Blog: Auf dem Weg nach Polen, Hilfe für die Ukraine

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Koffer, Taschen, Fotoapparate, Laptops, Thomas – alles rein ins Auto und los geht's!

Fotograf Thomas Ix und Redakteurin Dominique Wehrmann haben sich heute auf den Weg nach Polen gemacht, um dort mit Flüchtlingen aus der Ukraine zu sprechen. In den kommenden Tagen werden sie hier und auf Instagram einige ihrer Reiseerlebnisse schildern.

Ich bewundere die Kollegen, die mitten aus Krisengebieten berichten, diejenigen, die uns Tag für Tag, Abend für Abend ihre Eindrücke des Tages aus der Ukraine schildern. Denn eines ist klar: Gerade in diesem Krieg ist es wichtig herauszufinden, was der Wahrheit entspricht. Und dafür braucht es neutrale Journalisten vor Ort, wie jene, die in TV, Radio, Online- und Printmedien schildern, was sie vor Ort wirklich erleben.

Wenn wir diese Fahrt unternehmen, geht es uns nicht um Sensationslust, wie uns von der einen oder anderen Person schon unterstellt wurde. Es geht darum, Informationen aus erster Hand zu bekommen, die sich so weit wie möglich verifizieren lassen. In den sozialen Medien findet man viele, teils widersprüchliche Informationen. Vor allem aber auch jüngst wieder unvorstellbar grauenvolle, verstörende Bilder, die Pferdebesitzer von ihren toten, verbrannten Pferden gemacht haben. Wie würden wir über das Grauen eines jeden Krieges erfahren, wenn nicht über die Medien? Die Ukraine beherrscht die Nachrichtenlage, zu Recht natürlich. Aber nicht nur dort geht es den Menschen schlecht. Was ist zum Beispiel mit Afghanistan? Kaum jemand redet noch darüber, obwohl die Betroffenheit zu Anfang doch so groß war. Es ist die Aufgabe von Medienschaffenden, jenen Schicksalen Gehör zu verschaffen und einzuordnen, was die Wahrheit ist bzw. auch zu erklären, wenn sich das eben nicht sicher sagen lässt.

Nun sind wir vom St.GEORG keine Kriegsreporter. Aber zumindest in Bezug auf den Pferdesektor möchten wir persönlich mit den Menschen sprechen. Wir möchten hören, was sie erlebt haben, was ihre Schwierigkeiten waren bzw. sind, wie es jenen ergangen ist, die zurückgeblieben sind usw. Darum machen wir diese Geschichte. Es ist nicht unsere Geschichte, es ist die Geschichte von Menschen, die ihr Leben riskieren, weil sie sich weigern, ihr heimgesuchtes Zuhause ohne ihre Tiere zu verlassen. Sie sind Helden. Ebenso wie die Menschen, die ihnen dabei helfen. Sie haben es verdient, dass ihre Geschichten öffentlich werden – und dann vielleicht auch etwas Mut machen.

Schwierige Vorbereitungen

Seit Wochen habe ich versucht, Kontakte in Polen zu finden, die ukrainische Flüchtlinge mit Pferden aufgenommen haben. Manche Menschen wollten aus Angst vor Repressalien nicht in der Öffentlichkeit dargestellt werden. Andere hatten das Problem, dass die Transporte mit den Pferden die Ukraine nicht verlassen konnten. Die Ukraine gehört nicht zur EU. Für die Einfuhr von Pferden aus Drittstaaten gelten strenge Regeln und Auflagen. Mein Kontakt vor Ort sagte, sie habe lange in Japan gearbeitet. Die Bürokratie dort sei nicht annähernd mit dem zu vergleichen, was für die Ausreise mit Pferden aus der Ukraine an Papierkram verlangt werde. Was japanische Bürokratie bedeutet, wissen wir ziemlich genau, seitdem unser Chefredakteur Jan Tönjes bei den Olympischen Spielen in Tokio war und vier Wochen vorher nichts anderes mehr machen konnte, als in Telefonschleifen zu hängen und Videocalls mit den Kollegen zu organisieren, um Best Practice Tipps für den Umgang mit japanischen Behörden auszutauschen. Viele der strengen Vorschriften bei der Einreise in die EU – wobei Rumänien einen anderen Weg gewählt zu haben scheint – machen Sinn. Schließlich schützen sie auch unsere Pferde vor Krankheiten.

3,6 Millionen Menschen Menschen haben die Ukraine bereits verlassen, allein 2,17 davon sollen über die Grenze nach Polen geflohen sein (Stand 23. März 2022). Wie viele Pferde dabei sind, ist unklar. Versucht haben es aber wohl mehrere. Und einige ja auch erfolgreich, siehe Comme il faut und Cornet Obolensky, mit denen noch mehrere weitere Pferde gerettet werden konnten. Ein Spaziergang war das aber nicht. In einem Punkt waren sich alle Kontakte einig, die wir hatten: Die Wartezeiten vor der Grenze sind ewig, zum Teil tagelang.

