Grüße aus Rotterdam – warum die Springreiter nicht mehr Skat spielen und Schnitzel wichtig sind für den Sport

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Gymnastiksprünge für die Weltmeisterinnen, immer scharf beobachtet von der roten Entourage. (© Pauline von Hardenberg)

Rätsel um die Sporenfrage und der Stimmungscheck im Springreiterlager mit einer etwas kuriosen Selbsteinschätzung der heimlichen Helden eines jeden Turnierplatzes, der Pfleger.

Es heißt ja, eine Birne habe „ihre Stunde“, in der sie saftig und köstlich ist. Die Birnen, die uns hier im Pressezentrum angeboten werden, sind jedenfalls Monate von der idealen Stunde entfernt und auch was es sonst zu essen gibt, zwingt nicht nur Weizenmehl-Allergiker, sich zwecks Überleben nach alternativer Ernährung umzusehen. Im Moment macht hier Studentenfutter (Nüsse und Rosinen) die Runde.

Wir sitzen und diskutieren, welche Sporen man nehmen könnte, um ein Desaster wie es Charlotte Dujardin, genauer ihre Stute Freestyle ereilt hat, abzuwenden. Nach dem Grand Prix prangte eine mehr als zwei Zentimeter langer Risswunde an der Stelle, an der der Sporen einwirkt. Fotos zeigen, wie der Sporen genau in der Wunde herum stochert.

Welche Sporen können nicht verletzen? Die mit den kleinen Kugeln? Da wird auf die Dauer die Befestigung scharf und kann die Haut aufreißen. Genauso die ganz abgerundeten Sporen, wenn sie ein paarmal auf dem Boden entlang geschleift werden, weil sie zu tief sitzen. Die besten, so die einhellige Meinung der Fachjournalisten-Runde: Große stumpfe Rädchen, die so genannten Schultheis-Sporen. Noch besser: Mit den Sporen das Fell nur so leicht berühren, dass nichts aufgerissen wird. Aber das ist jetzt leicht gesagt.

Blick zu den Springreitern

Gestern Abend nach der Dressur ritten die Springreiter eine Trainingsrunde, jeweils ein Team wird hereingelassen und kann sich dann zehn Minuten nach Belieben tummeln. Alle Sprünge nehmen oder gar keine oder nur ein paar. Alle galoppierten leicht und locker, sprangen lässig und sicher, wechselten den Galopp am Punkt und boten überhaupt ein Bild gepflegter Reiterei. Unser deutsches Spring-Team zeigte sich aufgeräumt bei einer Pressekonferenz, die Julia (Basic, Pressesprecherin der FN) für uns arrangiert hat.

Bundestrainer Otto Becker erinnert sich noch seine eigenen EM-Auftritt vor 30 Jahren in Rotterdam. Sein gewaltiger Lucky Luke, mehr Omnibus als Rennwagen, trat im Zeitspringen dreimal zu. Das Team war am Ende Fünfter. Diesmal soll es besser laufen, hofft er. Seitdem Christian Ahlmann und Daniel Deußer wieder dazu gestoßen sind, bilden sie jetzt mit Routinier Marcus Ehning und Weltmeisterin Simone Blum ein starkes Team. Die Olympiaqualifikation haben sie ja bereits in Tryon erritten, anders als etwa Frankreich, Belgien oder Italien. „Die werden gewaltig um die Olympiaplätze kämpfen“, vermutet Deußer.

Vier Reiter mit vier Hengsten (einschließlich Reservist Maurice Tebbel und Don Diarado) und eine Reiterin mit einer Stute. Wie fühlt sich Simone Blum in dieser Männergesellschaft? Offenbar sehr gut. „Natürlich war es in den letzten beiden Jahren schön, Laura (Klaphake) mit im Team zu heben, aber ich habe mir jetzt, glaube ich, eine gewisse Position erarbeitet.“ Sie wirkt total entspannt, Alice auch. „Ich werde natürlich mein Bestes geben, aber mache mir nicht so einen Druck. Letztes Jahr hat mir auch meine Unbedarftheit geholfen. Der Schlüssel zum Erfolg war, dass ich mir wenig Druck gemacht und den Moment genossen habe.“

Die Mangos, Alices Lieblingsobst, sind schon eingepackt, die kriegt sie nach jeder Nullrunde. Und zwar nur dann. Sonst würde sie sie gar nicht wollen, ist sich Simone sicher. Wenn sie es sagt, dann wird das ja stimmen. Die Hengste lassen Alice relativ kalt. „Ich glaube, die würde denen ein paar runterhauen“, sagt Simone Blum. „Alice macht sich nichts aus Hengsten.“

Da gab es schon andere Fälle. Bei den Olympischen Spielen in London waren alle Hengste verrückt auf Belladonna von Meredith Michaels-Beerbaum, erinnert sich Marcus Ehning. Ganz zu schweigen von den Dressurhengsten Totilas und Unée, die Bella Rose den Hof machten, dass den Reitern angst und b

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ange wurde.

Anders als früher sieht man die Reiter kaum mehr Skat kloppen. Das war eine Zeitlang wie eine Sucht. Jetzt spielen sie nicht mehr, „sondern wir telefonieren“, sagt Christian Ahlmann. Telefonieren, um zu hören, wie es zuhause läuft und fleißig am Reiter-Händler-Kunden-Netz zu knüpfen.

Wenn es dann morgen losgeht im Parcours, dann werden viele Daumen gedrückt, auch vom „Team Schnitzel“, ins Leben gerufen von Sean, dem Pfleger von Daniel Deußer und nun, vor der EM neu belebt. Man hält zusammen und hilft sich, wenn nötig. Und jeder weiß: Ohne die guten Schnitzel, sprich die Pfleger, die sich für ihre Pferde alles möglich aufreißen, wäre der Sport sowieso verloren.


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