Blog 10 aus Tryon: Marathon entschärft, Springreiter happy, Redakteurin schlauer

Carriage 1900	Boyd Exell1900A Carlos / 1900B Celviro	/ 1900C Checkmate	/ 1900E Zindgraaf

Boyd Exell (AUS) mit Carlos, Celviro, Checkmate und Zindgraaf , ist der Titelverteidiger auf dem Bock. Heute gehen die Fahrer ins Gelände. (© FEI/Christophe Taniere)

Gabriele Pochhammer über Abschiedsschmerz, den Marathonkurs der Vierspänner-Fahrer, Springreiter in Feierlaune, die WEG-Zukunft und die Feststellung, dass man nie auslernt.

Langsam kommt Abschiedsstimmung auf, viele sind schon abgereist. Jetzt wo es schön wird, die Baustellen fallen einem schon gar nicht mehr auf, das Wetter ist zwar immer noch sehr heiß, aber nicht mehr so feucht. Die Reiter haben wohl ordentlich gefeiert, in dem Restaurant in den Weinbergen mit den beiden Riesendoggen, in das die FN uns auch eingeladen hatte. Die Location hat sich zu einer Art Stammkneipe der deutschen Abordnung entwickelt.

In ein paar Stunden gehen die Vierspänner auf die Geländestrecke. Am Ende hat man den Bedenken der Fahrer nachgegeben; die sogenannte Aufwärmphase, in der getrabt wird, wurde auf die Hälfte gekürzt, (warm ist man ja sowieso hier den ganzen Tag), die Zeit in der Schrittstrecke vor dem Hindernisfahren verlängert. Der lange Berg muss nur noch einmal am Ende der Geländestrecke hochgezogen werden, das meiste spielt sich um den großen See ab, wo auch die Buschis den Großteil ihrer Hindernisse hatten.

WEG-Zukunft ungewiss

Es wird wohl auch ein Abschied sein vom System Weltreiterspiele. Außer Aachen 2006, wo man von einer „schwarzen Null“ spricht, haben alle Veranstalter ein finanzielles Desaster erlebt. Ich traf gestern den Holländer Emile Hendrix, es halten sich Gerüchte, er plane, auf seiner Luxusanlage in Peelbergen in der Provinz Limburg die nächsten WEG auszurichten. Das wies er jetzt weit von sich. „Das habe ich nie gesagt, das Gegenteil. Es wäre ein Traum, aber viele Träume enden schrecklich“, sagt der frühere Springreiter, ehemals Mitglied des FEI-Springausschusses.

Bisher hat die FEI noch keinen Bewerber für die nächsten Spiele gefunden, FEI-Sportchef John Roche will dennoch nichts davon wissen, dass das Modell WEG tot ist. „Wenn einer kommt und das machen will“, sagt er „dann wird man das prüfen und entscheiden. Ich habe meine persönliche Meinung dazu, aber die interessiert niemanden.“ Oder gerade. Hier spricht der altgediente Funktionär, der sich noch nie den Mund verbrannt hat.

Übrigens müssen sich die Reiter aus den arabischen Staaten doch noch einmal einem Olympiatest unterziehen, die Asienspiele reichten nicht aus, weil vom Niveau her nicht schwer genug. Deswegen war das Siegen da auch leichter und es macht natürlich mehr Spaß, als sich in Tryon bei 25 Teams – so viele waren am Start – womöglich im mittleren oder hinteren Drittel wiederzufinden. Vor Rio ritten sie in Hagen bei Ulrich Kasselmann um das Olympiaticket.

Sonst wurden ja immer am Ende der Weltreiterspiele die nächsten Gastgeber begrüßt, so wie bei Olympischen Spielen auch. Oft hat der Parcoursbauer dann das letzte Hindernis im Hinblick auf die nächsten Weltreiterspiele gestaltet. Das würde also schwierig für den Iren Alan Wade, der hier mit seinen Kursen alle begeisterte. Ganz luftig, mit interessanter Optik, schwer, aber doch so, dass auch die schwächeren Nationen keine Katastrophen erlebten.

Die Springreiter machen einfach nur Spaß!

Zu denen gehörten die Deutschen ja nun gar nicht und als die Bronzemedaille nach Marcus Ehnings Ritt feststand, hörte man die vielen Steine poltern, die allen vom Herzen fielen. Olympiaqualifikation im Sack, dazu noch Bronze mit einem Team, das aus drei U30-Reitern plus Routinier Marcus Ehning bestand, das machte einfach nur Spaß.

Nach der offiziellen Pressekonferenz standen die deutschen Reiter und Bundestrainer Otto Becker noch ein bisschen im Pressezentrum herum und ließen sich interviewen. Die kommen natürlich auch lieber, wenn es gut gelaufen ist. Auch die schreibende Zunft nimmt ja heute alles erst mal mit dem Handy auf, dann hat man die O-Töne wirklich original und muss nicht verzweifeln, weil man zehn Minuten später das eigene Geschreibsel nicht mehr entziffern kann.

Alles fokussiert sich jetzt auf Simone Blum, die vorne liegt, wenn auch nur mit minimalem Abstand von weniger als einem Springfehler. Aber Nerven scheint sie ja nicht zu kennen, jedes Mal hat sie als erste deutsche Reiterin die Vorlage für die anderen gegeben. Morgen muss sie als Letzte rein, es wird in umgekehrter Reihenfolge gestartet. „Das macht mir nichts, schon als Ponyreiterin war ich immer die Letzte“, sagt sie. Nervenstark war sie schon immer. Die Mangos für Alice liegen bereit, das ist die schönste Belohnung für die Stute, natürlich geschält und vom Kern befreit. Simone ist heilfroh, dass es diesmal kein Finale mit Pferdewechsel mehr gibt. „Das wäre gar nichts für Alice, sie ist sehr sensibel und lässt ja nicht mal meinen Mann an sich heran.“

Seltsames Getier

Gestern saßen wir zum ersten Mal in 14 Tagen auf der kleinen Terrasse vor unserem Holzhäuschen. Um uns machten die Zikaden einen Riesenlärm (lauter als drinnen die Klimaanlage!) und die merkwürdigsten Insekten umkreisten uns, ein orangefarbener Schmetterling, blaue Libellen, schwarze Käfer. Als dann eine Hornisse, so groß wie eine Babyfaust, begann, sich für unser Abendessen zu interessieren, das wie immer aus Käse, Schinken, Tomaten, und Bagels bestand, sind wir wieder reingegangen. Man lernt hier jeden Tag neue Tiere kennen, neulich war es ein Vogel mit einem riesenlangen Schnabel, der auf unserer idyllischen Ken Miller-Road flatterte, gestern huschte ein kleines schwarzes Wesen mit buschigem Schweif über die Straße, deutlich größer als die roten und grauen Eichhörnchen, die man überall sieht. Wir tippten auf Opossum (nein, ich habe nicht sofort an einen Pelzmantel gedacht), Biber oder Bisamratte. Internetrecherchen ergaben dann, dass es sich wohl um einen schwarzen Marder handelte. Man sieht mal wieder: Reisen bildet.


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