Sedierung und Vollnarkose beim Pferd – Tipps, damit alles gut läuft

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Ob Sedierung, Betäubungs- oder Narkosemittel - die Auswahl richtet sich immer nach dem Einsatz. (© www.slawik.com)

Eines der größten Risiken bei der Operation ist nach wie vor die Narkose. Organe können sich verlagern, der Kreislauf ist gefordert. So funktionieren die unterschiedlichen Verfahren Lokalanästhesie, Leitungsanästhesie, Sedierung beim Pferd und Vollnarkose.

Oft ist für eine tierärztliche Behandlung eine Sedierung beim Pferd erforderlich. Manchmal wird auch von Lokal- oder Leitungsanästhesie gesprochen, um beispielsweise Lahmheiten einzugrenzen und die Diagnostik zu unterstützen. Bei aufwendigen Operationen kommt man allerdings normalerweise nicht um eine Vollnarkose herum.

Welche Narkoseform gewählt wird, entscheidet sich je nach Eingriff. „Einen Hengst kastriere ich zum Beispiel immer in Vollnarkose, weil das Risiko im Stehen zu groß ist“, sagt Fachtierarzt Dr. Harland von der Pferdeklinik in Mühlen.

Die Vollnarkose

Die Vollnarkose ist durch verschiedene Zustände gekennzeichnet, dazu gehören Bewusstlosigkeit, Schmerzfreiheit und die Muskelerschlaffung. Sie ist das Mittel der Wahl bei aufwändigen Eingriffen wie einer Kolikoperation, Frakturen, Kastrationen oder Arthroskopien (Gelenkspiegelungen).

Narkosevorbereitung des Pferdes

Vor einer Vollnarkose sollte das Pferd über eine Dauer von acht bis zwölf Stunden kein Futter mehr bekommen, da durch die Gabe von Opiaten (Beruhigungsmitteln) die Verdauung stark verlangsamt wird und so Verstopfungen drohen. Wasser darf der Patient bis vor der OP bekommen.

Manche Tierärzte raten sogar, dem Pferd, falls es beschlagen ist, die Hufeisen abzunehmen, um Verletzungen zu vermeiden. Schließlich ist sowohl das Ablegen als auch das Aufstehen nach dem Aufwachen manchmal hektisch oder noch sehr unsicher – die Pferde wissen ja nicht, warum sie schwach und torkelig sind. Vielmals werden die Hufe aber auch abgepolstert.

Bevor das Pferd eine Narkose erhält, muss der Besitzer Fragen beantworten zu Alter, Größe, ob Allergien oder Vorerkrankungen bestehen. Dann wird das Pferd körperlich untersucht, damit der Narkosetierarzt sich ein gutes Bild vom Patienten machen kann. Temperatur, Puls und Atemfrequenz werden gemessen, sowie Lunge und Herz abgehorcht. Die Untersuchungen benötigen wenig Zeit, so dass im Falle einer Not-OP die Narkose schnell eingeleitet werden kann.

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Oft wird das Beruhigungsmittel direkt gespritzt. (© nikilitov - Fotolia)

Ablauf der Vollnarkose

Ähnlich wie beim Menschen wird dem Pferd, bevor es in den OP kommt, eine Beruhigungsspritze gegeben, damit der Eingriff möglichst stressfrei vonstatten geht.

Sedierung

Wenn das Pferd sediert ist, wird ein Verweilkatheter (Braunüle) in die Halsvene gelegt, durch die später die Narkosemedikamente fließen und im Notfall auch andere Medikamente schnell zugeführt werden können. Deshalb verbleibt der Venenkatheter mindestens so lange in der Vene, bis das Pferd wieder vollständig wach ist. So gibt es im OP-Raum auch ein Notfall-Set, in dem sich bestimmte Medikamente befinden, die dem Pferd im Fall eines Atem- oder Herzstillstandes unverzüglich gegeben werden können.

