Ergotherapie für Pferde

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Bernadette Brune fördert die Körperwahrnehmung ihrer Pferde an der Hand und weiß, dass unausbalancierte Pferde enorm davon profitieren. (© www.toffi-images.de)

Bei der Ergotherapie mit dem Pferd wird dessen Körperwahrnehmung geschult. Und das fördert die Gesundheit, Balancefähigkeit und Koordination. Neben wertvollen Informationen haben Sie die Chance, eines von zwei Büchern „Ergotherapie für Pferde“ zu gewinnen. Mit den darin enthaltenen Übungen können Sie die Körperwahrnehmung Ihres Pferdes deutlich verbessern.

Ergotherapie mit dem Pferd: Warum?

Einige Pferde gelten im Umgang als „schwierig“. Solche Probleme werden schnell auf eine mangelnde Erziehung geschoben. Aber: Auch eine schlechte Körperwahrnehmung kann schuld sein! Um diese zu trainieren, sind die drei sogenannten Basissinne gefragt. Die Ergotherapie für Pferde ist vergleichsweise noch recht jung. Die ganzheitliche Therapieform ist aber kein neuer Ansatz, sondern existiert bereits seit mehr als 100 Jahren. Der Begriff stammt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie „Gesundung durch Handeln und Arbeiten“.

Die tiergestützte Ergotherapie beim Pferd zielt genauso wie beim Menschen darauf ab, die Lebensqualität zu verbessern. Dazu gehört auch die Körperwahrnehmung. Diese ist auch für Pferde nicht unwichtig, um langfristig gesund zu bleiben.

Unsere Pferde sind im Alltag unzähligen Umweltreizen ausgesetzt. Diese können sie über ein ausgeklügeltes System von Sinnen aufnehmen und integrieren – sprich im Nervensystem und Gehirn weiterleiten, verarbeiten und deuten, um dann auf eine
bestimmte Art und Weise zu handeln. Diese Wahrnehmungsverarbeitung ist Grundlage der Ergotherapie bzw. der Körperwahrnehmung. Noch bevor das Pferd nach der Geburt sieht, hört, fühlt, riecht und schmeckt, entwickelt es außerdem die Basissinne.

Um die Körperwahrnehmung des Pferdes zu verbessern, gilt es diese Sinne zu schulen. So entstehen neue Verknüpfungen im Nervengeflecht des Gehirns und der Erfahrungsspeicher des Pferdes vergrößert sich. Sind die Basissinne des Pferdes eingeschränkt, wirkt sich das negativ auf die Balance, Koordination und Durchlässigkeit aus. Defizite in der Wahrnehmungsverarbeitung rufen oft Verhaltensweisen wie Buckeln, häufiges Stolpern, Schreckhaftigkeit oder soziale Unverträglichkeit aus. Diese als Unart missverstandenen Handlungen und Probleme werden in der Ergotherapie für Pferde untersucht und behandelt.

Gewinnspiel: Ergotherapie für Pferde als Buch

Ergotherapie für Pferde? Geht das überhaupt? Fragt man Ruth Katzenberger-Schmelcher und Yvonne Katzenberger, so lautet die Antwort: Ja! Die Schwestern haben das Konzept aus der Humanmedizin auf die Pferde übertragen, entsprechend angepasst und zudem unter dem Namen „PFERGO“ die erste Akademie für Pferdeergotherapie gegründet.

Ein Fachbuch über die Ergotherapie beim Pferd haben Ruth Katzenberger-Schmelcher und Yvonne Katzenberger im letzten Jahr veröffentlicht. In dem Fachbuch „Ergotherapie für Pferde: Basissinne schulen – Koordination und Wahrnehmung verbessern“ fassen sie ihre Erkenntnisse zusammen und zeigen viele kreative Übungen. „Ergotherapie für Pferde unterstützt und begleitet Pferde jeden Alters und jeder Rasse, die in ihrer Handlungsfähigkeit eingeschränkt sind oder von Einschränkung bedroht sind. Ziel ist es, sie bei der Durchführung von für ihre Gesundheit bzw. für ihren Besitzer bedeutungsvollen Betätigungen im Pferdealltag zu stärken.“

„Ergotherapie für Pferde: Basissinne schulen – Koordination und Wahrnehmung verbessern“ von Ruth Katzenberger- Schmelcher und Yvonne Katzenberger, Georg Thieme Verlag, November 2019, 192 Seiten, ISBN 9783132428720, 49,99 Euro.

Eines von zwei Buch-Exemplaren können Sie mit ein bisschen Glück gewinnen. Klicken Sie dafür hier, um zu unserem Gewinnspiel zu kommen!

Ergotherapie für Pferde: die Basissinne

Es gibt drei wesentliche Sinnessysteme, die mit der Ergotherapie beim Pferd geschult werden können.

