Franklin-Bälle: Besseres Körpergefühl, besser reiten

Reiten mit Franklin-Bällen

Die Franklin-Bälle können unter anderem unter den Po gelegt werden. (© www.toffi-images.de)

Anfangs noch belächelt, mittlerweile eine etablierte Methode bei Amateuren wie Profis – das Reiten mit Franklin-Bällen. Für wen eignet sich welcher Ball und was gibt es dabei zu beachten?

Wir alle haben unsere Schwächen beim Reiten. Dem einen fällt das Aussitzen schwer, der andere schwingt in der Hüfte nicht richtig mit und der nächste sitzt schief im Sattel. Mehr oder minder sind wir uns diesen Problemen bewusst. Oftmals liegt es auch nicht daran, dass wir nicht um unser Problem wissen oder es einfach ignorieren, vielmehr wissen wir nicht, wie wir aus unserem alten Muster herausbrechen und es dauerhaft verändern können. Eine Methode, um das zu ändern, kann das Reiten mit Franklin-Bällen sein. Bälle, die sich der Reiter wahlweise unter den Po, die Achseln oder die Oberschenkel klemmt. Darauf zu sitzen bzw. damit zu reiten ist auf den ersten Metern unangenehm, aber der Effekt danach einzigartig. Wir haben den Test gemacht und uns von Bewegungsexperte Eckart Meyners erklären lassen, warum das Reiten mit den Franklin-Bällen so effektiv ist.

 

Was sind Franklin-Bälle?

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Es gibt unterschiedliche Franklin-Bälle, die je nach Bedarf eingesetzt werden können. (© www.toffi-images.de)

Ursprünglich in den Umlauf gebracht wurden die Franklin-Bälle von dem Schweizer Tänzer und Choreografen Eric Franklin, der in den 1990er-Jahren in seiner Heimat ein Institut für Bewegungspädagogik gründete. Die Franklin-Methode ist ein Bewegungskonzept, das sich aus verschiedenen Elementen zusammensetzt. Das Ziel ist, den Menschen für seine eigenen Bewegungsabläufe zu sensibilisieren. Einfach gesagt: Besser fühlen, besser bewegen. Franklin hat diverse Sportgeräte entwickelt, die den Menschen dabei unterstützen können. Unter anderem Bälle, die verschiedene Faszien ansprechen.

Sportwissenschaftler und Bewegungsexperte Eckart Meyners hat sich der Idee von Franklin angenommen, mit Bällen Faszien zu mobilisieren. Meyners ist unter anderem bekannt als „Erfinder“ der Bewegungslehre. Er pocht seit Jahrzehnten darauf, dass der Reiter nicht in eine bestimmte Form gepresst werden sollte. „Die Funktion bestimmt die Form“ ist einer seiner Leitsätze, die er sich nicht etwa selbst ausgedacht hat, sondern auf wissenschaftlich belegten Erkenntnissen beruhen. Soll heißen: Ob ein Reiter seine Beine eine Handbreit hinter den Gurt legt oder nur zwei Finger breit, ist nicht entscheidend. Wichtig ist, dass seine Beine so liegen, dass sie ihre Funktion (das Treiben) optimal ausüben können. Zunächst hatte Meyners aus verschiedensten Winkeln beleuchtet, wie sich ein Reiter auf dem Pferd bewegt – oder besser, wie er sich bewegen sollte. Er hat eine Vielzahl an Übungen, auf dem Boden, einem bestimmten, dreidimensional beweglichen Hocker („Balimo“) oder im Sattel zusammengetragen und in unzähligen Büchern, Videos, Seminaren und Lehrgängen bewiesen, dass seine Erkenntnisse den Reiter weiterbringen – so weit, dass sogar Teile der Reitlehre-Kapitel der „Richtlinien für Reiten und Fahren“ um sein Wissen erweitert und ergänzt wurden. Alle, die sich mit Bewegung beschäftigen, kennt er, und jede Idee, aus welcher Sportart auch immer, wird von dem Wissenschaftler auf ihre Tauglichkeit für die Reiterei unter die Lupe genommen. So auch die Franklin-Bälle. Dabei hat er herausgefunden, dass die Arbeit mit den Bällen den Reiter in seiner Selbstwahrnehmung und in seinen Bewegungsabläufen auf dem Pferd unterstützen kann.

