FAHREN Jungvater gut im Rennen, Deutsche nicht glücklich mit Dressurbewertung

Frauenpower bei den Fahrern im Hippodrome. Vier Fahrerinnen im Feld der
46 Starter machen den Männern Konkurrenz und beweisen, dass Fahrsport
durchaus keine Männersache mehr ist. Vorbei die Zeiten, in denen „Männer
mit Händen wie Bratpfannen“ (Zitat FAZ bei den Weltreiterspielen 2006
in Aachen) vier statiöse Karossiers durch die Hindernisse lenkten.

In der Normandie greifen Misdee Wrigley-Miller, Alison Stroud (beide USA), Ana-Christina Guerreiro (POR) und Georgina Hunt (GBR) in die Entscheidung ein. Nicht nur die Klientel der Fahrer hat sich geändert, die Pferde sind moderner, leichter geworden. Begehrt sind heute im mittleren Rahmen stehende, elegante Pferde, die leichtfüßig die oft technisch gebauten Hindernissen bewältigen. Wichtiger als je zuvor ist die Qualität der Pferde auf dem Dressurviereck. Ähnlich wie in der Vielseitigkeit ist es ganz schwer, nach einem mäßigen Dressurergebnis im Gelände und im Kegelfahren in die vorderen Ränge zu fahren. Mit einer exzellenten Dressurvorstellung begeisterte der Titelverteidiger Boyd Exell.
Der Australier hat ein neues Gespann zusammengestellt. Rambo, bisher ein Vorderpferd, geht nun als Stangenpferd neben Capone, vorn strahlt der erst siebenjährige Curios. Der bunte schwarzbraune KWPN- Wallach sollte Drive bringen, hatte Exell im Vorfeld gesagt, der Plan ging auf. „Ich musste nicht treiben, ich musste nicht halten, einfach nur stillsitzen und die Pferde ihren Job machen lassen“, kommentierte er seine Vorstellung, mit 35,51 Punkten setzte er sich zunächst an die Spitze.

Theo Timmermann hat zwei Holsteiner, einen Hannoveraner und ein KWPN- Pferd eingespannt, allesamt ausgestattet mit überragendem Bewegungspotential. Das konnte der Niederländer auf dem Dressurviereck abrufen. 37,28 Punkte standen zu Protokoll für die überaus schwungvolle Vorstellung. Der Beste unter den Guten war dabei Mister, sein linkes Vorderpferd, nach dessen Kauf Timmermann sich die Frage gefallen lassen musste, ob der braune Wallach nicht zu schade für die Kutsche sei, weil er sicher auch ein tolles Dressurpferd ist. Mister ist übrigens ein Sohn des Capone, der in Boyd Exells Gespann eine feste Bank ist. Leider hat man Capones Qualität als Vererber unterschätzt, er ist seit Langem Wallach.

Die deutschen Fahrer waren mit allerbesten Vorsätzen in die Normandie gekommen, bisher ist das Ergebnis ihrer Dressurvorstellungen eher ernüchternd. Am Donnerstag bekam Christoph Sandmann für seine Vorstellung lediglich 47,13 Punkte, auch Georg von Stein, der als zweiter deutscher Fahrer am Freitag an den Start ging, war alles andere als glücklich mit seinem Ergebnis (50,91). Meine Pferde haben sich von der Kulisse beeindrucken lassen, besonders von dem großen Bildschirm. Draußen war sie noch ganz losgelassen, im Stadion wurden die Stangenpferde dann kribbelig. Taktfehler im Schritt drückten die Note am meisten, mit 50,91 konnte der deutsche Teamfahrer nicht zufrieden sein.

Das Highlight auf dem Viereck war die Vorstellung von Chester Weber. Der Vize-Weltmeister von 2010 stellte seine vier KWPN- Pferde in bestechender Form vor, meine Pferde konnten eigentlich nichts besser machen, sie haben alles gegeben. Ich fühlte mich wie auf Wolken, strahlte er. Der US- Amerikaner ist ohnehin in Hochstimmung: Am 17. September erst ist Sohn Douglas geboren. Eine Woche war der junge Vater bei seiner Familie, Michael Freund trainierte derweil seine Pferde. Offensichtlich hat der Trainer alles richtig gemacht, mit 32,21 Punkten hat Weber ein deutliches Zeichen gesetzt in Richtung Titelgewinn.

Als letzter deutscher Fahrer ging Michael Brauchle an den Start. Die Dressur ist nicht gerade seine Stärke, an diesem späten Nachmittag im Hippodrome fuhr der Sportsoldat aus Lauchheim jedoch eine seine besten Dressuren überhaupt. Bundestrainer Karl-Heinz Geiger, der in der Vorbereitung auf die Weltreiterspiele intensiv mit Brauchle gearbeitet hatte, war hoch zufrieden: „Die Arbeit hat sich gelohnt. Schade, dass die Pferde im Schritt etwas unkonzentriert waren. Die Lektionen hat Michi tadellos ausgeführt.“ Mit dem Richterurteil (50,85) haderte nicht nur Geiger, viele Zuschauer empfanden es ebenso als zu streng. Unmut erregte vor allem die große Differenz innerhalb der Richtergruppe, der französischen Richterin war die Vorstellung dreißig Punkte weniger wert als ihren Kollegen. So reichte es nur zum 10. Platz für Brauchle.

Platz fünf in der Nationenwertung nach der ersten Teilprüfung ist nicht gerade ein Traumergebnis für die deutschen Fahrer. Mit 97,98 Punkten liegen sie ganz knapp hinter den Australiern, 97,87. An dritter Stelle rangieren die Ungarn, 94,62, die USA mit 88,42 auf dem zweiten Platz. Mit riesigem Abstand führen die Niederländer, 79,40 als Ausgangslage. Drei ausgezeichnete Gelände- und Kegelfahrer im Team lassen sie die nächsten beiden Teilprüfungen sicher sehr entspannt angehen.

Gespannt sind alle auf den Marathon am Samstag. Unter großen Kosten hat der Veranstalter auf der Rennbahn einen bisher unvergleichlichen Geländekurs erstellt. Da das gesamte Gebiet unter Naturschutz steht, durfte kein einziger Pfahl in die Erde gerammt werden. Kleine Hügel wurden aufgeschüttet um wenigstens geringe Höhenunterschiede auf der naturgemäß völlig flachen Rennbahn zu simulieren. Die liebevoll gestalteten und ausgeschmückten Hindernisse sind technisch anspruchsvoll und schnell, da sind sich die Fahrer einig. Positiv wird sich auswirken, dass die Bodenverhältnisse für alle gleich sind, der Belag aus Asche wird sich nicht verändern, der Untergrund ist und bleibt fest. Ohne Stollen geht hier gar nichts. Der Amerikaner Richard Nicoll war schon bei den Weltreiterspielen 2010 für die Geländestrecke der Vierspänner verantwortlich, er ist auch hier der Parcoursaufbauer. Bedingungen wie in der Normandie hat er allerdings auch noch nie vorgefunden. Eben wie ein Tisch ist die Strecke, so finden die Fahrer es eigentlich nur in der Halle vor. „Ich habe sofort nach meinen Rädern für die Halle telefoniert“, erzählt Boyd Exell nach der ersten Besichtigung.