Schön zu lesen: Zu Besuch bei Carl Hester im Jahr 2011

Charlotte Dujardin-Valegro-Piaffe-Carl Hester-Kit Houghton

Kongeniales Trio: Charlotte Dujardin, Valegro und Carl Hester beim Training. (© Kit Houghton)

Unter der Rubrik „schön zu lesen“ gibt es an diesem Wochenende einen Rückblick ins Jahr 2011. Damals war der St.GEORG bei Carl Hester zu Besuch.

Im Oktober 2011 stattete Jan Tönjes für den St.GEORG Carl Hester auf dessen Hof in England einen Besuch ab. Da waren die Europameisterschaften in Rotterdam gerade vorbei und alle Welt sprach von Hester und Uthopia. Und die Fachleute von einer jungen Britin, Charlotte Dujardin, und einem niederländischen Wallach namens Valegro…
Eine St.GEORG-Reportage aus dem Jahr 2011.


Das ist kein guter Tag für England. Ein Dutzend Banken, darunter namhafte Kredithäuser, sind von der Rating-Agentur Moody‘s heruntergestuft worden. Die Frühnachrichten sind voll davon. Großbritannien, heißt es, stünde vor der schlimmsten Finanzkrise aller Zeiten. Außerdem hat die Polizei auch noch den Vater des Fußball-Idols Wayne Rooney festgenommen: Verdacht auf illegale Fußballwetten. Umstände, die auch am Himmel über Gloucestershire an diesem Freitagmorgen ihre Spuren hinterlassen. Zwar sind die schweren schwarzen Gewitterwolken des Vortages verschwunden und nur ein paar Pfützen auf dem auffallend hellen Mutterboden, der an einigen Stellen durch die Grasnarbe bricht, zeugen von dem ersten Herbsttag im Jahr 2011. Wie Schokolade oder Tee mit Milch schimmert der Boden durch das satte grüne Gras auf den abgesteckten Weideflächen rechts des kleinen Flüsschens, das Reithalle und Dressurviereck von den welligen Weiden auf Carl Hesters Anwesen Oaklebrook Mill trennt.

Kit Houghton

Uthopia im Galopp auf den Wiesen rund um Carl Hesters Anwesen (© Kit Houghton)

In the middle of nowhere

Die Fahrt dorthin ist so malerisch wie abenteuerlich. Als Faustregel gilt: je enger die Straße, desto höher die gestutzten Hecken rechts und links. Anfangs kann man noch ein Farmdach, eine desinteressiert dreinblickende Kuh oder einen der charakteristischen Sandsteintürme mittelalterlicher Dorfkirchen über das grüne Dickicht hinweglugen sehen. Motorsägen haben gespaltene Äste wie überdimensionale Uralt-Zahnbürsten zurückgelassen. Trotzdem sprießt es. Doch kurz vor der alten Mühle, die seit sechs Jahren Carl Hesters Domizil ist, wird es ernst. Grün hat gesiegt, wird zu einem Canyon aus Blättern und Zweigen.

200 Meter hinter einer Kreuzung, an der zwei gescheckte Tinker angekettet stehen und grasen, geht es rechts ab. Der grüne Canyon wird endgültig zum Tunnel. Büsche und Bäume bilden ein dichtes Blätterdach. Dann ein Tor mit piaffierenden Pferden – angekommen! Nur wenige Blätter sind schon verfärbt. „Ihr hättet vorgestern kommen sollen, da war der Sommer 2011“, begrüßt uns Carl Hester. Kunststück! Einen Termin mit dem Mann zu finden, dem viele zutrauen 2012 das Olympische Dressurviereck mit einer Goldmedaille zu verlassen, ist nicht so einfach. Sein Zeitplan ist voll.

In etwa so voll und unübersichtlich wie die Rassenvielfalt auf der eigentlichen Reitanlage, die abgetrennt von einem Holzzaun – bitte Tor stets schließen! – hinter der alten Mühle, dem kleinen Backsteinhaus an dem protzig das Schild „Office“ steht, liegt.

Grauer Kies, erdiges Rot der Fassade, Blumenrabatten, deren Blüten sich allmählich verabschiedet haben – im Frühling und Sommer muss es aussehen wie auf der Chelsea Flower Show. Auch jenseits der Pforte im quadratischen Stall rund um einen Innenhof, vorne ein Torbogen, auf dessen Dach eine Uhr über das Reich Carls des Großen wacht.