Taktiles System (Oberflächensensibilität):

● umfasst den Körper mit seiner gesamten Hautoberfläche

● Rezeptoren in der Pferdehaut reagieren auf Druck- und Berührungsreize, Vibration und Temperatur

● vermittelt dem Pferd Kenntnis von der Ausdehnung und den Grenzen des eigenen Körpers

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Mit Faszienrolle oder Igelball stimuliert man die Haut und damit auch die Oberflächensensibilität. (© www.toffi-images.de)

Propriozeptives System (Tiefensensibilität):

● registriert die Stellung der Glieder zueinander sowie die Bewegung und Muskelspannung von Gliedmaßen und Körper

● das Pferd nimmt so Bewegungen und Haltungen wahr, die durch die eigene Bewegung entstehen

Vestibuläres System (Gleichgewicht):

● ist für die Aufrechterhaltung des Körpers und die Orientierung im Raum verantwortlich

● registriert z. B. Drehbeschleunigungen, Richtungsänderungen und Schwerkraft

● ermöglicht dem Pferd geordnete Körperhaltungen und -bewegungen

Übungen fürs Training der einzelnen Systeme gibt es im Buch: Ergotherapie für Pferde (s. oben).

Ergotherapie beim Pferd: Körpergefühl im Stall und auf der Weide fördern

Den Großteil des Tages verbringen Pferde im Stall und auf der Weide. Auch dort kann die Körperwahrnehmung verbessert werden. Diese Art der Ergotherapie für Pferde ist einfach und schnell umgesetzt.

Zum Fühlen: Oberflächensensibilität anregen

Streifenvorhänge an Stalltüren oder Unterständen schützen Pferde nicht nur vor Wind und Insekten. Beim Durchschreiten streift der Vorhang am Pferdekörper entlang und löst Reize aus, die die Oberflächensensibilität fördern.

Auch Kehrbesen oder Kratzbürsten an Wänden oder Holzpfosten haben diese Wirkung. Lehnt sich das Pferd noch dagegen, werden auch die Tiefensensibilität und der Gleichgewichtssinn geschult.

Fressspielzeug wie Heu- oder Futterbälle regen ebenfalls die Oberflächensensibilität an. Rollt das Spielzeug zudem, werden weitere Fähigkeiten wie die Orientierung und Reaktion gefördert.

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Berührungen schulen die Oberflächensensibilität. (© www.slawik.com)

Tiefensensibilität fördern

Unebene Untergründe steigern die Tiefensensibilität. Nicht nur beim Training über Matten wird diese angeregt, auch in der Box ist das möglich. Dazu große Boxen nur halb einstreuen, so entsteht ein Wechsel von weich zu hart. Auch Pflastersteine, Matten oder Kiesel auf Laufwegen schulen die Balance-, Umstellungs- und Orientierungsfähigkeit. Balken oder kleine Baumstämme, die die Pferde auf ihren Laufwegen oder auf dem Paddock übersteigen müssen, sind ebenfalls sehr gut für die Körperwahrnehmung. Größere Stämme oder Steine können als Hindernisse genutzt werden, die das Pferd umrunden muss.

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Koordination natürlich trainieren – mit Hindernissen auf Laufwegen und Paddocks. (© www.slawik.com)

Gleichgewicht verbessern

Bergauf und -ab schult das Gleichgewicht. Wem ein solcher Weg nicht von Natur aus zur Verfügung steht, der kann z. B. einen Erdhügel oder Naturtreppen auf der Weide anlegen. Allerdings ist dafür in der Regel ein Bagger notwendig – da gilt es, zunächst den Stallbesitzer von den Vorzügen der Umbauten zu überzeugen!

Auch eine Balancierstrecke ist möglich auf Laufwegen in etwa 20cm Höhe und 40cm Breite. Von den Umbaumaßnahmen her ist es noch am einfachsten, eine Ganzkörperwippe auf einem der Laufwege zu positionieren – ob aber jedes Pferd darüber geht, wird sich zeigen.

Gamaschen für mehr Balance?

Körperhaltung und Gleichgewicht sind das A und O für jedes Pferd. Die französische Trainerin Yaël André hat mit unterschiedlichen Pferden gearbeitet, Reitpferde und Traber. Sie hat herausgefunden, dass die Probleme der Pferde mit Koordination und Körperwahrnehmung unabhängig davon bestehen, wie das Pferd trainiert wird. „Wenn sich die Pferde in Balance halten und mit ihrem Körper umgehen können, vermeiden sie Fehlbelastungen, die letztendlich gesundheitliche Probleme verursachen“, erläutert sie.