Das Reiten mit den Bällen

Die Idee hinter den Franklin-Bällen ist so einfach wie genial: Verschiedene Bälle, an verschiedenen Körperteilen des Reiters platziert, tragen dazu bei, dass die Bewegungsabläufe des Pferdes auf eine neue, ungewohnte Weise auf den Reiter übertragen werden. Sie bringen den Reiter zunächst aus seinem gewohnten Gleichgewicht bzw. aus seiner gewohnten Situation in eine ungewohnte. Durch die vielen neuen Reize werden Muskeln und Faszien aktiviert, die sich in der gewohnten Situation gar nicht mehr an der Bewegung beteiligen – und am Ende, wenn die Bälle wieder entfernt werden, ist der Reiter quasi automatisch beweglicher und sensibler für seine eigene Einwirkung. Doch vor dem Himmel kommt die Hölle, so fühlt es sich jedenfalls im ersten Moment an, wenn man auf einer mit Luft oder auch mit Wasser gefüllten Rolle sitzt und dadurch quasi „in den ersten Stock“ über dem Sattel platziert wird. Man wird vor- und zurückgeschoben, pendelt ungewollt von rechts nach links, und im Trab bzw. Galopp geht es rund zehn Zentimeter hoch und runter. Oder man fühlt sich wie Popeye, der gerade zwei Dosen Spinat „auf ex“ geschluckt hat: Je ein Ball unter den Achseln, breitarmig wie ein Angeber, der die Muskeln spielen lässt. Am wackeligsten wird die Angelegenheit, wenn je ein Ball rechts und links unter die Oberschenkel geklemmt wird.

 

Das Gehirn wird irritiert und gleichzeitig angeregt, eine einmal abgespeicherte Lösung nicht länger als einzige zuzulassen, sondern am Ende, nach dem Reiten mit Bällen, wieder aus einer ganzen Palette von möglichen Lösungen die beste herauszufiltern. Spannend daran ist, dass sich dies quasi „automatisch“ abspielt, wir also nicht länger versuchen, bewusst daran zu denken, gerader zu sitzen oder geschmeidiger in der Hüfte mitzuschwingen – statt dessen tun wir es einfach.

„Die Bälle erzeugen vielfältigere und umfangreichere Bewegungen des Reiters“, begründet Meyners die „kleinen Metamorphosen“, die jeder durchleben wird. „Für den Reiter entstehen ständig neue Situationen, in denen er sich zurechtfinden und ausbalancieren muss. Sein Gehirn muss also sozusagen immer wieder neue Suchaktionen starten, um optimal zu reagieren. Wenn die Bälle immer wieder, aber immer ein bisschen verändert benutzt werden, wird es mit der Zeit für das Gehirn immer leichter, eine Vielzahl an Bewegungsmustern abzuspeichern. Als Beispiel gibt Meyners das Aussitzen im Trab an. „Normalerweise ist nur ein einziges Muster für Aussitzen im Trab im Gehirn abgespeichert. Wenn man aber erst auf der Mini-Rolle sitzt, später dann mal die Franklin-Bälle unter die Arme und an verschiedenen Stellen des Oberschenkels platziert, dann hat das Gehirn plötzlich zehn statt nur noch einem Muster. Und es sucht für den Reiter das bequemste aus!“

  1. Besser im Sattel mitschwingen

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    Die Mini-Rolle bewirkt, dass sich das Becken des Reiters deutlich ausgeprägter bewegt. (© www.toffi-images.de)

