Corona-Chaos – Kein Reitunterricht, aber heute erstes Geisterturnier! Spinnen jetzt alle?

Abreiten-Corona-Chaos

(© www.slawik.com)

Heute beraten Bundeskanzlerin und Bundesländer darüber, wie es weitergehen soll in Sachen Corona-Einschränkungen. Das Thema Fußball, die „Geisterspiele“, wird wohl behandelt. Derweil darf man in Bayern beim Ausreiten zu zweit Reitunterricht erteilen während in Luhmühlen ein erstes „Geisterturnier“ stattfindet, in Hessen die Berufsreiter trainieren dürfen und in Baden-Württemberg keiner weiß, was Sache ist. Die FN hat sich auch zu Wort gemeldet. Ein Kommentar.

Das Thema Corona ist komplex. Zwei „Ps“ bestimmen unseren Alltag: Politiker und Pandemie-Experten. Letztere sind sich in vielen Dingen so uneins wie die Politiker es schon aus Gründen der Partiezugehörigkeit grundsätzlich sind. Die Aussagen der Virologen sorgen bei einigen für Verunsicherung, bei anderen für Unmut. Allen voran bei Armin Laschet. Der Ministerpräsident von NRW, der ein so großes Herz für die Profifußballer hat und bei Sport offenkundig nur an die mehr oder weniger tätowierten Balljungs von BVB, Schalke 04 und Co denkt. Bei Anne Will hat Laschet am letzten Sonntag ziemlich deutlich gemacht, was er von Virologen und deren Aussagen hält. Nicht viel. Aber das ist eigentlich nur nebensächlich. Denn letztendlich entscheidet das lokale Ordnungsamt, wie die Corona-Maßnahmen zu verstehen und umzusetzen sind. Verstehen – das ist das wohl größte Problem, das uns COVID-19 beschert. Denn mittlerweile weiß niemand mehr, was wie richtig ist.

Reiter im Corona-Chaos

Was für den Umgang mit Schülern gilt – alle in die Schule, alle in die Kitas, nur die jüngeren, nur die älteren, nur die Abschlussklassen – gilt auch fürs uns Reiter. Leider! Nichts Genaues weiß man nicht. Jedes Bundesland hat eigene Vorschriften. Föderalismus kann ein Segen sein, muss aber nicht. In Bayern wurde zunächst der Reitunterricht wieder zugelassen, dann ruderten die Bajuwaren schnell wieder zurück. Jetzt darf man zu zweit ausreiten und einer darf dem anderen Unterricht erteilen. Da muss man wohl Beamter im gehobenen Dienst sein, um sich so etwas einfallen zu lassen. Übrigens ist CSU-Chef Markus Söder, der Ministerpräsident des Freistaats und aktuelle Unions-Umfragenkönig, durchaus mit dem Thema Reiten vertraut. Er hat schon Ponys für seine Kinder angeschaut, die für sechsstellige Summen auf dem Markt waren.


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Im benachbarten Baden-Württemberg ist die Lage unklar. Der Landesverband hat sich kämpferisch gezeigt, es gibt noch keine klaren Aussagen von offizieller Seite. In Hessen, Bayern und NRW können Berufsreiter „ihre Pferde trainieren und Beritt durchführen“, heißt es dort. Immerhin! Stichwort Berufsreiter – Mitte Mai, also in zweieinhalb Wochen, sollen die Pferdewirt-Azubis ganz normal ihre Abschlusslehrgänge absolvieren. Und das, obwohl angehende Pferdewirte in vielen Bundesländern in den vergangenen Wochen lediglich zum „Bewegen“, nicht aber „Trainieren“ in den Sattel gestiegen sind. Wie heißt das bei der Sendung mit der Maus? „Klingt komisch, ist aber so.“

In Rheinland-Pfalz gilt: Individualsport im Freien, bei dem Kontaktverbot und Mindestabstand gewährleistet sind. Die Liste der Verbote bzw. Verordnungen ist lang, die der Interpretationsmöglichkeiten noch länger. Da sind die Ordnungsämter am Zug, siehe oben.

Heute das erste „Geisterturnier“

In Luhmühlen findet heute übrigens ein Turnier statt. Veranstalter ist der „Montagsclub“, nicht der Pferdezucht- und Reitverein Luhmühlen (PZRV). Ja, Sie haben richtig gelesen! Nur für Profis, ein Pfleger/Betreuer pro zwei Pferde, keine Zuschauer, die „gültige Tages-Einlassberechtigung“ muss vorgezeigt werden, Masken sind Pflicht. So steht es in der Ausschreibung. Es gibt Hygienebeauftragte. Vier Tage dauert der Spaß, Springpferdeprüfungen von Klasse A bis M stehen auf dem Programm. Auch für Vierjährige. Wenn sich ein Reiter in den vergangenen Wochen korrekt verhalten und seine Pferde „kontrolliert bewegt“ hat, kann er also nun mit einem unerfahrenen Pferd los aufs Turnier fahren und dort sofort Parcoursspringen? Die Logik erschließt sich nicht auf Anhieb. Die Gesundheit des Pflegers/Betreuers mit der Maske am Abreiteplatz mag das nicht gefährden. Wie viel Horsemanship dahinter steht, kann jeder für sich selbst entscheiden.

