Herpes-Forscher: Warum die D-Variante gefährlicher ist, Professor Göhring klärt auf

Herpes-2021

(© www.st-georg.de)

Vom Herpesausbruch in Valencia kursieren Videos und Interviews. Dabei kommen Betroffene zu Wort, die vor Ort verzweifelt versuchen, Pferdeleben zu retten. Ausgewiesene Herpes-Experten haben sich bislang nicht geäußert. Wir haben einen der führenden Herpes-Forscher, den Münchener Professor Dr. Lutz Göhring, und den Arbeitskreis Pferd der Ständigen Impfkommission Veterinärmedizin, StIKo Vet, befragt. Fest steht: Es gibt bei EHV-1 eine ansteckendere Form, die D-Variante. Aber der Herpesvirus ist auch jenseits von Valencia in Deutschland aktiv. Antworten auf viele Fragen …

Professor Dr. Lutz Göhring, Vorstand der Klinik für Pferde an der Münchener Ludwig Maximilians Universität, hat sich in seiner Karriere intensiv mit dem Equinen Herpes Virus beschäftigt. Er kennt die Forschungslage, war selbst an vielen Studien beteiligt, nicht nur in Europa. Außerdem haben wir Kontakt zur Ständigen Impfkommission Veterinärmedizin StIKo Vet aufgenommen.

Wir wollten wissen:

  • Warum verläuft der Ausbruch in Valencia, der nun auch schon die Sunshine Tour und das Turnier in Doha betrifft, so verheerend, ist es die D-Variante? Kurz: Warum ist dieser EHV-1-Ausbruch so besonders schlimm?
  • Mutieren auch Equine Herpesviren?
  • Valencia: Wie war die Situation wirklich vor Ort?
  • Die N-Variante – in Deutschland aktiv
  • Was kann ich konkret bei Herpesgefahr tun? Übertragung, Vorsorge, Impfung
  • Gibt es Risikogruppen unter den Pferden?
  • Was würde eine Meldepflicht bringen?
  • Wäre eine Impflicht nicht sinnvoll?

Warum ist dieser EHV-1-Ausbruch so besonders schlimm?

EHV-1, also der Typ des Equinen Herpes Virus, der die neurologische Form nach sich ziehen kann, bei der Pferde nach hohem Fieber Lähmungserscheinungen haben und auch sterben können, tritt in zwei „Biotypen“ auf: die N- und die D-Variante. Professor Dr. Lutz Göhring ist der Vorstand der Klinik für Pferde an der Münchener Ludwig Maximilians Universität. Er forscht schon lange über Equine Herpes Viren. Er steht mit Tierärzten in Valencia im permanenten Austausch. „Die geschilderten klinischen Symptome lassen vermuten, dass es sich um die D-Variante in Valencia handelt“, erläutert der Mediziner. „Diese Variante ist nicht neu und ist in Archivproben bereits über mehrere Jahrzehnte nachgewiesen.“

Mutieren Equine Herpesviren?

Generell mutieren alle Lebewesen, das ist Teil der Evolution, die ja auf Entwicklung und nicht auf Stillstand aus ist. Für die Vermehrung von Erbinformationen sind sogenannte DNA-Polymerasen zuständig, man könnte sie auch als „Vervielfältigungs-Enzyme“ beschreiben. Die D-Variante gilt als robuster. „Sie produziert mehr Virus als die N-Variante. Da die D-Variante häufiger bei den neurologischen Fällen nachgewiesen wird, ist es wahrscheinlich, dass die Pferde in Valencia sich mit dieser Variante angesteckt haben“, so Professor Dr. Göhring. Noch liegen in Deutschland, Stand Freitag, 5. März 2021, keine Proben aus Valencia vor. Allerdings werden die ersten Proben bald erwartet, idealerweise noch vorm Wochenende. Eine Sequenzierung kann dann Aufschluss geben.

Auch die Stellungnahme der StIKo Vet geht, wenn auch vorsichtiger, in Richtung D-Variante. „Es ist richtig, dass anhand einer spezifischen Mutation an Position 752 der viralen DNA-Polymerase EHV-1 Stämme unterschieden werden, die offenbar bevorzugt die neurologische Form der Erkrankung auslösen. Es ist möglich, dass der jetzt aufgetretene Stamm diese Mutation aufweist. Es liegen uns bislang aber noch keine Sequenzinformationen vor. Insofern können wir diese Vermutungen derzeit nicht bestätigen.“

Valencia: Wie war die Situation wirklich vor Ort?