Ihre Lösung sind Gamaschen, die das Pferd in der Bewegung in seiner Körperwahrnehmung unterstützen sollen. Sie üben Druck auf die Propriozeptoren in den Kastanien aus. Auf den ungewohnten Druck sendet das zentrale Nervensystem (ZNS) Signale an die an der Bewegung beteiligten Muskeln, Sehnen und Bänder. Dabei zielt das ZNS auf Gleichmaß ab. So werden erlernte, falsche Bewegungsmuster, die ggf. eine einseitige (Über-)Belastung einer Gliedmaße hervorrufen, durchbrochen. Der Bewegungsapparat wird „synchronisiert“, die Gliedmaßen werden gleich hoch und gleich weit bewegt. „Impromove“ ist nur als Trainingsmittel, nicht für den Wettkampf vorgesehen.

Die Pferde müssen langsam an diese Arbeit herangeführt werden. Neben der körperlichen Aufgabe fordern die Gamaschen auch Denksport. Im Test von St.GEORG verhielten sich die Pferde zunächst, als hätten sie das erste Mal Transportgamaschen an den Beinen. Nach einer schnellen Gewöhnung zeigten sich aber erste Erfolge. Schon das bloße Anlegen der Vordergamaschen führte auch zu einem höheren Abfußen der Hinterbeine. Im Training wurden die Pferde unausgebunden, in ihrem Tempo longiert.

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Der Wallach bewegt sich mit aufgewölbtem Rücken, ausbalanciert und mit der Stirnlinie vor der Senkrechten im „Wohlfühl-Tempo“. (© St.GEORG)

Im Test waren drei unterschiedliche Pferdetypen, die allesamt gute Erfolge erzielten. So wurden sie alle mit der Zeit lockerer und elastischer, verbesserten oder lösten zudem ihre individuellen Probleme. Das Versprechen einer besseren Körperwahrnehmung und mehr Gleichgewicht wurde also gehalten.

Balance durch Bodenarbeit

Die Bodenarbeit vermittelt den Pferden ein Gefühl für ihren Körper – also genau das, was man bei der Ergotherapie mit dem Pferd letztlich erzielen möchte! Die Dressurreiterin und Züchterin Bernadette Brune arbeitet bereits im Fohlenalter an diesem wichtigen Gefühl. Dabei geht es neben dem erzieherischen Effekt auch um den Aufbau einer Beziehung zum Pferd. Für die Natur sind die Pferde gut ausbalanciert, als Reitpferd wünscht man aber mehr.

„Die meisten Pferde sind so ausbalanciert, wie sie es in der Natur brauchen, aber nicht wie wir es uns als Reiter wünschen“, so Brune. Das kann man ändern. „Schon im Fohlenalter kann man ihnen das kleine ABC beibringen, damit sie lernen, wie benutze ich meinen Körper als Reitpferd.“ Sie gibt ein Beispiel: „Wenn ein ungeschultes Pferd sich in der Box umdreht, ,fällt‘ es auf das innere Vorderbein. Das funktioniert zwar, aber bei einem Reitpferd wünsche ich mir ja, dass das Pferd im Gleichgewicht in die Wendung geht. Also soll das Pferd lernen, das Gewicht zunächst auf die äußere Seite zu verlagern, damit die innere Schulter frei wird – analog zur diagonalen Hilfengebung, also innerer Schenkel, äußerer Zügel, unter dem Reiter.“

Bernadette Brune weiß aus Erfahrung, dass es funktioniert. „Haben die Pferde das einmal begriffen, behalten sie dieses Prinzip ihr Leben lang bei.“ Sie tun das nicht allein aus Gehorsam, sondern weil sie merken, dass es für sie angenehmer ist, sich so zu bewegen. Und jedes Tier (und in der Regel auch jeder Mensch) ist instinktiv bestrebt, sich das Leben so angenehm wie möglich zu machen. Bernadette Brune berichtet, dass sie den Pferden auf diese Art und Weise auch innerhalb weniger Tage spielerisch schwierigste Lektionen vom Boden aus beibringen kann – Pirouetten, Schenkelweichen, Schulterherein, Travers usw.

Brune weiß aus Erfahrung, dass Pferde nur dann widersetzlich werden, wenn sie nicht im Gleichgewicht sind. „Die sogenannten Unarten sind oft der Versuch, die Balance wiederzufinden“, berichtet sie.

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Vom Boden aus kann man mit seinem Pferd sehr gut Seitengänge erarbeiten. (© www.toffi-images.de)

Fest steht also: Ergotherapie für Pferde ist ein vielseitiges und leicht umsetzbares Konzept. Es lohnt sich, Übungen für die Körperwahrnehmung regelmäßig in den Umgang und das Training mit dem Pferd zu integrieren.

Texte © Redaktion St.GEORG

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