Der Fall „Samourai du Thot“ – mögliche Erklärungen

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Gabriele Pochhammer, Herausgeberin St.GEORG (© Foto: Bugtrup, Montage: st-georg.de)

Wie konnte ein verbotenes Medikament in den Organismus von EM-Pferd Samourai du Thot gelangen? Das ist die Frage, mit der sich derzeit nicht nur Reiterdeutschland beschäftigt, sondern die gesamte internationale Szene. Aus der ganzen Welt versicherten Buschkollegen von Julia Krajewski der Reiterin ihrer Sympathien. Was ist geschehen? Eine Beleuchtung verschiedener Möglichkeiten.

Das Fass ist auf, die Diskussion um den „Fall Samourai du Thot“ ist eröffnet und geht wie zu erwarten, in alle Richtungen. Die Fakten sind bekannt: drei positive Blutanalysen beim Pferd von Julia Krajewski, Samourai du Thot, kosten die deutsche Mannschaft die bei der EM in Strzegom gewonnene Silbermedaille, die nun nach Italien geht.

Gefunden wurde das Mittel Firocoxib, das im Pferdemedikament Equioxx enthalten ist, aber auch, in stärkerer Dosierung, in dem für Hunde verwendeten Medikament Previcox. Es wirkt entzündungshemmend, fiebersenkend und schmerzstillend, ist keine Dopingsubstanz, sondern im Wettkampf verbotene Medikation. Das heißt, es darf im Training gegeben werden. Eine detaillierte Darstellung der Abläufe finden Sie in der Dezember-Ausgabe des St.GEORG.

Neben den dürren Fakten gibt es nur Rätsel. Wie kam das Mittel, das in hoher Konzentration gefunden wurde, in das Pferd? Ich kenne Julia Krajewski nicht sehr gut, aber irgendwie fällt es mir schwer, ihr nicht zu glauben, dass sie die Wahrheit sagt, dass sie nämlich keine Ahnung hat. Das ist ein subjektives Gefühl gewiss, aber ich teile es mit vielen Menschen, die die Reiterin seit Jahren kennen und ihre Sportlaufbahn verfolgt haben. Man traut es ihr schon deswegen nicht zu, weil es einer bodenlosen Dummheit bedurft hätte, ein Mittel zu verabreichen, das 30 Tage nachweisbar ist, damit seine Kaderzugehörigkeit und auch die berufliche Zukunft als Nachwuchs-Bundestrainerin zu riskieren.

Fest steht: Eine Kontamination durch Rückstände in Stall oder Krippe ist so gut wie ausgeschlossen, Bundestrainer Hans Melzer hat nach eigenen Angaben das Desinfizieren der Boxen und Ausschrubben der Krippen persönlich überwacht. Auch dass ein mit Previcox behandelter Hund sich in der Box oder auf dem vor der Boxe gelagerten Heu erleichtert hat, das später von Samourai gefressen wurde, ist mehr als unwahrscheinlich. „Dazu war die Konzentration zu hoch, das schafft kein Hund, auch kein großer“, sagt Ausschussvorsitzender Jens Adolphsen. Das soll es ja schon gegeben haben.

Bleibt die unangenehmste Variante, Fremdverschulden. An solchen Verschwörungstheorien beteilige ich mich nicht“, sagt DOKR-Geschäftsführer Dennis Peiler. „Dafür gibt es keine Anhaltspunkte.“ Wenn einer den deutschen Reitern Böses wollte, dann hätte er sich wohl auch eher an Hale Bob oder Rocana vergriffen, den Pferden der Einzelmedaillengewinner Ingrid Klimke oder Michael Jung.

Es sei denn, einer hätte mit Krajewski persönlich eine Rechnung offen. „Das will ich mir gar nicht vorstellen, das ist nicht der Sport, den ich liebe“, sagt sie. Die Möglichkeit hätte bestanden, denn die Ställe waren nicht wirklich wie vorgeschrieben gesichert. Zwar hatte wie bei allen internationalen Turnieren nur ein bestimmter Personenkreis Zutritt, aber das war leicht zu umgehen. Von der Rückseite konnte man über einen Wall auf das Gelände gelangen und stand dann direkt vor den deutschen Pferden, die aus ihren Boxen schauten. „Es gab keine Videoüberwachung“, sagt Hans Melzer. „Wir hatten schon mal bei anderen Championaten Kameraattrappen installiert, aber diesmal nicht.“

Auf der Suche nach der Wahrheit

Die Suche geht also weiter. „Wir tappen vollkommen im Dunkeln,“ versichert Dennis Peiler. „Das macht es noch bitterer.“ Für Julia Krajewski, die nun zum zweiten Mal am Pranger steht. Gerade hatte sie begonnen, das olympische Debakel von Rio, als sie im Gelände unrühmlich ausschied, abzuhaken. „Für mich persönlich ist es eine Katastrophe“, sagte sie.

Das stimmt auf jeden Fall. Aber Zweifler an ihrer Version gibt es natürlich auch und die bekamen jetzt Rückenwind von Dr. Peter Cronau, vormals Chef der FEI-Veterinärkommission, der seit längerer Zeit seinen Ruhestand in Bayern genießt.  Er wirft der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN), aber auch den Medien vor, den Fall herunterzuspielen. Und verweist auf die weitreichende Wirkung von Equioxx, das auch bei Arthrose angewandt werde, also einer chronischen Gelenkschädigung, und Lahmheiten verdecken kann. Er erwähnt die „internationale Presse“, sprich die britische Pferdesportzeitung Horse and Hound, die von Dopingfall spricht. Das sei ehrlich, sagt Cronau.

Leider ist es lediglich uninformiert oder schlecht recherchiert, denn als Doping werden Substanzen bezeichnet, die überhaupt nicht ins Pferd gehören, auch nicht im Training oder in Ruhezeiten zur Behandlung einer Krankheit. Es verwundert ohnehin, dass ausgerechnet Cronau die Rolle des Anklägers übernimmt, galt er doch eher als Meister darin, Doping- oder Medikationssünder „herauszuhauen“. Unvergessen der Fall, als ihm mithilfe eines im Auto angeschlossenen Föns der Nachweis gelang, dass der Verschluss der Probenflaschen aufgeweicht werden konnte, und zwar spurenlos, sodass der Reiter auf fremde Manipulation plädieren konnte. Die wäre übrigens im Fall Samourai viel einfacher gewesen. Nur ein paar der linsengroßen Previcox-Tabletten, versteckt in einem Apfel, dazu braucht man ein Pferd noch nicht mal anzufassen…

Apropos Tabletten – denkbar wäre noch eine Verwechslung mit einem anderen, erlaubten Medikament. Doch auch diese Möglichkeit scheidet laut Mannschaftstierarzt Carsten Rohde aus, denn nach eigener Aussage verabreicht er Equioxx nie an Championatspferde und hatte das Medikament in Strzegom auch gar nicht dabei.

Und das ist vielleicht das Schlimmste an dem Fall: Das Misstrauen jeder gegen jeden, das Damoklesschwert, das über allen schwebt, dass niemand mehr weiß, wem er was glauben soll….Dieses Gift wirkt länger als jede falsche Medikation.


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