Hagen: Morricone und Dedale de Hus teilen sich Platz eins zum Louisdor-Auftakt

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Turnierreiter reiten nie ohne Gebiss? Lena Waldmann und Morricone beweisen das Gegenteil. Ein Trainingsbild aus 2019. (© www.toffi-images.de)

Gleich als zweites Paar mussten Lena Waldmann und der 2014er Oldenburger Siegerhengst Morricone aufs Hagener Dressurviereck für die Einlaufprüfung zur Louisdor-Preis Qualifikation. Nach ihnen kamen noch 20 weitere Paare, aber keiner konnte den schönen Rappen überholen. Einer allerdings zog mit ihm gleich.

Für den neunjährigen Millennium-Sohn Morricone und seine Ausbilderin Lena Waldmann war es die zweite Intermédiaire II und das zweite Turnier seit ihrem unverhofften Auftritt beim Nürnberger Burg-Pokal Finale 2019, wo Morricone als Nachrücker angetreten war und dann Fünfter wurde.

Die beiden begannen ihre Aufgabe mit einer mustergültigen Grußaufstellung. Man sieht, dass sie die Zeit seit dem Nürnberger Burg-Pokal 2019 gut genutzt haben. Der Hengst hat sichtlich an Kraft gewonnen, ist viel geschlossener geworden. Allerdings kippt er der Reiter zwischendurch immer noch mal hinter die Senkrechte. Dennoch, Morricones Ohren sind immer vorne und das ganze Pferd strahlt willigen Arbeitseifer aus. Die Piaffen waren – was ja auch erlaubt ist – noch sehr im Vorwärts angelegt, aber daraus entwickelten sich super Übergänge zwischen taktmäßigen und gesetzten Piaffen und Passagen. In der Linkspirouette sprang er zu Anfang einmal beidbeinig, fand dann aber die Balance. Die zweite war besser. In den Zweierwechseln kam er dann etwas auf die Vorhand und sprang mit hoher Kruppe. Die Einerwechsel waren viel besser, könnten allerdings noch losgelassener durch den Körper nach vorne gesprungen sein. Unser Fazit: Alles in allem ein super ansprechendes Paar auf dem richtigen Weg, 73,526 Prozent.

Das Fazit der Reiterin: „Ich habe damit überhaupt nicht gerechnet, aber ich bin super zufrieden! Da sind natürlich noch ganz viele Sachen, aber für den Moment hat er alles so gemacht, wie er es kann. Es gibt nichts Spezifisches, woran wir zu arbeiten haben. Für ihn geht es jetzt erstmal einfach darum, Kraft durch Trainung zu bekommen und Routine auf dem Turnier, damit er insgesamt an Stabilität gewinnt. Das braucht einfach seine Zeit und die muss man ihm lassen.“

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Was sie für Morricones Stärken hält? Da muss Waldmann lachen: „Er ist einfach das besonderste Pferd, das ich je geritten bin. Er weiß genau, er ist unwahrscheinlich schön, unwahrscheinlich talentiert und dass er unwahrscheinlich ankommt. Er ist irre arrogant!“, spricht’s und strahlt. Übel nimmt sie das ihrem Prinz Charming offensichtlich nicht.

Ein Wiedersehen morgen in der eigentlichen Qualifikation wird es mit ihm allerdings nicht geben. Das Team vom Gestüt Bonhomme hat entschieden, ihn „trotz der nun großen Verlockung nicht mit einem Kurz-Grand Prix zu überfordern, sondern ihm noch etwas Zeit zu geben“. Dementsprechend geht es nun nach Hause.

Sieger Nummer zwei

Die Nummer zwei auf Rang eins, der Don Juan de Hus-Sohn Dedale de Hus unter der Schewedin Malin Wahlkamp-Nilsson, und Morricone haben nicht nur heute dieselbe Bewertung erhalten, sie haben auch sonst Gemeinsamkeiten: beide schwarz, beide Oldenburger, beide waren sie Fünfte im Nürnberger Burg-Pokal Finale – nur, dass Dedale de Hus die „Deutschen Meisterschaften der Nachwuchspferde“ 2020 bestritten hat, also ein Jahr nach Morricone.

Ansonsten sind sie allerdings recht unterschiedlich. Wo Morricone groß und elegant ist, kommt Dedale de Hus beinahe etwas Pony-esque daher. Das ändert sich allerdings, wenn er sich in Bewegung setzt. Das Paar begann mit einer sehr ausdrucksvollen Trabtour mit geschmeidigen Zick-Zack-Traversalen und rhythmischen, federleichten Piaffen und Passagen. Die Schritttour war logelassen und sicher geregelt. Eine der Klippen der Aufgabe, den Mittelgalopp mit fliegendem Wechsel bei X meisterten die beiden sicher. Beide Pirouetten waren noch recht groß, aber sicher ausbalanciert. Die Passage auf der letzten Mittellinie war dann nochmal ein Highlight.