Wir haben auch gewartet: darauf, dass eine Familie, die mit elf Pferden sowie Hunden und Katzen aus Kiew geflohen ist und in Polen erwartet wurde, es schafft. Nicht gerade beruhigend waren in diesen Tagen die Nachrichten von Raketenangriffen 20 Kilometer vor der polnischen Grenze. Wie schrecklich muss es sein, das rettende Ziel vor Augen zu haben, aber nicht gehen zu können? Doch schließlich kommt die WhatsApp mit der erlösenden Nachricht: Die Familie hat es geschafft! Mir rieselt ein Schauer über den Rücken, als ich die Antwort tippe. Was für eine Erleichterung!!! Wie muss es da erst den Betroffenen selbst gehen?

Es geht los

Genau um das herauszufinden, haben wir – also Fotografenkollege Thomas und ich – uns heute auf den Weg nach Polen gemacht. 8 Uhr Treffpunkt an einem Möbelhaus in Hamburg Moorfleet, dessen Markenfarben zum Mittelpunkt dieser Reportage passen, und dann immer gen Osten. Stunde um Stunde. Hinter der Grenze nach Polen geht es im Grunde nur noch geradeaus. Der Verkehr ist mau, sowohl gen Osten als auch gen Westen. Und je weiter wir kommen, desto mehr nimmt er ab. Einmal kommt uns ein Panzer auf einem Tieflader entgegen. Aber er fährt nach Westen.

Diese Autobahnen hier haben kaum Kurven, dafür unfassbar viele Lärmschutzwände. Für wen eigentlich, fragen wir uns zwischenzeitlich, denn das Wenige, was man sieht, ist Gegend. Und davon ziemlich viel. Und Wald. Zuerst meist Kiefern, dann eher steppenartige Vegetation, dann ein bisschen Mischwald, wobei in Sachen Laubbäume Birken und Erlen überwiegen. Das passt zum Eindruck, dass man es hier überwiegend mit ziemlich sumpfigem Gelände zu tun hat.

Nach rund zehn Stunden Fahrt tauchen am Straßenrand die ersten Schilder mit Ortsnamen in der Ukraine auf. Hinter uns, im Westen, versinkt die Sonne. Wir verlassen die Autobahn. Auch die Landstraßen sind bemerkenswert gut ausgebaut. Aber dann verlassen wir auch die und biegen in einen Weg ab, bei dem Tempo 40 wohl vor allem der Schonung der Stoßdämpfer dient. Autos kommen uns wenige entgegen. Dafür Pferdewagen. Wie es aussieht, sind es Arbeitspferde. Und dann wieder: nichts und niemand. 123 Einwohner pro Quadratkilometer zählt Polen. Hier sind es eher 123 Quadratkilometer pro Bewohner, denke ich. Die Probleme mit der Parkplatzsuche, die wir daheim in Hamburg haben, gibt es hier jedenfalls nicht.

Würden wir noch eine Stunde weiterfahren, wären wir in der Ukraine. Von Krieg merkt man hier nichts. Auch nichts von Flüchtlingsströmen. Eigentlich merkt man gar nichts von menschlichen Spuren. „Romantisch!“, findet Thomas, als neben uns die letzten Strahlen der untergehenden Sonne die allgegenwärtigen Seen in rotes Licht tauchen. Wasser gibt es hier viel. Manchmal als ausgedehnte Seen, aber auch als Bäche, Flüsse und Sumpflandschaft. Romantisch? Naja. „In Alleinlage“ fällt mir da das maklerdeutsche Wort ein.

Vereinzelt gibt es Siedlungen mit für deutsche Zungen unaussprechlichen Namen. Einer klingt wie Ponyhof. Sympathisch! Schließlich kommen wir an. Wir sind das dritte Auto auf einem sehr großen Parkplatz, der zu einem sehr großen und sehr leeren Hotel gehört. Haben Sie „Shining“ gesehen? Aber das ist uns heute alles egal. Wir freuen uns darauf, morgen all die Menschen kennenzulernen, mit denen wir bislang nur telefonisch und via WhatsApp Kontakt hatten. Und damit erst einmal: Gute Nacht und bis morgen!


  1. Claudia R.

    Ich bin gespannt auf Ihre weitere Berichterstattung. Und danke, dass Sie auch auf weitere Krisen hinweisen wie die Hungersnot in Afghanistan (und ich möchte anmerken im Jemen). Hier sollten wir weiterhin das Spenden nicht vergessen, denn mit dem Verlust der Ernten in der Ukraine werden die Menschen in Krisengebieten noch mehr Hunger leiden. Dass man sich trotz dieser humanitären Katastrophen auch innerhalb der Pferde-Community dafür interessiert, wie es vor Ort um Menschen und deren Vierbeiner bestellt ist, finde ich legitim. Bleiben Sie gesund.


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