Happy End in Strzegom: Drei Medaillen für Deutschland und Schaulaufen vor dem Springen

pvh-170820-STRZEGOM-6963_

Perfect as usual: Bobby mit gespitzten Ohren, Reiterin Ingrid Klimke mit einem Lächeln auf den Lippen und mit flotten Beinen. (© Pauline v. Hardenberg)

Der letzte EM-Tag in Strzegom ist vorüber und die Deutschen sicherten sich drei Medaillen – Ende gut, alles gut. St.GEORG-Herausgeberin Gabriele Pochhammer über den Erfolg der Deutschen und mit Schmankerln aus der Verfassungsprüfung von heute Morgen.

„Endlich hat se jetzt mal gewonnen,“ sagte Kurt Gravemeier, kurz bevor Bobby alias Hale Bob ihn mit der Nase vor den Bauch schubste. Er war extra mit Chauffeur aus Münster angereist, damit im Springen nichts schief geht im allerletzten Moment. Hatten wir ja auch schon. Der erste Einzeltitel für Ingrid Klimke, Silber für Michi Jung mit Rocana, beide nach makellosen Springparcours, beide am Ende mit ihrem Dressurergebnis, Silber fürs Team – da wusste niemand mehr, wem man zuerst gratulieren sollte. Auch den Briten natürlich, die nach acht Jahren und im ersten Jahr unter den Fittichen von Chris Bartle mal wieder Gold holten.

Jetzt ist die EM in Strzegom Geschichte, Turnierchef Marcin Konarski, der Motor der Vielseitigkeit hier, kann durchatmen. Von schwarzen Zahlen kann er allerdings nur träumen, dazu brauchte es einen internationalen Titelsponsor, den es leider nicht gab. Mehrere Sponsoren taten ihr Bestes, darunter Dübelkönig Fischer, der auch Michi Jung sponsert. Das Jahr ist noch nicht zu Ende, im September gibt es eine Prüfung für jüngere Pferde, im Herbst nochmal ein Ein- bis Dreisterne-Turnier.

Aufgehübscht in die Verfassung

Die Verfassungsprüfung heute Morgen strapazierte die Nerven des einen oder anderen noch ganz gewaltig. Seit langem traben die Pferde ja nicht mehr auf festem Boden, sprich Asphalt oder Pflaster, sondern auf Sand. Auf hartem Grund konnte man oft schon hören, wenn ein Pferd nicht ganz klar ging. Das wurde abgeschafft, mit der Begründung, die Pferde sollten nicht rutschen. Ich habe aber noch nie jemanden getroffen, der jemals erlebt hat, dass ein Pferd bei der Verfassungsprüfung ausgerutscht wäre.

Drei Pferde mussten in die Holding Box, drei weitere hätten dort hingehört, passierten aber anstandslos. Die niederländische Einzelreiterin Merel Blom zog Rumour has it zurück, stellte ihn nicht erneut vor. Banderas, der zehnjährige Fuchs des bis dahin besten polnischen Reiters Pawel Spisak, lahmte deutlich hinten links und wurde herausgenommen Da nützte es nichts, dass Trainer Michael Jung energisch in die Hände klatschte, um die Richter in die richtige Richtung zuweisen. Das Hinterbein war deutlich angeschwollen. In der Nacht nach dem Gelände hatte er sich unter der Boxenwand festgelegt. Auch der 18-jährige Lully des Belgiers Joris van Springel durfte (oder musste?) nicht mehr zum Springen. Alle fünf deutschen Pferde – nur Seigneur Medicott von Bettina Hoy fehlte nach dem Ausscheiden durch Sturz – trabten frisch und munter. Die zierliche Josefa Sommer konnte ihren Hamilton kaum bändigen, so aufgekratzt war er.

Pauline v. Hardenberg

Anfangs hatte Josefa Sommer noch gut lachen… (© Pauline v. Hardenberg)

Pauline v. Hardenberg

…doch dann war Hamilton doch etwas frischer unterwegs, als ihr lieb war. (© Pauline v. Hardenberg)

Die Verfassungsprüfung ist ja immer auch so was wie ein Catwalk für die Umstehenden, Sternstunde fröhlichen Lästerns. Zum Beispiel die Mannschaftskleidung. Die Deutschen diesmal völlig uninteressant in dunkelblauen Hosenanzügen. Die Iren schick und traditionell: unten beige, oben gedecktes Karo. Die Österreicherinnen im Dirndl, eins davon bodenlang. Mannschaftstierarzt Matthias Baumann als Ösi verkleidet mit Lederhosen und Bommeln an den strammen Waden. Irgendwie na ja. Vor allem im Zusammenhang mit  schulterlangen Strähnen, die jedem Ehre machen würde, der seinen Arbeitsplatz in St. Pauli hat. Was war der Tissi für eine Augenweide, als er noch selbst im Sattel saß!!

Auch die Pferde wurden bestens herausgebracht, nicht nur toll eingeflochten, oft prangt auf der Kruppe noch eine aussagekräftige Zierde. Bei den Iren kleine Kleeblätter, bei Nicola Wilsons Bulana die englische Rose, bei den Niederländerinnen ein Riesenkleeblatt, bei einem polnischen Pferd ein Schachbrettmuster. Manche haben viele kleine Zöpfe, viel Arbeit. Andere fünf ganz dicke Zöpfe, was auch schick aussieht, aber nur bei Blut-Gesichtern. Der 20-jährige Passat der Weißrussin Alena Tseliapushina präsentierte seine Stehmähne; er war einer der ganz Munteren, brauchte im Gelände für seine hindernisfehler-freie Runde zwar lange, aber er kam frisch an und bekam heute Morgen Sonderapplaus.

Dänemark im Pech

Dumm gelaufen ist es für das dänische Team. Peter Flarup und Frankie wurden nach der dritten Verweigerung angehalten, damit war das Dänenteam geplatzt. Recherche der Jury nach der Prüfung ergab, dass eine Verweigerung zu Unrecht angekreidet worden war, er also nicht hätte gestoppt werden dürfen. Die FEI hat für so einen Fall keine Regel parat, ein Ergebnis für den Reiter und das Team konnte man nicht mehr herbei zaubern. Zum Glück war diese EM keine Qualifikation für die WM im nächsten Jahr (da darf jeder hin, der drei grundqualifizierte Reiter hat). Für Olympia in Tokio wird dann die EM Luhmühlen als Qualifikation gelten.

Bis zum nächsten Mal!

Heute Abend geht es nach Hause, ich habe eine Mitfahrgelegenheit bei Vielseitigkeitsfan Albertine von Barsewisch. Sie kampiert mit rund 50 Luhmühlenern in einer Wohnwagenburg neben dem Turnierlatz, mitgereist sind gefühlt 20 Hunde. Mein Gepäck ist schon umgeladen in Albertines Auto, das hat ziemlich lange gedauert, weil ihr Hund Mäxchen an jedem einzelnen Wohnwagen kundtun musste, dass er auch schon da war. Tschüss Strzegom, es war aufregend, lehrreich und wunderbar.


St.GEORG GRATIS LESEN!

Schnell, aktuell und auf einen Blick wissen, was Sache ist! Das bietet der
St.GEORG Newsletter. Jetzt abonnieren und Sie erhalten eine Ausgabe
St.GEORG als ePaper gratis - zum immer und überall lesen.