Geliebtes Federvieh

Genau geradeaus hat man den derzeitigen König des Carees im Blick: Uthopia, „Uthi“, der schwarze Superstar, der Hengst, der das Ende einer Ära eines anderen schwarzen Hengstes eingeläutet hat. Das Pferd, für das gerüchteweise mehrstellige Millionenangebote kursieren. Großbritanniens Goldhoffnung, dem so viele die Daumen auch jenseits des Ärmelkanals drücken, weil der Hengst die Leichtigkeit des Dressurpferdeseins dem Sport zurückgegeben hat. „Uthis“ Interesse gilt gerade einem Huhn, das vor seiner Box nach Essbarem sucht. Hühner, Perlhühner und jede Menge Hunde sind die eigentlichen Herrscher in diesem Reich. Wenn man zur Reithalle rechts hinter dem Stallgebäude geht, schnarrt es von links: „Hello Carl“ – ein weißer Kakadu hat in einer Voliere sein Domizil.

Die Hühner, die frei herumlaufen, sind davon gänzlich unbeeindruckt. Carl hat sie aus einer Legebatterie gerettet. Wenn der Großmeister die Szene betritt, wird geflattert und gegackert. Freilich auch wenn Loulou ein Stück zu weit gegangen ist. Die Terrierhündin ist die keckste der mindestens zehn Hunde auf dem Anwesen. „Achtung, nicht streicheln, du wirst sie sonst nicht wieder los“, warnt Carl. Zu spät, diesen braunen Augen kann man nicht widerstehen. Schwupps, sitzt die Dame auf dem Schoß, und ist vorher – gar nicht ladylike – im feuchten Boden unterwegs gewesen. „Oh dear“ – Carls Mitgefühl beim Anblick meiner nun recht dreckigen Jeans ist so echt wie sein näselnder britischer Akzent.

Vormittags: reiten!

Während er morgens um acht Uhr in der geräumigen Sattelkammer, dem sozialen Mittelpunkt des kleinen Reichs, an einem runden Tisch noch einmal über seine Stiefel wischt, ist Charlotte Dujardin, der Shooting Star, die nach kaum mehr als zehn Grand Prixs schon eine EM-Goldmedaille ihr eigen nennt, bereits am Reiten. Eine kleine, kräftige Mitvierzigerin kommt in die Sattelkammer, an deren Wände ordentlich aufgereiht Kandaren und Trensen hängen: Fiona, die Stallmanagerin, mit der Carl kurz den Vormittag bespricht. Die Abläufe sind stets dieselben. einer der Reiter oder Pfleger reitet das Pferd eine 20-minütige Schrittrunde, wärmt das Pferd kurz auf, dann übernehmen Carl oder Charlotte. Die intensive Arbeitsphase dauert selten länger als 20 Minuten, dann heißt es auspendeln beim Leichttraben, Schritt. Danach geht es dann auf die Weide. Zwei Tage werden die Pferde gearbeitet, dann folgt ein Ruhetag – ausreiten, Führmaschine und Weide sowieso. „Es ist doch so, dass die Pferde zumeist wenn sie etwas verstanden haben, es am nächsten Tag zeigen. Dann ist der folgende Tag ohne intensives Training genau richtig.“

Ein Prinzip, das zwei Gründe hat. Der eine: Broterwerb. Hester hat weder einen großen Sponsor noch von Hause aus unbegrenzte finanzielle Mittel. Mit Unterricht verdient er sein Geld. Morgens wird geritten, nach dem Lunch kommen die Schüler ab 14 Uhr. Die 20 mal 40 Meter große Halle ist zur Vierecksseite oberhalb der Bande offen. Nicht einmal Windnetze sind eingebaut. „Der Winter ist hier recht mild“, sagt Hester. Die gesamte Anlage hat er selbst konzipiert. 2005 nach dem Verkauf seines Oldenburger Escapado, mit dem er Sechster bei den Europameisterschaften in Hagen geworden war, hatte er die 30 Acres, gut 12 Hektar, erworben, Wiesen und eine 180 Jahre alte Gerbermühle. Der heutige Weg zur Reitanlage war früher der Kanal fürs Mühlrad. In den tiefer gelegenen Bereichen sammelt sich das Wasser noch heute. Die Weiden, an denen jetzt ein kleines Flüsschen plätschert, verwandeln sich regelmäßig im Winter in eine große Seenplatte. Die Flächen für Stallungen, Reithalle, Dressurplatz und auch die Wege mussten mit viel Erdreich aufgeschüttet werden. Beim Weltcupfinale in Las Vegas rief ihn ein halbes Jahr nach dem Kauf eine Freundin an: „Du willst dort investieren? Deine Planung bekommst du nie realisiert!“ Doch die Stadtoberen des 5000-Seelen-Dorfs Newent, das vor allem für seinen Zwiebelmarkt im September bekannt ist, gaben grünes Licht.

