Ein Silberstreif am Horizont und ein lächelnder Ponyvater, der im TV nur ernst guckt

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Gabriele Pochhammer, Herausgeberin St.GEORG (© Foto: Bugtrup, Montage: st-georg.de)

St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer war in Leipzig bei der Partner Pferd und hat dort so einiges beobachten können. Und sie hat den Blick von Sachsen nach Japan schweifen lassen. In weiser Voraussicht.

Es gibt Turniere, da muss man hin, weil es dort Medaillen zu gewinnen gibt oder viel Geld, weil Weltcup-Punkt vergeben werden und Elitereiter am Start sind. Es gibt Turniere, da will man hin, weil darüber hinaus die Stimmung toll ist, weil man Leute trifft, die man gerne wiedersieht, weil man interessante Gespräche am Rande führen kann. Das sind meistens auch die Turniere, auf denen sich die Menschen aus der Region tummeln und die Tribünen bevölkern, nicht nur die Pferdeleute. Leipzig ist so ein Turnier, da gibt es auch Weltcup-Punkte, sogar in drei Disziplinen, da hebt sich schon mal das Hallendach, wenn die Vierspänner-Fahrer durch die Halle donnern. Und das macht auch den abgebrühtesten Akteuren mehr Spaß, als vor zwei Reihen goldener VIP-Sessel zu reiten, wie bei manch anderem hochdotierten Event.

Drei Tage ausverkauftes Haus, lange Autoschlangen, die sich ab Autobahnausfahrt zu den Parkplätzen zogen und in den Pausen Gedränge auf den Gängen, dass kaum ein Durchkommen ist. Nicht mal die Motorrademesse am selben Wochenende in den Messehallen konnte den Leipziger Turnierchefs, allen voran Volker Wulff, die Suppe versalzen. Dort, nur 200 Meter weiter, war in den Gängen Platz satt, hatte er sich erzählen lassen. Sieg der Ein-PS über die Multi-Pferdestärken, da kommt Freude auf. Ein Parcoursheld wie Christian Ahlmann, der zum siebten Mal den Großen Preis gewann und immer wieder, Boris Becker zitierend, sagt, er fühle sich hier wie in seinem Wohnzimmer, der gefällt den Leuten und gibt ihnen das Gefühl, in Sachsen passiere etwas, was man in Deutschland sonst so nicht findet.

Die Zuschauer kommen ja nicht nur wegen des Sports oder wegen der Pizza, sie wollen unterhalten werden. Und dazu braucht es auch nicht nur die Elite im Sattel. Im Pony Cup zeigten die jüngsten Reiter, zwischen neun und 13 Jahren, dass man auch über 80 Zentimeter Spaß haben kann. Das waren keine FEI-Prüfungen für schon sehr zielstrebige Youngster, sondern das war der große Auftritt für Kinder, die entweder aus der Region kamen oder deren Väter sowieso nach Leipzig zum Reiten fuhren und noch einen Platz auf dem LKW für ein Pony hatten.

Den Pony Cup hatte sich Marie Jeanette Steinle ausgedacht, früher Vielseitigkeitsreiterin, inzwischen Ehefrau des TV-Stars Heino Ferch und Mutter der neunjährigen Ava, ponyverrückt wie fast alle kleinen Mädchen. Der Premiere in München folgte nun Leipzig. Ein kleiner Parcours, ein paar nette Details, schon ging die Post ab. Jedes Kind durfte einen Lieblingshit nennen, der gespielt wurde, während es über die Stangen fegte und ein Vorbild, dem es nacheifern wollte. Die am häufigsten genannten Namen waren Marcus Ehning und Isabell Werth. Avas Pony hatte zweifellos seinen Namensvetter als Vorbild, Mr. Schweinsteiger hieß der kleine Schecke und fegte durch die Halle wie Schweini in besten Zeiten über den Fußballrasen. Der hatte übrigens seine Zustimmung zur Namenswahl der Ferchs gegeben, ist ja schließlich auch eine Ehre. Wie alle Ponyeltern waren auch Heino und Marie Jeanette mindestens so aufgeregt wie der Nachwuchs, große Erleichterung, als alles so gut klappte. Und wer nach dem letzten Ferch-Krimi gedacht hat, der Mann kann wohl gar nicht lachen, der konnte sich in Leipzig vom Gegenteil überzeugen. Und wie er kann! Jedes überwundene Hindernis wurde übrigens von den Eltern mit einer Spende belohnt, die Kindern zugutekommen soll, die nicht so unbeschwert ins Leben galoppieren können.

Nicht nur unbeschwert waren auch die Gespräche am Rande, Springreiter-Bundestrainer Otto Becker sah man mit eher sorgenvoller Miene. Natürlich freute er sich, dass es für Christian Ahlmann aber auch für Daniel Deusser hervorragend lief. Ausgerechnet für die beiden Reiter, die nicht die Athletenvereinbarung unterschrieben haben und deswegen weder für Nationenpreise noch für Championate zur Verfügung stehen. Die Vereinbarung fordert der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) bzw. das Bundesinnenministerium, von Sportlern aller Disziplinen. Darin verpflichten sich die Reiter zu Trainingskontrollen, auch ihrer Pferde, und verzichten auf den Gang zu öffentlichen Gerichten. Deusser und Ahlmann haben viel Geld in der Global Champions Tour verdient und sind zusammen mit dem Weltranglistendritten Marcus Ehning die einzigen, die zur Zeit ganz vorne mitspielen, Deusser 6., Ahlmann 17. der Weltrangliste. Der Grund für ihre Kaderabstinenz liegt an Querelen mit dem Verband, die zehn Jahre zurückliegen. Beide Male ging es um Doping beziehungsweise verbotene Medikation, beide fühlten sich ungerecht behandelt. „Wir brauchen die beiden“, sagt Bundestrainer Otto Becker. „Wir müssen sie unbedingt ins Boot zurückholen.“ Schließlich sind nächstes Jahr in Tokio Olympische Spiele.  In Leipzig kam man mal wieder ins Gespräch. „Wir reden darüber, das zeigt ja, dass Interesse auf beiden Seiten da ist,“ sagt Christian Ahlmann. Sowas nennt man wohl Silberstreif am Horizont.


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