Olympia: Bronzemedaille für die deutschen Springreiter, denkt Beerbaum an Rücktritt?

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Eine Medaille, die Gold wert war: Mannschaftsbronze für die deutschen Springreiter in Rio 2016. (© Pauline von Hardenberg)

Der heutige Tag war an Spannung kaum zu überbieten: Die Deutschen lagen vor dem Springen auf Goldkurs und dann passierten doofe Fehler, die Medaille schien außer Reichweite und plötzlich ist Deutschland im Stechen um die Bronzemedaille gegen Kanada. Eine Achterbahnfahrt der Gefühle, die sich am Ende gelohnt hat.

Mit einer dramatischen Rettungsaktion sicherte Ludger Beerbaum dem deutschen Springreiterteam die Bronzemedaille, die erste Olympiamedaille für Otto Becker als Trainer nach den medaillenlosen Olympiaauftritten in Hongkong 2008 und London 2012. Für Beerbaum war es bei seinen siebten Spielen die fünfte Medaille, die anderen vier waren aus Gold. Daniel Deußer und Meredith Michaels-Beerbaum standen zum ersten Mal bei Olympischen Spielen auf dem Treppchen, Ahlmann gehörte schon zum Bronzeteam in Athen. Mit einer grandiosen Nullrunde rettete Beerbaum mit dem letzten Ritt des Tages am Ende die Medaillenchance, die Möglichkeit mit acht Fehlern noch mit den Kanadiern um Bronze zu stechen. Da lagen sich die Franzosen schon als Olympiasieger in den Armen, mit ihren nur drei Zeitfehlern waren sie nicht mehr einzuholen, auch nicht die US-Reiter, die mit fünf Punkten die Silbermedaille gewannen.

Hinter den Deutschen und den Kanadiern folgten die Brasilianer auf Platz fünf (13) vor der Schweiz (15), und gemeinsam auf Rang sieben, Niederländern und Schweden (18).

Am Morgen war noch die Goldmedaille drin gewesen, die Deutschen führten mit dem Idealergebnis von null Fehlern aus dem ersten Umlauf, was allerdings auch drei anderen Mannschaften gelungen war, USA, Brasilien und Niederlande. Die Brasilianer und Niederländer hatten nur noch drei Reiter, Barcha de Freitas war am Vortag disqualifiziert worden wegen Blutspuren an der Flanke seines Pferdes Landpeter de Feroleto. In der holländischen Mannschaft, die hier zu den Favoriten gezählt hatte, fehlte der Schimmelhengst Zirocco Blue, ausgeschieden wegen zweifacher Verweigerung, am Tag davor disqualifiziert wegen Blut an der Flanke nach Peitschenhieben. Einen dritten Start des lustlosen Pferdes riskierte die Mannschaftsführung dann nicht mehr.

Der Kurs war deutlich schwerer als am Vortag, alles sehr luftig gebaut, mit Abmessungen bis 1,60 Meter. Die Triplebarre war zwei Meter breit. Am Ende ließ sich der Parcours besser reiten als gedacht, auch wenn viele Reiter Zeitfehler kassierten. Zwar blieben insgesamt 16 Reiter ohne Abwurf, darunter aber zunächst kein Deutscher. Der erste deutsche Starter, Christian Ahlmann begann mit Taloubet Z recht flott. An einem mit einem auffälligem schwarzweißen Wellenmuster bemalten Steilsprung guckte der Hengst etwas überrascht. Ein Sekundenbruchteil Unaufmerksamkeit genügte, die Flugkurve wurde zu flach, die Planke fiel zu Boden. Meredith Michaels-Beerbaum, wie Ahlmann in den bisherigen Springen ohne Fehler, kassiert mit Fibonacci einen Abwurf am allerletzten Hindernis. „Das war mein Fehler“, gab sie enttäuscht zu. First Class von Daniel Deußer patzte am mittleren Sprung der sehr eng gestellten Dreifachen aus Oxer, Steil, Oxer.