    Wer zum ersten Mal mit Bällen reitet, sollte mit der Mini-Rolle beginnen. Sie ist mit Luft gefüllt und wird unter den Sitzbeinhöckern platziert. Nach ein paar Runden Schritt sollte man traben (aussitzen!) und galoppieren. Wer sich sehr aus dem Gleichgewicht gebracht fühlt, kann zwischendurch zum Schritt durchparieren
    Die Mini-Rolle bewirkt, dass das Becken des Reiters nach vorne-hinten, oben-unten und rechts-links deutlich ausgeprägter bewegt wird. Das Becken wird also gelockert – und das hat weitreichende Folgen für den gesamten Reiterkörper. Denn wenn die Bewegungszentrale des Reiters, das Becken, locker ist, wirkt sich dies automatisch auf die Muskelstrukturen nach oben und unten aus, also auf Schultern, Rücken und Beine. Der Reiter sitzt gerader, kann sein Bein entspannter aus der Hüfte heraus fallen lassen und als Folge davon auch rhythmischer mit dem Absatz mitschwingen.
    Noch intensiver sind die Auswirkungen auf den Reiterkörper, wenn er auf der mit Wasser gefüllten Fascia-Rolle sitzt. Sie spricht tiefere Faszien-Bahnen an und kann dazu beitragen, dass der Reiter ein verbessertes Gefühl für das Mitschwingen im Becken entwickelt. Die grünen Original-Franklin-Bälle sind besonders geeignet für Reiter, die Probleme mit einseitiger Schiefe haben. Man setzt sich auf einen Ball, es fühlt sich zunächst schief an, später sitzt man deutlich gerader.

  1. Schultern mobilisieren

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    Der Schulterbereich lässt sich mit der Mini-Rolle am besten mobilisieren (© www.toffi-images.de)

    Der moderne Mensch hat viele Problemzonen, und eine davon ist, unter anderem durch viel Sitzen und wenig Bewegung gefördert, die Schulter. Das Schultergelenk ist eigentlich ein Kugelgelenk, wird aber kaum noch auf diese Weise genutzt. Das hat Verspannungen zur Folge, die für Reiter weitreichende Folgen haben. Denn aus einer verspannten Schulter lassen sich kaum feine Zügelhilfen geben, auch das gerade Sitzen fällt schwer, viele Reiter sacken ein wenig in sich zusammen, weil die Faszien und Muskeln rund um die Schulter im täglichen Leben kaum beansprucht werden.
    Die Bälle – ob groß und orange oder für kleine, schlanke Reiter die rote Mini-Variante – werden direkt in den Achselhöhlen platziert. Dort stimulieren sie alle für die Schulter zuständigen Muskeln und Faszien Die Schulter-, Hals- und Nackenmuskulatur entspannt sich durch die Bälle unter den Achseln und diese Muskelstränge korrespondieren mit den Adduktoren, also den Muskelgruppen auf den Innenseiten der Oberschenkel (dort, wo eigentlich jeder Reiter schon mal ausgeprägten Muskelkater hatte!). Losgelassene Adduktoren lassen den Reiter sich im gesamten Sitz besser aufrichten, die Beinlage verändert sich und er kann mit weniger Aufwand besser und effektiver Treiben.

  1. Adduktoren aktivieren

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    Der Ball unterm Oberschenkel aktiviert die Adduktoren (© www.toffi-images.de)

