Gabriele Pochhammer: Blog 2 aus Strzegom

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Wer erklärt hier wem, wo es langgeht? Zwei Buschlegenden unter sich: Michael Jung und Andrew Nicholson, der den Deutschen mit all seiner Erfahrung als Berater für den Geländekurs zur Seite steht. (© Pauline von Hardenberg)

Pünktlich zu Beginn der Europameisterschaften hat das Wetter sich beruhigt und das bei weitem nicht die einzige gute Nachricht von den Europameisterschaften der Vielseitigkeitsreiter im polnischen Strzegom.

Was für ein herrlicher Tag in Strzegom, strahlende Sonne und nur glückliche Gesichter im deutschen Tross! Satte Führung mit 15 Punkten Vorsprung fürs Team, Bettina Hoy und Julia Krajewski mit optimalen Leistungen (Hier die ausführliche Meldung inklusive einer Bildergalerie) auf Platz eins und drei – besser ging’s fast nicht.

Es werden auf den Tribünen wieder die schwarz-rot-goldenen Fähnchen geschwenkt, halb Luhmühlen ist da, inklusive Julia und Hubertus Otto und Michael Spethmann, die sich über die Vergabe der EM 2019 nach Luhmühlen freuen. Persönliche Mitglieder (PMs) in großer Zahl, die heute von Dr. Annette Wyrwoll durchs Gelände geführt werden. Die Olympiareiterin von Sydney ist übrigens auch St.GEORG Expertin für alle Leserfragen rundum die Medizin.

Alles trifft sich im Hospitality-Zelt zum Gucken und zum polnischen Lunch, was, gelinde gesagt, dem Verdauungstrakt mindestens soviel Kondition abverlangt wie den Pferden der Cross. Fett und schwer – neiderfüllt guckte ich den Salattellern hinterher, die Kellner ins VIP-Zelt schleppten.

Ökonomischer Geländekurs

Nach der Dressur gingen wir den Kurs einmal ab, was uns nur wegen der Hitze den Schweiß in die Stirn trieb. Ansonsten ist er für Fußgänger sehr ökonomisch. Da es auf einem langgezogenen Wiesengelände viermal hin und her geht, sieht man mit einem kurzen Marsch alles. Ideal für die Fotografen, die fast an jedem Hindernis freie Sicht haben. Mag die Streckenführung eher schlicht sein, die Hindernisse sind es nicht, sehr technisch. Ein Grund warum Bettina lieber auf den fixen Micky alias Seigneur Medicott setzt als auf den großräumigen Galoppierer Designer. Micky kriegt sie einfach schneller um die Kurven.

Spezialbetreuung durch Andrew Nicholson

Die Zeit wird ein entscheidender Faktor sein, ist sich auch Andrew Nicholsen sicher. Der neuseeländische Multi-Viersterne-Sieger ist eingetroffen und geht mit den deutschen Reitern einzeln den Kurs ab. Das rote Polohemd, Markenzeichen der deutschen Truppe, steht ihm gut. Die Reiter sind begeistert von seiner Expertise. Julia: „Er hat soviel Erfahrung, dass er uns bei jedem Hindernis alle möglichen Situationen aufzeigen kann. Er hat nochmal einen ganz anderen Blickwinkel. Das hilft enorm.“ Leider sagen unsere Handys für Samstag Regen voraus, hoffentlich irren sie sich.

Zu Gast bei Freunden

Abends waren wir zu einem kurzen Besuch ins Gutshaus Muhrau gebeten, auf dessen ursprünglichen Areal die EM ausgetragen wird. Die Töchter des letzten Besitzers des Gutes Muhrau, heute Morawa, Marie Therese v. Werner und ihre fast 90-jährige Schwester Melitta Sallai haben ihr Elternhaus wieder mit Leben gefüllt. Ihr Vater Hans Christoph v. Wietersheim-Kramsta gewann, wie bereits berichtet, 1925 das Hamburger Springderby. 1945 wurde die Familie vertrieben. Jetzt ist sie zurück. Haus und Park wurden in eine Stiftung eingebracht, es gibt ein kleines Hotel, in dem auch Familienfeiern ausgerichtet werden – als wir kamen, wurde gerade eine Hochzeit gefeiert – einen Montessori-Kindergarten und häufige Seminare. Eine Sisyphos-Aufgabe, Hut ab vor so viel Mut und Energie.

Thesi v. Werner war in jüngeren Jahren eine hocherfolgreiche Amateurrennreiterin, jetzt, in ihren 70-ern, hat sie sich aufs Wanderreiten verlegt. Ihre Schwester lebt ständig in Morawa, die alte Dame begrüßt uns mit festem Händedruck. Vom deutschen und polnischen Außenminister wurde sie für ihre Verdienste um die Verständigung beider Völker ausgezeichnet. Natürlich kennt sie den ST.GEORG aus Kindertagen. „Was, den gibt’s immer noch?“ Und wie, konnte ich sie beruhigen. Im nächsten Jahr plant Thesi v. Werner ein internationales Vielseitigkeitscamp für Junioren und Junge Reiter, zusammen mit Trainern aller drei Sparten. Einen besseren Ort dafür kann man sich kaum vorstellen.