Laut Professor Dr. Göhring waren nach seinen Gesprächen in Valencia
– am Montag, 22. Februar, noch ca. 300 Pferde auf der Anlage
– am vergangenen Samstag, 27. Februar, waren es noch 150

80 davon zeigten Fieber oder Symptome. Ob alle Pferde geimpft waren, steht noch nicht fest. „Es sieht aber so aus, als sei das nicht bei allen der Fall gewesen, es ist ja keine Pflichtimpfung“, so der Leiter der Münchener Pferdeklinik.

Die StIKo Vet empfiehlt eine halbjährliche Impfung.

Umweltfaktoren spielen große Rolle

Auch wenn sich die Ansteckungen noch nicht zurückverfolgen lassen, scheint es so zu sein, dass ein „Ursprungspferd“ vor Ort seine Viruslast „hochgefahren“ habe, so Prof. Dr. Göhring. Gründe dafür kann es viele geben. Drei Faktoren sind maßgeblich an der Ansteckung und Ausbreitung von EHV beteiligt:

  • das Virus selbst
  • die Umweltbedingungen
  • Pferd als Wirtstier

Unter welchen Umständen hat das EHV „leichtes Spiel“?

Pferde, die Stress haben, jüngere oder auch deutlich ältere Pferde haben mitunter größere Probleme mit dem Virus umzugehen. Der Weg nach Valencia ist für viele Pferde lang, gerade die jüngeren kennen solch lange Strecken mitunter nicht. Das ist bereits ein Stressfaktor. Hinzukommt, dass Pferde auf Transporten erfahrungsgemäß deutlich weniger saufen als sie sollten, einige fast gar nicht. Auch das stresst den Organismus.

Zu den Umweltbedingungen zählen viele unterschiedliche Dinge. Das ist einmal das Wetter: Hohe Luftfeuchtigkeit und milde, aber nicht zu warme Temperaturen sind gute Voraussetzungen für das Virus. Frostkalte Nächte hingegen zerstören die Hülle des Virus, es ist dann nicht mehr infektiös – wenn es sich denn außerhalb des Pferdeorganismus befindet. Sonneneinstrahlung vernichtet das Virus. „Ich habe mit behandelnden Tierärzten in Valencia  und Barcelona gesprochen, die mir berichtet haben, dass die Pferde mit den schlimmsten neurologischen Erscheinungen in der Mitte der Stallzelte, also weit weg vom Ausgang und damit entfernt von Luftaustausch gestanden haben.“

Geimpfte Pferde, so die Erfahrung des Tiermediziners, würden Infektionen besser überstehen.

Die N-Variante – in Deutschland aktiv

Im Raum München gab es 2021 bereits einen gesicherten Ausbruch mit der N-Variante. Dabei hatten die Pferde über einen längeren Zeitraum hohes Fieber, es gab auch neurologische Ausfallerscheinungen, aber nicht in dem Ausmaß wie man von Valencia hört. In Bayern waren ca. 50 Pferde betroffen, um die 20 hatten hohes Fieber, „drei oder vier Pferde hatten auch neurologische Erscheinungen“. Gestorben ist hier keiner der Patienten.


Was kann ich konkret bei Herpesgefahr tun? Übertragung, Vorsorge, Impfung

Übertragen wird EHV über eine Tröpfcheninfektion. Diese Tröpfchen können, das haben Studien von Studierenden bei Professor Dr. Göhring gezeigt, bis zu 48 Stunden auf Stroh überleben. Steht das Pferd auf Spänen, ist die Überlebenszeit des Virus übrigens deutlich kürzer.

In Deutschland gibt es im Jahr zwischen 20 und 40 Herpesausbrüche, in den Niederlanden mit seiner kleineren Population sind es im Schnitt drei bis fünf,

… weiß Professor Dr. Göhring, der sich regelmäßig international zu dem Thema austauscht.

Erste Bürgerpflicht: Fiebermessen!

Die Fieberkurve ist ein wichtiges Indiz für eine Aktivität des Herpesvirus im Pferdekörper. Schon Temperaturen von 38,2 oder 38,3 Grad sollten aufhorchen lassen. Schnellt die Temperatur dann plötzlich hoch auf mehr als 40 Grad, ist das ein Anzeichen, dass die virämische Phase begonnen hat. Hier breitet sich Virus im Körper aus, und erreicht somit das Rückenmark. Was aber fast immer geschieht: Nach dem hohen Fieber setzen die neurologischen Ausfallerscheinungen ein. Das Virus hat sich über das Nervensystem verbreitet. Die Pferde sind unkoordiniert, können nicht mehr aufstehen, das Wasserlassen ist ihnen schwer bis unmöglich.