Spaß haben!

Grund Nummer zwei für den Trainingsrhythmus ist ein Faktor, der Carl enorm wichtig ist: Die Pferde sollen den Spaß behalten. „Schon in meiner Zeit als junger Mann bei den Bechtolsheimers haben wir das so gehalten.“ Damals wurde viel mit Sheila Wilcox trainiert. Ihr lag die Motivation der Pferde am Herzen. „Und sie hat sechsmal Badminton gewonnen, sie weiß, wie’s geht …“ Uthopia hat derzeit Pause, er geht nur ins Gelände. Wenn es los geht, hat der nicht zu groß geratene Hengst die Ohren gespitzt und schaut keck nach vorn. auf der hügeligen Weide einmal so richtig galoppieren – das macht Hengst und Reiter gleichermaßen viel Freude: Endgeschwindigkeit! Uthopia buckelt, Carl grinst. ob ein deutscher Dressurreiter sein Pferd auf solch einem Boden der- art „knattern“ ließe? Vermutlich dürften 90 Prozent der international erfolgreichen Dressurpferde diese Wiese nur mit Polstern, Bandagen, Glocken – sprich mit der Ausrüstung für einen Langestreckenflug – ausgestattet betreten. Und dann auch nur im Schritt, geführt.

Beim Bergabreiten zackelt Uthopia einmal kurz an. Carl richtet sich im Sattel auf, der Hengst piaffiert am durchhängenden Zügel. Keine Frage, er hat wirklich Spaß daran.

„Dexter!“ – Hester brüllt sich die Lunge aus dem Leib, aber der kleine, alte Hund mit dem schwarz-beigen Fell reagiert nicht. er ist taub. Dexter ist eine Berühmtheit. Schon die Eltern gehörten Carl: eine extra zarte Jack-Russell-Hündin und ein Rottweiler. „Sechs Jahre ist nichts passiert, ich dachte, es sei eine Scheinschwangerschaft.“ War es aber nicht. Baby Dexter überragte schon nach wenigen Wochen seine Mutter. Im hundeverrückten England füllte die Story ganze Zeitungsseiten. Immerhin sieht Dexter noch gut. eine Handbewegung lädt ihn zum Mitkommen ein.

Charlotte Dujardin reitet Schritt mit Valegro, der im Stall nur „Blueberry“, Blaubeere, gerufen wird. Die Hunde folgen. Charlotte verdreht die Augen. „Blueberry stammt aus Carls Frucht- und Gemüsephase, da erhielten alle Pferde ausschließlich vegetarische Spitznamen. Rettich, Gurke und … Tomate.“ Dem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, zählen die roten Nachtschattengewächse nicht zu Charlottes Lieblingsgemüse. Apropos: Auch der Holsteiner Liebling, mit dem Carl zum Silberteam bei der EM 2009 in Windsor zählte, genießt hier seinen Ruhestand. „I love him“, strahlt Fiona.

Die Arbeit mit Valegro gestaltet sich problemlos. „I warm them up, I bend them, I stretch them, that’s it“ – Aufwärmen, biegen, abstrecken lassen, fertig. Eine Lektion ist Hester wichtig: Schenkelweichen. Mal mit mehr Stellung und dann auch mit Biegung in der Längsachse, auch mal in Traversstellung, ein steter Wechsel der Tempi, mal steil, mal weniger steil.

