s denn damals so?“, „Hast du noch ein potenzielles Derbypferd?“ – was man so fragt, wenn man das Jubiläums-Event zum 100. Geburtstag statt mit 25.000 Zuschauern halt so ganz anders feiern muss als geplant. Derby-Chef Volker Wulff hat sich in Schale geschmissen, lässt sich auch gerne mit „Herr Pulvermann“ ansprechen. Er hat Zylinder und trägt Cut, in Royal Ascot würde er gut in die Szenerie passen. Einer, der sich da bestens auskennt, ist Albert Darboven. Der Kaffeeunternehmer dessen Idee Kaffee-Bande am Wall auf den Titelsponsor des Deutschen Spring-Derbys verweist, musste vermutlich nicht auf einen Kostümfundus zurückgreifen, um stilecht, im angedeuteten 1920er Jahre-Look zu erscheinen. Er ist mit einem Oldtimer auf den Platz gefahren worden. Sein „Chauffeur“ ist ebenfalls ein zweifacher Derbysieger – Achaz von Buchwaldt. In karierten Knickerbockern und mit Schiebermütze wirkt er etwas verschmitzt. Wie ein kesser Hamburger Butscher vor 100 Jahren. Das verschmitzte Grinsen, das für von Buchwaldt so typisch ist, verschwindet aber immer dann hinter einer Schutzmaske wenn die Kameras nicht gerade ein Gespräch mit ihm aufzeichnen.

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Keine 25.000 Zuschauer – das Deutsche Spring-Derby ist ein prominentes Opfer der Corona-Pandemie

Das Publikum, ein paar Drehteams, eine handvoll Journalisten und PR-Leute. Auch Dr. Michael Rüping ist da. Der Arzt im Ruhestand, der auch schon das Derby gewonnen hat, war Orthopäde. Da hat man es nicht so mit OP-Masken. Immer wieder rutscht ihm der Mund-Nasen-Schutz nach unten. Er erinnert sich, dass er den Stilpreis im Jahr seines Sieges zusätzlich gewonnen hat, „das klappte sonst auch nicht immer so.“

Zwischen den Gruppen mit den Damals-Outfits und dem aus dem Hier und Jetzt (Nisse Lüneburg und Toni Haßmann sind in Jeans da), läuft die Moderatorin der Geburtstagsshow über den Platz. Beim Interview mit NDR-Frontfrau Sandra Maahn weht der Wind und bringt den Federpuschel, den die Dame im Charleston-Manier im Haar drapiert hat, bedrohlich ins Wackeln. Aber er trotzt der mitunter steifen Brise. Hamburg, das mag ein klitzekleiner Trost sein für Derby-Organisator Volker Wulff, ist heute mit 15 Grad eher kühl, ein paar Regenschauer unterbrechen die auch sonnigen Abschnitte und Wind gibt es satt. Vielleicht hat ja Petrus das richtige Jubiläumswetter für das richtige 100-Jahre-Derby aufgespart. Die Hoffnung, dass es das noch geben wird, wohl auch noch im Jahr 2020, hat Volker Wulff noch nicht ganz aufgegeben. Im Spätsommer oder Frühherbst vielleicht, „auf jeden Fall wird es kein Geister-Derby“, sagt Wulff mit fester Stimme.