Helen und Damon Hill auf dem Weg zum ersten Weltcup-Sieg

Damon Hill ließ sich nicht erschüttern, Parzival dafür umso mehr. Der Grund: bunte Blumen. Wer das Weltcupfinale gewinnt, bleibt dennoch völlig offen.

Helen Langehanenberg legte mit ihrem Sieg im Weltcup-Grand Prix von Göteborg den Grundstein für ihren ersten Weltcupsieg. Als erste Starterin erhielt sie für eine leichtfüßige elegante Vorstellung, die nur durch einen Patzer in den Einerwechseln getrübt wurde, 79,863 Prozent, vor dem für den österreichischen Waffenproduzenten Glock reitenden Niederländer Edward Gal auf dem zwölfjährigen Ferro-Donnerhall-Sohn Undercover (78,465), der piaffierte wie ein Metronom, aber kaum Schritt zeigte und auch im Trab wenig Raumgriff, mit dem Resultat, dass der Zuschauer den Eindruck hat, die Prüfung dauere doppelt so lang wie bei allen anderen. Auf Platz drei konnte sich die Schwedin Tinne Vilhelmson.-Silfven auf dem elfjährigen Don Davidoff-Sohn Don Auriello mit 77,432 Prozent schieben vor  Vorjahrssiegerin und Olympiasilbermedaillengewinnerin Adeline Cornelissen mit  dem 16-jährige Fuchswallach Parzival. Der ließ neben schönen, ausdrucksvollen Momenten plötzlich die Sau raus. Mitten im Programm zog er die Bremse, bockte, machte kehrt, versuchte zu steigen und rückwärts zu laufen alles streng verboten für ein Dressurpferd. Dann setzte Parzival die Prüfung fort, als sei nichts gewesen. Die Strafe der Jury fiel milde aus, immerhin noch 75,410 Prozentpunkte, das reichte für Platz vier und minimiert die Chancen der Niederländerin, ihren Vorjahrssieg zu wiederholen, so gut wie gar nicht. Denn der Grand Prix gestern galt lediglich als Qualifikation für die entscheidende Musikkür am Sonnabend, Cornelissen ist nach wie vor in der letzten Gruppe der Starter. Sie führte das Ausflippen ihres Pferdes auf den üppigen Blumenschmuck am Rande des Vierecks zurück, der morgens beim Training noch gefehlt hatte. Außer Parzifal war auch das Pferd Scandic des Schweden Patrick Kittel angesichts der Umdekorierung konsterniert, der Reiter, mit 69,559 Prozent lediglich auf Platz zehn, reichte Protest ein. Zur Zeit berät der Dressurausschuss des Weltverbandes FEI noch. Eine Regel, die besagt, dass bei Training und Prüfung exakt dasselbe Dekor aufgebaut sein muss, gibt es nicht, es handele sich vielmehr um ein Gentlemans Agreement, was das in diesem Zusammenhang auch heißen mag.

Weder der Tagessiegerin und Olympiavierten Helen Langehanenberg noch ihrem Hengst Damon Hill war der wie immer geartete Blumenschmuck aufgefallen. Ich finde es normal, dass ein Pferd auch mal Gefühlsregungen zeigt, nahm sie ihre Konkurrentin in Schutz, aber eigentlich soll es wissen, der Chef sitzt oben, und dann kann mir nichts passieren. So was nennt man wohl Vertrauen, das durch gute Ausbildung allmählich wächst.

Isabell Werth reihte sich mit dem Hannoveraner Don Johnson v. Don Frederico  mit einer  Energie-geladenen aber nicht spannungsfreien Vorstellung mit 75, 015 Prozent auf Rang fünf ein. Sie verzählte sich bei den Galoppwechseln, 17 statt 15. Hätte ich doch nicht Mathematik in der elften Klasse abgewählt, stöhnte sie nach ihrem Ritt. Sie wurde dem Publikum als erfolgreichste Dressurreiterin der Welt vorgestellt: 29 Championatsmedaillen, davon 21 goldene, stehen in ihrer Erfolgsbilanz. Dennoch plagen die 43-Jährige zur Zeit einige Sorgen. Im Sommer 2012 wurde bei ihrem Pferd El Santo bei einem nationalen Turnier ein verbotenes  Magenpräparat gefunden, seitdem liegt sie mit den juristischen Institutionen der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) im Clinch. Unterstellte Werth zunächst der ersten Kammer der Disziplinarkommission Befangenheit, was von der zweiten Kammer nicht bestätigt wurde, trifft man sich demnächst vor der höchsten Verbandsinstanz, dem Großen Schiedsgericht, wieder.

Ihren ersten Weltcupauftritt hatte sich Kristina Sprehe, die Mannschaftssilbermedaillen-gewinnerin von London,  anders vorgestellt. Sie wollte ihren Rapphengst Desperados morgens für den Grand Prix im lockeren Trab aufwärmen. Dann auf einmal passierte es: Von einem Moment zum anderen lahmte der Hengst auf dem rechten Vorderbein. Die Reiterin brach das Training sofort ab und ritt heraus. Mannschaftstierärztin Cordula Gather eilte herbei und fühlte das verletzte  Bein ab, konnte aber nichts Auffälliges feststellen. Auch eine erste Untersuchung per Ultraschall ergab keine Diagnose. Während Desperados bereits auf dem LKW stand, der ihn in eine deutsche Tierklinik bringen sollte, rang die 27-jährige Kristina Sprehe enttäuscht um Worte: Es war, als wenn er in ein Loch gefallen wäre. Ausgerechnet beim Finale ist es natürlich besonders ärgerlich.

 

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