Nun lag alles an Ludger Beerbaum. Nur er konnte mit einem fehlerlosen Ritt noch die Chance auf eine Medaille sichern. Beerbaum lieferte. Casello, nicht unbedingt einer, der sich bei jedes Hindernis haushoch überspringt, ließ diesmal alle Stangen liegen. In den Springen davor hatte es je einen Abwurf gegeben. Den Druck, dass an seinem Ritt alles hing, habe er nicht gespürt, sagte Beerbaum

Ich hatte keine besondere Taktik. Ich habe nicht lange hin und her gedacht. Wenn man anfängt, zu überlegen und zu grübeln, geht es meistens schief. Und ich bin überglücklich, dass es geklappt hat.

Beerbaums Nullrunde ermöglichte das Stechen um Bronze. Alle vier Reiter jeder Mannschaft, so die Regel, müssen noch einmal in die Bahn, Fehler und Zeiten werden addiert, es zählen wieder die drei Besten. Nachdem im Stechen zwei Kanadier je einen Abwurf kassierten, die drei ersten deutschen Reiter fehlerlos geblieben waren, war die Bronzemedaille gerettet. Die vierten Reiter mussten nicht mehr antreten. Ludger Beerbaum brauchte seinen Casello erst wieder zur Siegerehrung satteln.

„Es war spannend und mehr als knapp“ sagte Bundestrainer Otto Becker.

Das Team hat sich die Medaille verdient, alle haben das ganze Jahr darauf hin gearbeitet.

Es war der letzte Auftritt des 52-jährigen Beerbaum in Rio, womöglich seine letzter Olympiastart. Denn als vierter Deutscher, belastet mit acht Fehlerpunkten nach drei Runden, darf er nicht mehr zum Einzelfinale am Freitag antreten, weil einer IOC-Regeln folgend nur drei Reiter pro Nation im Endkampf zugelassen sind. Das werden, das Okay in der morgigen Tierarztkontrolle vorausgesetzt, nun Ahlmann, Deußer und Michaels-Beerbaum sein. Auch wenn eines drei deutschen Pferde ausfallen sollte, kann Beerbaum laut Regelwerk nicht nachrücken. Nicht mit einer Sekunde seien seine Gedanken beim Einzelspringen am Freitag gewesen, sagte Beerbaum. „Ich bin so dankbar, dass die Mannschaft das Vertrauen in mich gesetzt hat, mich hier reiten zu lassen.“ Und dann klang es schon ein bisschen wehmütig: „Dies war heute ein besonders emotionaler Tag für mich, in dem Bewusstsein, das es nicht mehr so viele Tage in meinem Leben geben wird, wenn überhaupt. Ich bin überglücklich, das Schicksal hat es gut mit mir gemeint.“ Ein Karriereende in nicht allzu ferner Zukunft schließt er nicht aus. „Das werde ich aber nicht hier und jetzt entscheiden. Vielleicht in 14 Tagen.“

Pauline von Hardenberg

Held des Tages: Ludger Beerbaum und Casello. Während den beiden die letzten Tage jeweils ein Flüchtigkeitsfehler unterlief, war die Leistung heute am Punkt. Er musste null reiten, damit gegen Kanada gestochen wird. Er lieferte und brachte Deutschland zurück auf Medaillenkurs. (© Pauline von Hardenberg)

Morgen um 16 Uhr müssen die Pferde der Finalisten zur Verfassungsprüfung, am Freitag geht es nochmal um Medaillen. Alle 35 Reiter starten wieder bei Null, müssen in zwei verschiedenen Kursen antreten. Vielleicht geht da noch was. Neues Spiel neues Glück.