Narkosemittel

Dann wird das Pferd in die Ablegebox gebracht, wo der Anästhesist das Narkosemittel verabreicht. Sobald das Pferd liegt und schläft, wird es mit einem Kran in den OP-Saal gebracht. Dort wird es auf einem gut gepolsterten OP-Tisch abgelegt und an die Überwachung angeschlossen. Dafür bekommt das Pferd entweder eine Blutdruckmessung um die Schweifrübe gelegt, eine Pulsmessung an die Zunge, oder der entsprechende Anästhesist misst die Werte in regelmäßigen Abständen per Hand. Zudem wird der Beatmungsschlauch, ein sogenannter Tubus, in die Luftröhre geschoben.

Dafür wird zunächst ein Maulgatter angelegt, welches das Maul geöffnet hält und verhindert, dass das Pferd während der Narkose auf den Beatmungsschlauch beißt. Dann wird der Kopf überstreckt, so dass der Tubus direkt in die Luftröhre eingeführt werden kann.

Narkosegas

Danach wird das Pferd ans Beatmungs- und Narkosegas angeschlossen. Zur Beatmung erhält es Sauerstoff, als Narkosegas Isoflurane. Narkosegas lässt sich etwas besser regulieren als Medikamente, die über die Vene gegeben werden, da die Narkose mit Abschalten des Gases meist schnell nachlässt, während Medikamente, die in die Blutbahn gespritzt wurden, länger brauchen, um vom Körper absorbiert zu werden.

Während der OP überwacht der Anästhesist die Sauerstoffsättigung, die im Idealfall über 90 Prozent liegen sollte, den Puls mit 28 bis 40 Schlägen pro Minute und die Narkosetiefe des Pferdes. Anhand der Augen, des Pulses und der Atmung lässt sich feststellen, wie tief das Pferd schläft. Sind die Pupillen sehr groß und wird der Puls schwach, schläft das Pferd meist zu tief. Sobald die Pupillen etwas kleiner sind, das Pferd aber trotzdem auf Lidreize nicht mit Blinzeln reagiert, ist die Narkose optimal dosiert.

Aufwachprozess

In dem Moment, in dem die Operation abgeschlossen ist, wird das Narkosegas ausgeschaltet. Sobald das Pferd auf äußerlich gesetzte Reize reagiert, zum Beispiel einen Lidreflex zeigt, wird es per Kran in die Aufwachbox gebracht.

Diese ist weich gepolstert, damit so wenig wie möglich Verletzungsgefahr beim Aufstehen besteht. Sobald das Pferd zu schlucken beginnt, kann der Beatmungsschlauch gezogen werden. Solange das Pferd nicht selbst schluckt, bleibt der Tubus in der Luftröhre, da ansonsten die Gefahr besteht, dass der Kehlkopf, bedingt durch die muskelerschlaffenden Medikamente, zusammenfällt und das Pferd erstickt.

Während des Aufstehens kann das Pferd unterstützt werden, indem ein Strick am Halfter und der Schweifrübe befestigt wird, um etwas Halt zu geben.

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Die Überwachung und Betreuung des Pferdes durch einen Anästhesisten ist ein wichtiger Faktor. (© www.slawik.com)

Besondere Risiken der Narkose beim Pferd

Eine Narkose birgt viele Risiken. Die Medikamente haben einen starken Einfluss auf den Kreislauf des Pferdes, neben allergischen Reaktionen kann es zu Blutdruckabfall, bis hin zum Atem- und Herzstillstand kommen.

„1,5 Prozent der operierten Pferde sterben während oder nach der OP“, sagt Dr. Harland. „Etwa ein Drittel durch Folgen der Anästhesie, zwei Drittel durch Komplikationen während oder kurz nach der Aufwachphase.“

Durch das hohe Gewicht des Pferdes kann es zu Muskel- und Nervenschäden kommen, da die Organe durch hohe Komprimierung Versorgungsstörungen unterliegen. Bei besonders großen und schweren Pferden kann es auch zur Hämatomyelie kommen. In diesem Fall wird das Rückenmark durch Einblutung stark gepresst, so dass der Druck so hoch sein kann, dass das Pferd eine Querschnittslähmung davonträgt.