Valegro

Kit Houghton

Damals noch relativ unbekannt: Charlotte Dujardin und Valegro im Training (© Kit Houghton)

Valegro, dessen aktuelle Bauchumfang die Wettkampfpause erahnen lässt, ist schnell locker. Ein paar fliegende Galoppwechsel, ein paar Piaffen für die Kamera. Genug! Er war nicht immer so einfach. Als junges Pferd war der Niederländer v. Negro ein Headshaker. Verzweifelt wandte Hester sich irgendwann an eine Frau im Süden Eng- lands, von der er gehört hatte. Er schickte der Esoterikerin ein paar Haare, sie „nahm Kontakt auf “ und erzählte zunächst, Valegro möge Sättel eher weniger. „Sag ihm, dass er als Turnierpferd da durch muss, und repariere das mit dem Kopfschlagen“, war Hesters klare Ansage. Die Dame tat, wie ihr aufgetragen. Monatlich kostet das Hester zehn Britische Pfund. „Und ich trau mich nicht, die Überweisungen einzustellen.“ Valegro gehört Hester selbst, Uthopia der Irin Sacha Stewart. Die bekam drei Kinder in kurzer Zeit und so ritt Carl den Hengst weiter, schnallte sich die Bügel kürzer, ließ von den Frackschößen etwas abschneiden und startete international durch. In einem Jahr bis nach ganz oben in der Weltspitze.

Bis nach Olympia 2012 wird er den Rappen reiten können, so die Abmachung. Was dann ist, bleibt abzuwarten. Dass Hester seiner Schülerin Charlotte Dujardin Valegro überlässt, liegt in seiner eigenen Biographie begründet. „Bei Dr. Bechtolsheimer habe ich 1989 angefangen, 1990 ritt ich Weltmeisterschaften, in meinem ersten Grand Prix-Jahr, 1992 stand ich im olympischen Finale.“ Er sagt, er bewundert Charlotte für ihre jugendliche Leichtigkeit. „Sie hat nach dem EM-Gold gelacht, ich habe während ihres Ritts geweint.“ Hester weiß aber auch: „Mal sehen, wie sie mit dem frühen Erfolg umgehen kann.“ Erst einmal wird aber an ihrem Sitz gefeilt, „sie muss noch elastischer werden“.

Charlotte habe Feuer. Als Urlaubsvertretung sollte sie drei Wochen bleiben und ist seitdem nicht mehr gegangen. „Sie wollte immer meine guten Pferde reiten, hat dafür alles getan.“ Gerade hat Charlotte ihr eigenes Grand Prix-Pferd Fernandez – „der ging nur mit Halfter ohne Sattel alle Grand Prix-Lektionen“ – nach Dänemark verkauft. Jetzt reitet sie einen Dunkelfuchs, wie Fernandez ein Florestan-Sohn. „Den hat meine Mutter in der Zeitung annonciert gesehen. Der Händler hatte weder Halle noch Außenplatz. Wir waren zu spät, da haben mir drei Autos mit ihren Scheinwerfern auf der Wiese geleuchtet. Ich dachte mir, wenn er das alles mit sich machen lässt, dann ist er die 2000 Pfund wohl wert.“ Das Schnäppchen passagiert mittlerweile schon recht ordentlich. Auch Don Archie v. Dimaggio, 2010 Champion der sechsjährigen Dressurpferde Großbritanniens, ein eleganter, in Momenten so tänzerisch wie Rembrandt daherkommender Dunkelbrauner, hat eine eigene Geschichte. Er bockte jeden Reiter herunter. Erst nach der Unterschrift, dass die Verkäuferin deswegen keine rechtlichen Konsequenzen zu befürchten hätte, kam das Pferd zu Hester.
Bis zu den Olympischen Spielen in London sind es weniger als 300 Tage. Die Briten sind Favoriten. Carl Hesters Alltag hat das in keiner Weise verändert. Schon nach dem EM-Gold ging es weiter wie immer: „Montag und Dienstag bin ich geritten, Mittwoch habe ich Unterricht gegeben und Donnerstag hatte ich Grippe.“


Julia Rau

Kati Witt und Jan Tönjes, Silbernes Pferd 2012 (© Julia Rau)

Diese Reportage wurde 2012 mit dem Silbernen Pferd als bester Printartikel des Jahres vom DRFV im Rahmen des CHIO Aachen ausgezeichnet.

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