 

Parcourskritik von Florian Meyer zu Hartum

Pauline von Hardenberg

Springreiter Florian Meyer zu Hartum analysiert für St.GEORG die Aufgaben, die den Springreiterin in Rio zu bewältigen haben. (© Pauline von Hardenberg)

Es war wieder ein netter Anfang. Die Mauer sprang sich gut und man konnte, je nach Pferd, sechs oder sieben Galoppsprünge machen. Lange Galoppstrecken zu den Hindernissen drei und vier gaben Rythmus. Mit acht oder neun Galoppsprüngen ging es weiter zu Sprung fünf, an dem sich viele Pferde festhielten (er hatte dieselbe Optik wie die Kombination am ersten Tag und weg vom Ausgang zu springen nach der breiten Trippelbar). Von Hindernis fünf zu 6a waren es eigentlich sechs Galoppsprünge, aber der ein oder andere machte sieben, um die Pferde genügend versammelt zu haben für die sehr enge Doppelplanke (zwei Galoppsprüngen). Sieben und acht waren breite Oxer, im Rhythmus zu reiten, ohne Probleme. Etwas eckig der Weg auf neun, dadurch wurden die vier Galoppsprüngen zu zehn etwas weit. Der eine oder andere machte auch fünf. Die Dreifache elf a, b, c ging vom Ausgang weg mit breiten Einsprung, einem luftigem Element b und wieder einem breiten Oxer als c. Das verlangte höchste Konzentration an b und Vermögen an c. Danach waren lange fünf oder kurze sechs auf Sprung 12 zu reiten, luftiger Steil mit Wasser. Als letztes kam nochmal ein sehr breiter Oxer zu dem man acht oder neun Galoppsprünge machen konnte. Alles in allem ein sehr schwerer Kurs, fair mit vielen Optionen, bei denen man aber immer auch die sehr knappe Zeit beachten musste wenn man einen Galoppsprung mehr reiten wollte.

 

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  1. Verena

    „In der holländischen Mannschaft, […], fehlte der Schimmelhengst Zirocco Blue, ausgeschieden wegen zweifacher Verweigerung, am Tag davor disqualifiziert wegen Blut an der Flanke nach Peitschenhieben(!). Einen dritten Start des lustlosen (???) Pferdes riskierte die Mannschaftsführung dann nicht mehr.“

    Traurig, dass hier die Schuld aufs Pferd gewälzt wird… ich hätte nach so einer „Behandlung“ auch keine Lust mehr.

  2. machner ursula

    daß zirocco blue so reagiert hat, ist kein wunder. vermutlich zeigte das pferd anzeichen der überforderung. nicht jedes hat so starke nerven und den noch stärker ausgeprägten willen, immer so mitzumachen wie der reiter es will, immer und überall. so manches eigentlich talentierte pferd ist dem springzirkus nicht auf dauer gewachsen. zwingen kann man sie auch nicht als reiter, wenn sie nicht mehr wollen. und mit schlägen – das weiß jeder wirklich gute reiter – erreicht man in der regel gar nichts, sondern eher das gegenteil von dem, was man möchte.
    daß ludger nicht mehr nationenpreise mitreiten möchte, ist auch verständlich. was hat es ihm denn bei den letzten olympiaden gebracht? es macht doch keinen spaß, wenn man für andere die heißen eisen aus dem feuer holen soll, nur weil sie sich immer wieder blöde fehler erlauben. london war ein desaster, man mag garnicht mehr dran denken. unsere springer haben nix geputzt, im gegensatz zu unseren braven buschis und den dressurlern. sie standen am schluß da und guckten aus der wäsche wie begossene pudel. was zum kuckuck ist bloß los? was z.b. machen die amis (mclaine ward, oder beezie madden) besser? vermutlich unterziehen sie zuhause ihre pferde einem spezialtraining, damit diese ihre hufe immer schön hochheben und die stangen nicht berühren…… ein schelm, der böses dabei denkt.
    ja, ludger, traurig, traurig, traurig. war geschockt als ich das heute las. man kann sich die championate, olympiaden usw. ohne „unser aller ludger“, auch mr. springsport genannt, überhaupt nicht vorstellen. wäre schön, wenn er wenigstens noch mal in tokio antritt.
    blöd, daß er sich in rio aufgrund des reglements keine goldmedaille holen kann. die chancen wären gut. ob ihn das vielleicht zu diesem schritt bewogen hat? was ist eure meinung, liebe (mit)-leser.


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