Die Sedierung

Nach Möglichkeit wird bei operativen Eingriffen am Pferd auf eine Vollnarkose verzichtet, um das Herz- Kreislaufsystem zu schonen. Bei Eingriffen, die im Stehen vorgenommen werden können, wird dann eine Sedierung bevorzugt, sofern sich dies mit dem Temperament des Pferdes vereinbaren lässt. Bei einer Sedierung handelt es sich um ein starkes Beruhigungsmittel, welches gleichzeitig die Empfindungen des Pferdes eindämmt.

Sedierung auf Rezept: Relaquine, Domosedan und Sedalin Gel

Eine Sedierung muss nicht immer per Spritze vom Tierarzt erfolgen. Es gibt beispielsweise das Sedativum auch als Gel fürs Pferd auf Rezept. So kann der Pferdebesitzer nach Dosierungsanleitung das Beruhigungsmittel zu dem Zeitpunkt einsetzen, an dem er es für nötig hält, ohne dass ein Tierarzt anwesend ist. Das Gel wird wie eine Wurmkur per Maulspritze oral dem Pferd verabreicht.

Die häufigsten Einsätze für so eine eigenständige Sedierung des Pferdes sind Situationen wie Scheren im Herbst/Winter, panische Angst beim Hufschmied oder auch zur Beruhigung an Sylvester.

Achtung: Auch die vermeintlich harmloser wirkende Gel-Variante kann Nebenwirkungen hervorrufen und birgt Risiken. Dazu sind solche Beruhigungsmittel durch die Wirkstoffe wie beispielsweise Acepromazin oft auch dopingrelevant.

Die Risiken einer Sedierung

Bei einer Sedierung des Pferdes kann es ebenfalls zu Nebenwirkungen kommen. In den schlimmsten Fällen kann das Pferd bei einer Überdosierung stürzen. Des Weiteren führen Sedierungen gelegentlich zu Temperaturschwankungen, so dass es zu Unterkühlungen oder starkem Schwitzen kommen kann.

Achtung! Kurz vor der Sedierung und bis diese abgeklungen ist, darf das Pferd nichts zu fressen bekommen, da durch die Sedierung die Muskulatur gehemmt wird. Somit ist neben der Darmtätigkeit auch die Kau- und Schluckmuskulatur beeinträchtigt, wodurch Schluckstörungen vorkommen können, die im schlimmsten Fall zu Schlundverstopfungen führen. Auch allergische Reaktionen des Pferdes sind denkbar, wie Hautausschläge oder Atemstörungen.

Lokalanästhesie und Sedierung

Während einer Sedierung wird oft zusätzlich eine Lokalanästhesie, also die Betäubung einer bestimmten Hautstelle, angewandt, zum Beispiel bei der Entfernung eines Hauttumors. Auch bei der Ovariektomie, der Entfernung der Eierstöcke, wird an einzelne Punkte rund um die Einschnittstelle ein Betäubungsmittel gespritzt, damit das Pferd den Hautschnitt nicht spürt.

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Ist nicht klar wo die Ursache einer Lahmheit liegt, kann eine Leitungsanästhesie zum Einsatz kommen. (© www.slawik.com)

Leitungsanästhesie beim Pferd

Bei der Leitungsanästhesie werden bestimmte Nervenbahnen betäubt. Sie wird meist als diagnostisches Verfahren eingesetzt. Diagnostische Anästhesie wird angewandt, um herauszufinden, wo genau das Pferd Schmerzen hat beziehungsweise wo eine Entzündung liegt.

Dabei arbeitet sich der Tierarzt von unten nach oben am Bein hinauf. In der Fachsprache nennt sich dies „von distal nach proximal“. Dem Pferd wird mittels einer Spritze ein Lokalanästhetikum an die zu untersuchende Stelle gespritzt. Sobald das Pferd lahmfrei läuft, kann man davon ausgehen, dass an der zuletzt betäubten Stelle der Schaden vorliegt. Gelegentlich zeigt sich bei Pferden durch die Leitungsanästhesie zunächst eine Verschlimmerung der Lahmheit. Grund dafür ist die ausfallende Kompensationsmuskulatur.

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