Fabi und die „Vitalisse“

Fabienne Müller-Lütkemeier stellte heute ihre beiden großen Zukunftshoffnungen vor, beide zehnjährig, beides Füchse, beide von Vitalis abstammend: Valencia As und Valesco. Die ehemalige Mannschaftswelt- und -europameisterin bildet die beiden aus, seitdem sie drei- bzw. vierjährig sind und sagt: „Kein Pferd wird je meinen Daggi ersetzen können, aber das sind beides tolle Pferde und ich hoffe, eines Tages mit ihnen an Daggis Erfolge anknüpfen zu können.“

D’Agostino, der Müller-Lütkemeier erst zur U21-Europameisterin machte, ehe sie sich mit ihm im großen Sport etablierte, brillierte in allen Lektionen, die nach vorne gingen. Mit ihren beiden Youngsters hat Fabienne Müller-Lütkemeier nun auch zwei, die „auf der Stelle“ können. Und wie. Valencia As piaffiert und passagiert mit so viel Kraft und Rhythmus, die man es der zierlichen Stute auf den ersten Blick gar nicht zutraut. Für die letzte Passage erhielt sie heute gar eine 10 vom Richter bei H, dem Dänen Hans-Christian Matthiesen, der auch in Tokio am Richtertisch sitzen wird. Allerdings blieb sie heute nicht fehlerfrei, sprang beispielsweise den fliegenden Wechsel im Mittelgalopp in zwei Phasen. Unter dem Strich erzielte sie 73,026 Prozent.

Valesco wurde mit 72,158 Prozent Fünfter. Er bestach mit einer stabilen, vertrauensvollen Anlehnung in den versammelten Tempi, in den Verstärkungen vermisste man allerdings die Rahmenerweiterung –  was wohl auch dem Umstand geschuldet ist, dass beide Pferde heute „extrem on fire“ waren, wie ihre Reiterin ihr Gefühl im Sattel beschrieb. So gab es denn auch hier einen teuren Patzer in den Einerwechseln.

Isabell Werths Neue

Mit Spannung erwartet worden war der Auftritt von Isabell Werths großer Zukunftshoffnung, der neunjährigen Hannoveraner Stute Superb v. Surprice, die im Anschluss an das Bundeschampionat 2015 über die Verdener Elite-Auktion ihren Weg zu Werth fand. Im vergangenen Jahr hatte sie die Stute schon einmal in Achleiten auf dem Turnier gezeigt. Aber hier in Deutschland war das heute Premiere. Die endete mit 72,474 Prozent und Platz vier. Die Aufgabe stand ein wenig unter der Überschrift: Alle Möglichkeiten, aber alles ist noch im Werden. Die Stute bestach in der Trabtour mit ihrer großen Elastizität und kraftvollem, akzentuiertem Abfußen. In den Piaffen wünschte man sich noch mehr Lastaufnahme – die in der Pirouette nach rechts mustergültig war. Der Schritt war etwas verhalten. Mehr Routine führt hier hoffentlich zu losgelassenerem nach vorne Ziehen. Alles in allem: Da geht noch mehr. .  Guter Mittelgalopp mit fliegendem Wechsel, zweite Pirouette super, ganz viel Lastaufnahme, Einerwechsel noch etwas festgehalten, aber sicher durch, schöner letzter starker Trab. Schöne letzte Mittellinie, Lob von der Reiterin, ehe sie bei G sicher zum Halten kommt.

Platz fünf sicherte sich mit 72,447 Prozent Anabel Balkenhol auf einem Pferd, das auch noch nicht allzu viele Turnierplätze in seinem Leben gesehen hat: dem zehnjährigen Hannoveraner Hohenstein-Sohn Highfive aus der Zucht von Dirk Ahlmann, der hier in Hagen ebenfalls vor Ort ist, allerdings vor allem am Springplatz, denn Tochter Pheline und Sohn Hannes nehmen an der Qualifikation für Deutschlands U25-Springpokal teil. Wenn er seinem Zuchtprodukt zugeschaut hat, dürfte er zufrieden gewesen sein: tolle Anlehnung, ausdrucksvolle Trabtour, federnde, absolut taktsichere Piaffe-Passage-Tour, kraftvolle Galoppade, ausbalancierte Pirouetten, schnurgerade losgelassen nach vorne-oben gesprungene Einer- und Zweierwechsel und eine mustergültige Rahmenerweiterung in der letzten Verstärkung. Allerdings wünschte man sich auch hier im Schritt noch mehr entspanntes, fleißiges nach vorne „marschieren“.

Alle Ergebnisse finden Sie hier.

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