Mag man in Luhmühlen die niedersächsischen Hygienemaßnahmen auch einhalten, so ist dieses „Pilotprojekt“ – so wird das tatsächlich genannt – doch ein Schlag ins Gesicht für all diejenigen, die sich Tag für Tag in Listen eintragen und zusehen, dass sie sich im Stall nur so lange aufhalten, wie unbedingt notwendig. Ohne weiße Reithosen, aber noch immer mit der unterschwelligen Furcht, das ein Fehlverhalten die Sperrung des gesamten Betriebs nach sich ziehen könnte. Deswegen haben Hunderttausende seit Wochen auf Reitunterricht verzichtet, sind eben keinen Parcours zuhause gesprungen.

Geisterturnier – das ist zum jetzigen Zeitpunkt ein Affront für diejenigen, die Schulpferde haben und wegen des Verdienstausfalls vor dem Ruin stehen, für Menschen, die von Stall zu Stall fahren und dort mit Reitunterricht ihren Lebensunterhalt bestreiten. Eine Situation, die nach wie vor ihre Gültigkeit hat!

Die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) hat einen Maßnahmenkatalog veröffentlicht, um einen Weg zurück in die Normalität aufzuzeigen, eine umfassende Zusammenstellung. Auch Turniere sollen wieder Normalität werden. Das ist der Job der Funktionäre in Warendorf. Millionen-Beträge fehlen durch den Wegfall des Turniersports im FN-Budget. Auch hier geht es um Existenzen. „Dass wir eine Natur- und Individualsportart sind, die zum großen Teil an der frischen Luft und ohne Kontakte zwischen Menschen stattfindet, haben wir bereits deutlich gemacht und wir werden nicht müde, diese Argumente an möglichst vielen Stellen immer wieder vorzubringen“, lässt Generalsekretär Soenke Lauterbach verlautbaren.

Bleibt zu hoffen, dass die Lobbyarbeit in Berlin und anderswo Erfolge tätigt. Das „kontrollierte Bewegen“ war ein solcher und zum Beginn des Corona-Chaos richtig.

Aber nun geht es um viel mehr. Es muss eine Stimme sein, die für die Pferde spricht. Eine laute! Und die muss von der dänischen Grenze bis zu den Alpen ganz klar zu vernehmen sein: Es geht nicht primär um Geisterturniere für Profis! Es geht darum, dass wir – unter Berücksichtigung aller für die Bevölkerung aktuell geltenden Maßnahmen – in den Stall und dort „richtig reiten“ dürfen. Das reicht nämlich, wie mal ein schlauer Mensch gesagt hat, wenn auch in ganz anderem Zusammenhang.

Jan Tönjes


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  1. Andreas

    Sehr guter Beitrag Herr Tönjes!
    Ich glaube auch nicht, daß das den „normalen“ Reitern Spaß machen würde, die ganze Zeit mit Mundschutz herumzulaufen und den Helfern auch nicht.
    Vermutlich auch den Richtern nicht, die Ansagen vom Richterturm sind dann vielleicht nicht klar zu verstehen und die Parcourmannschaft muß vielleicht noch die Hindernisstangen, die Fähnchen und die Hindernisnummern desinfizieren…

  2. Gisela Terhoeven-Urselmans

    Sehr geehrte Herr Tönjes,
    Ihre Sicht der Dinge enttäuscht mich sehr.Warum stiften Sie Unfrieden zwischen Amateuren und Berufsreitern? Schließlich wollen wir doch alle, dass bald wieder Turniere stattfinden können. Das Pilotturnier in Luhmühlen ist der erste Schritt hierzu auch für uns Amateure.
    Wir Reiter( nicht nur die Profis) trainieren unsere Pferde ( soweit wir dazu in der Lage sind). Das Training ist die uns gestattete Bewegung. Also können wir dann auch an Springpferdeprüfungen teilnehmen ohne dem Partner Pferd einen Schaden zuzufügen.
    Warum soll den Berufsreitern nicht gestattet sein unter entsprechenden Hygienebedingungen ihren Beruf auszuüben? Das gehört das Trainieren und Vorstellen der Pferde auf Turnieren für ihren Pferdebesitzer oder zu einem geplanten Verkauf.
    Schade, ich habe den St. Georg immer als Fachzeitschrift für Amateure und Profis gesehen zudem er auch Organ des Reiter- u. Fahrerverbandes ist.
    Mit freundlichen Grüßen
    Gisela Terhoeven-Urselmans

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