    Wer kennt ihn nicht, diesen unglaublichen Muskelkater, den man nach einer längeren Reitpause hat? Grund dafür: Die Adduktoren, also die Muskelstränge an den Innenseiten der Oberschenkel, hatten zu viel zu tun. Viele Reiter neigen dazu (mehr oder weniger bewusst), sich mit den Adduktoren ein bisschen im Sattel „festzuklemmen“ – womit die Beweglichkeit des Beckens stark eingeschränkt wird. Häufig ist auch ein klemmendes Knie und wenig Federn im Absatz die Folge der klemmenden Adduktoren.
    Ziel muss es also sein, die Adduktoren zwar zum Mitmachen, aber nicht zum Klemmen zu motivieren. Die größeren orangenen oder die kleineren roten Franklin-Bälle können dem Reiter hier wertvolle Dienste erweisen. Jeder sollte ausprobieren, mit welcher Ballgröße er besser zurechtkommt. Sind sogar die kleineren roten Bälle unangenehm, ist es auch möglich, bei den ersten Versuchen etwas Luft aus den Bällen herauszulassen und erst später wieder Luft nachzufüllen. Die Bälle werden an den Innenseiten der Oberschenkel platziert, möglichst ein Ball weiter oben, einer weiter unten. Nach einigen Minuten sollte man den Ort der Bälle wechseln, also mal weiter oben Richtung Becken, mal weiter unten Richtung Knie. Geritten wird Schritt, Trab und Galopp.
    Der Effekt: Wie schon bei den Bällen unter den Armen haben auch die Bälle unter den Oberschenkeln nicht nur für den Unterkörper, sondern auch auf Becken und Oberkörper positive Auswirkungen. Der Reiter sitzt gerader im Sattel.

Ideen für die tägliche Arbeit

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Beim Schrittreiten vor der Arbeit können Bälle täglich angewendet werden (© www.toffi-images.de)

Das Reiten mit Bällen ersetzt selbstverständlich nicht die weitere Arbeit mit dem Pferd. Es kann den Reiter unterstützen, sich während der Lösungsphase darauf zu konzentrieren, seinen Sitz und seine Einwirkung zu verbessern, um dann in der Arbeitsphase z.B. an Lektionen zu feilen. Zum Beispiel:

  • sich bereits beim Schrittreiten auf die Mini-Rolle setzen
  • die übrigen Rollen und Bälle in die Phase des Abreitens integrieren (muss ja nicht jeden Tag alles sein!)
  • keine „Standardeinsätze“ der Bälle, sondern immer wieder neue Variationen einbauen
  • sich Zeit lassen, damit der Ball „wirken“ kann: rund fünf bis zehn Minuten pro Ball/Einsatz, alle Gangarten, auf beiden Händen

Das Fazit der Redaktion

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Vorher: Elke hatte schon einen guten Grundsitz, aber die Steigbügel waren etwas lang, wenig Bewegung in der Hüfte und kaum Drehsitz in der Wendung (© www.toffi-images.de)

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Nachher: Elke dreht sich besser in der Wendung mit, der Absatz federt locker aus der Hüfte (© www.toffi-images.de)

Wir haben im Sommer 2016 einen großen Selbsttest mit den Franklin-Bällen gemacht. SG-Redakteurin Kerstin Niemann hatte das Problem, dass sie mit dem Oberkörper etwas weit vorne im Sattel saß und dadurch eine etwas stramme Zügelverbindung hatte. Nach dem Reiten sagte sie: „Es fällt mir leichter auszusitzen, ohne mich darauf konzentrieren zu müssen. Es passiert einfach und fühlt sich selbstverständlicher an.“ Bei Marketing-Leiterin Elke Deleker waren es zu lange Bügel und etwas wenig Bewegung in der Hüfte sowie kaum Drehsitz in der Wendung. Einige Ball-Einheiten später: Der Absatz kann aus der lockeren Hüfte herunterfedern, Elke kann sich besser in der Wendung drehen. „Nach dem Sitzen auf der Fascia-Rolle sind mein Po und der Sattel zu einer Einheit verschmolzen“, sagte Elke. Beide sind sich einig, dass sie sich leichter fühlen, tiefer im Sattel und dichter am Pferd sitzen. „Das Reiten mit Bällen hat bei jedem von uns Dinge verändert – auch wenn man keine Wunder erwarten darf.“

Wer jetzt Lust hat, das Reiten mit Bällen auszuprobieren, der kann das Set hier bestellen.

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