Einsamer Wolf oder Rudelmitglied?

Jörn-Warners-Blog-2019

Jörn Warner bloggt aus Großbritannien, wo er bei Vielseitigkeitsreiter Chris Burton trainiert. (© Petra Boschen)

Für Jörn Warner ging es mit seinen Buschcracks am letzten Wochenende wieder auf die Piste. In Haras de Jardy gab es Grund zum Jubeln, aber auch schmerzhaften Bodenkontakt. Und die Erkenntnis: Wenn es drauf ankommt, sind die Vielseitigkeitsreiter eine große Familie.

Reiter sind Individualsportler. Auch wenn wir bei verschiedenen Gelegenheiten zu einer Mannschaft kombiniert werden, bleiben wir im Grunde unseres Herzens doch Einzelkämpfer. Man trifft sich auf den verschiedensten Turnieren, hält ein Pläuschchen, läuft gemeinsam den Kurs ab, feiert den einen oder anderen Erfolg zusammen und geht dann wieder getrennter Wege. Bis man sich auf dem nächsten Turnier wiedertrifft. Alles ganz zwanglos und ohne Erwartungshaltung. Am vergangenen Wochenende habe ich jedoch festgestellt, dass die Vielseitigkeitsreiter, wenn es darauf ankommt, doch diese viel zitierte „große Familie“ sind und zusammenhalten.


Pferdewirtschaftsmeister Jörn Warner ist mit seinen Pferden für sechs Monate nach England ausgewandert, um mit Olympiareiter und Burghley-Sieger Christopher Burton zu trainieren. In seinem Blog erzählt er aus seinem neuen Leben, von Turnierstarts im Mutterland der Vielseitigkeit, den besten Tipps eines internationalen Profis und britischen (Stall-) Gepflogenheiten.


Aber der Reihe nach: Unweit von Paris, im Schatten des Versailler Schloss, starte ich in Haras de Jardy in meine zweite Saisonhälfte. Carl und Paul sind gut drauf, was sich in zwei sehr guten Dressurrunden (Paul 4. und Carl 14.) wiederspiegelt. Mit meinem 15-jährigen Pfadfinder Carl untermauere ich die gute Leistung mit einer Nullrunde im Springen. Paul kann da leider nicht ganz mithalten. Ich schaffe es schon immer mal wieder ihn null im Parcours zu reiten, aber die Puzzelteile sind so klein, wenn nur eine Winzigkeit nicht stimmt, können wir es einfach noch nicht abrufen. Dafür aber im Gelände umso selbstverständlicher. Carl macht mir ein verfrühtes Geburtstagsgeschenk, läuft die Doppelnull nach Hause und sichert sich in diesem erlesenen Starterfeld mit dem zweiten Platz, seine bisher beste Platzierung auf 4*-Niveau.

We are Family

Doch zu großen Feierlichkeiten kommt es in Jardy leider nicht – Paul und mir stand in unserer Geländerunde der letzte Sprung im Weg. Wir haben einen Sturz bei dem zum Glück nicht viel passiert. Nur mein linkes Schlüsselbein hat den unsanften Bodenkontakt nicht in einem Stück überstanden. Gebrochen. Da ist guter Rat erst einmal teuer, denn so kann ich meinen LKW nicht nach England zurück fahren! Geschweige denn bei der Versorgung meiner Pferde helfen.

Autsch! Nach einem Sturz auf der Geländestrecke gab es die Diagnose Schlüsselbeinbruch für Jörn Warner.

Plötzlich jedoch bin ich kein Einzelkämpfer mehr, sondern Teil der großen Vielseitigkeitsfamilie. Reiter die ihre Starts schon absolviert haben, helfen uns beim Runterkühlen und Abpflegen von Paul. Meine Sachen werden eingesammelt und zum Stallzelt zurückgebracht. Deutsche Tierarzteltern von teilnehmenden Sprösslingen checken die Gesundheit meiner Jungs, ich kann mich zum Röntgen ins Krankenhaus bringen lassen und habe einen privaten deutsch-französisch Dolmetscher als Handyjoker.

In der Zwischenzeit läuft die Organisation des Rücktransportes an. Der sich im Nu zu einer internationalen Angelegenheit entwickelt. Denn Burto schickt mir aus England seinen zweiten Reiter. Ben setzt sich am nächsten Morgen in Bristol in den Flieger nach Paris um dann abends mit meinem LKW und den Pferden über Caen wieder auf die Insel überzusetzen. Es ist übrigens seine Premiere in einem Linkslenker! Nicht zu vergessen mit Schaltgetriebe. Ich mache mich am selben Abend mit freundlichen Rheinländern auf den Weg nach Düsseldorf um von dort alles Weitere Planen zu können.

Petra Boschen

Taxi zurück auf die Insel! Ben setzte sich sofort in den Flieger, um die Pferde nach Hause zu chauffieren. (© Petra Boschen)

In der Hektik konnte ich mich nicht bei allen Beteiligten bedanken. Aber das möchte ich unbedingt tun! Es ist nicht selbstverständlich, dass die erwähnten Helfer einfach ihre Turnierroutine unterbrechen um mir unter die flügellahmen Arme zu greifen. Aber es ist gut zu wissen, dass auch wir Individualsportler nicht alleine sind, wenn es darauf ankommt. DANKE!

Cheers, Jörn

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