Der Ausbruch von Valencia ist der größte, der direkt mit einem Turnier und den damit verbundenen Transporten einhergeht. In Belgien hatte es einmal vereinzelte Fälle nach einem Drei-Tages-Turnier gegeben.

Gibt es Risikogruppen unter den Pferden?

„Warmblüter und auch Vollblüter oder Traber haben übrigens ein deutlich höheres Risiko an der neurologischen Form von EHV zu erkranken. Es scheinen auch die Fjordpferde zu dieser Gruppe zu gehören“, verweist Prof. Dr. Göring auf Studien. „Welshponys, Araber und Shetlandponys hingegen entwickeln die neurologische Form selten, obwohl sie infiziert wurden.“

Es heißt, in Valencia seien auffällig viele Stuten erkrankt. Die ersten Todesfälle traten nur bei weiblichen Pferden auf. Generell ist die Lage hier aber nicht geklärt. Es gäbe Studien, die Stuten als risikobehafteter sehen, neurologische Ausfälle zu entwickeln, es gäbe aber auch anders lautende Erfahrungen, so der Hochschulprofessor. Eines unterstreicht er mit Nachdruck: „Die Einschränkung der Kontakte, das Herunterfahren des Turniersports, ist in diesem Fall auf jeden Fall wichtig, zumal Pferde aus Valencia schon bis nach Doha und in andere Länder transportiert wurden und dann positiv getestet wurden.“

Was würde eine Meldepflicht bringen?

Viele Menschen fragen sich, ob eine Meldepflicht für Equines Herpesvirus nicht sinnvoll wäre. Die wenigsten wissen aber, was genau hinter dem Begriff steht. Die StIKo Vet klärt dazu auf: „Bezüglich der Meldepflicht gab es immer wieder Überlegungen, eine solche in Deutschland für EHV einzuführen. Allerdings dient die Meldepflicht nicht dazu, auf ein akutes Seuchengeschehen Einfluss zu nehmen. Der Sinn der Meldepflicht besteht ausschließlich darin, über längere Zeiträume (d.h. mehrere Jahre) einen zuverlässigen Überblick über die entsprechenden Fallzahlen zu erhalten.

Auch ist die Meldepflicht nicht mit veterinärhygienischen Sanktionsmöglichkeiten bewehrt, d.h. selbst wenn ein Ausbruch dem Veterinäramt gemeldet würde, bestünde rechtlich nicht die Möglichkeit, Pferde abzusondern oder gar zu entfernen.

Weil die Meldepflicht also eigentlich keinen Einfluss auf das Erkrankungsgeschehen hat, und weil die EHV-Infektion – abgesehen von Situationen, in denen die Erkrankung hohe mediale Aufmerksamkeit erfährt – in der Regel nicht im öffentlichen Interesse steht, hat sich der Gesetzgeber bislang dagegen entschieden, eine Meldepflicht einzuführen.“

Der Gesetzgeber kann erst einschreiten, wenn nicht eine Melde-, sondern eine Anzeigepflicht besteht. Das gilt für Tierseuchen wie Rotz, oder – vielen noch im schlimmer Erinnerung – der Equinen Infektiösen Anämie, die einen ganzen Sommer viele Betriebe lahm gelegt hat.

Wäre eine Impflicht nicht sinnvoll?

Alle sechs Monate impfen – das verhindert zwar nicht den Ausbruch von Herpes. Das Pferd ist auch nicht „immun“, es scheidet aber keinen Erreger mehr aus, steckt also keine weiteren Pferde an. Empfohlen wird die die Impfung gegen EHV seit vielen Jahren von der StIKo Vet als sogenannte Core-Impfung – aus Sicht der Wissenschaftler ein, wenn auch freiwilliges, Muss für Pferdehalter. Die StIKo Vet betont, das „jedes Pferd zu jeder Zeit einen ausreichenden Impfschutz gegen die Infektion aufweisen“ sollte.

Daraus die Forderung nach einer Impfpflicht abzuleiten, erscheint unrealistisch: „Eine gesetzlich festgeschriebene Impfpflicht wird gegen EHV politisch nicht durchsetzbar sein. Dies ist für privatrechtlich organisierte Verbände wie z. B. die Reiterliche Vereinigung einfacher. Im Bereich der Vollblutzucht gibt es bereits eine Impfpflicht gegen EHV. Überlegungen, eine solche Impfpflicht auch für Turnierpferde einzuführen, stehen im Einklang mit der Definition der EHV-Impfung als Core-Vakzinierung durch die StIKo Vet.“

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