Springreiter André Schröder wegen Gebrauchs tierquälerischer Gamaschen gesperrt

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Symbolbild (© Toffi)

Im Mai nahm der gebürtige deutsche Springreiter André Schröder, der international für die Ukraine reitet, an einem CSI in Samorin (SVK) teil. Dort fanden die Stewards spitze Gegenstände in den Hinterhandgamaschen seines Pferdes. Das hat nun Konsequenzen.

Bei der routinemäßigen Kontrolle des Beinschutzes stellte der zuständige Steward spitze Gegenstände an der Innenseite der Hinterhandgamaschen von André Schröders Pferd Allegro (13) fest. Der Chefsteward wurde gerufen und Schröder informiert, dass diese Gamaschen verboten seien. Der sagte laut Bericht des Stewards gegenüber der FEI, er habe die Gamaschen bereits so gekauft.

Der Chefsteward untersuchte die Gamaschen dann selbst und erklärte gegenüber der FEI: „Im Inneren der Gamaschen befanden sich eindeutig scharfe Gegenstände. Wenn ich mit meinem Finger leicht dagegen gedrückt habe, verursachte das Schmerzen in meinem Finger.“

Der Reiter habe dann laut Steward vor Ort erklärt, es handele sich um ganz normale Hinterhandgamaschen, die er schon auf vielen vorherigen Turnieren benutzt habe. Es handele sich um die Art, die für junge Pferde zulässig sei. Der Steward klärte ihn daraufhin auf, dass laut FEI-Reglement keine Gegenstände in den Gamaschen sein dürften und dass die fraglichen Gamaschen somit einen Regelbruch darstellen.

Schröder befestigte andere Gamaschen an seinem Pferd und begann, abzureiten. Der Chefsteward nahm die fraglichen Gamaschen an sich und zeigte sie dem Chefrichter. Der bestätigte, dass die Gamaschen Löcher an den Innenseiten haben und dass in diesen Löchern scharfe Stacheln steckten. Es wurde entschieden, Schröder mit einer Gelben Karte wegen „Abuse of Horse“, also Misshandlung eines Pferdes, zu sanktionieren.

Auf dem Rückweg zur Gamaschenkontrolle begegneten sich Chefsteward und Schröder. Der Chefsteward händigt Schröders Pfleger die Gamaschen aus. Bei der Gelegenheit habe Schröder gesagt, das seien gar nicht seine. Er habe sie auf dem Weg zum Abreiteplatz auf der Rennbahn gefunden und benutzt, um sein Pferd zu schützen.

Bei der Gamaschenkontrolle nach Schröders Ritt, wurden sowohl die Utensilien als auch Apollo noch einmal gründlich untersucht. Der Wallach habe keine sichtbaren Zeichen von Misshandlung gehabt und sei auch nicht außergewöhnlich empfindlich gewesen.

Der FEI waren Fotos von den Gamaschen zugeschickt worden, die die Aussagen der Zeugen stützen. Darauf seien elf Löcher mit scharfen Gegenständen zu erkennen, die bei der angelegten Gamasche vorne auf dem Röhrbein sitzen und im Falle eines Anschlagens an eine Stange „exzessiven Schmerz und Unwohlsein“ verursachen würden.

Statement Schröder

Schröder erklärte zu seiner Verteidigung, er habe beim Aufsteigen gemerkt, dass die Gamaschen fehlten. Er habe sich daraufhin bei seinen Pflegern beschwert und sie „lautstark aufgefordert“, die Gamaschen anzulegen. Er habe diese nicht gesehen und auch nicht selbst befestigt. Überhaupt habe er diese Gamaschen noch nie gesehen. Als der Chefsteward ihm mitteilte, dass er eine Gelbe Karte erhalten habe, habe der die Sache damit als erledigt betrachtet.

Statement FEI

Die FEI erklärte daraufhin, als Reiter sei Schröder die „Person Responsible“ (PR), also die verantwortliche Person. Der Gebrauch dieser Gamaschen habe gegen mehrere FEI Regeln verstoßen. Die Angelegenheit erfülle den Tatbestand der Misshandlung eines Pferdes im Sinne des FEI-Regelwerks, das unter anderem auch den Gebrauch „jedweder Gegenstände oder Ausrüstungen“ verbietet, „die dem Pferd exzessive Schmerzen bereiten, wenn sie einen Hindernisfehler machen“. Als „exzessiver Schmerz“ wird hierbei alles verstanden, was über das Gefühl hinausgeht, das das Pferd normalerweise beim Anschlagen einer Stange verspürt.

Die Positionierung der spitzen Gegenstände innerhalb der Gamaschen sei kein Zufall, sondern bewusst so gewählt, dass sie dem Pferd Schmerzen bereitet, wenn es eine Stange berührt.

Von Seiten eines FEI-Tierarztes hieß es, die Knochenhaut des Pferdes an den Gliedmaßen sei besonders empfindlich, weil es hier keinerlei schützendes Gewebe gibt. Druck in diesem Bereich könne die Knochenhaut reizen, eine Entzündung und akute Schmerzen verursachen.

Der Tierarzt bestätigte auch die Einschätzung der FEI, dass der einzige Grund für den Gebrauch dieser Gamaschen darin bestünde, Pferde dazu zu bringen abnormal zu springen.

Die FEI erklärte außerdem, die Tatsache, dass Schröder am Ende nicht mit den Gamaschen geritten ist, ändere nichts daran, dass er sich der Misshandlung des Pferdes schuldig gemacht habe. Dafür reiche schon die Absicht aus. Zudem könne auch nicht ausgeschlossen werden, dass die Gamaschen schon Schmerzen bereitet haben, ohne dass das Pferd damit gesprungen wäre.

Darüber hinaus sei die Erklärung, der Reiter habe die Gamaschen nie gesehen, nicht überzeugend. Umso weniger, da beide Stewards erklärten, seine erste Reaktion sei eine Erklärung gewesen, dass die Gamaschen in Ordnung seien, er habe schon an vielen Turnieren damit teilgenommen. Er habe ja sogar erzählt, wo er sie gekauft habe. Insofern sei seine Erklärung, er habe sie nie zuvor gesehen, falsch.

Auch sei der Reiter weder schockiert noch überrascht gewesen, ob des Fundes der Stewards. Und dann habe er ja auch noch erzählt, er habe die Gamaschen auf der Rennbahn gefunden, was wiederum seiner Erklärung widerspricht, die Pfleger hätten die Gamaschen angelegt und er habe sie nie zuvor gesehen.

Zudem habe André Schröder nach seinem Ritt, in dem er keinen Spring-, nur einen Zeitfehler hatte, dem Steward erklärt, er habe die Gamaschen „nicht gebraucht“, weil das Pferd „gut sprang“. Damit habe er indirekt zugegeben, dass er genau wusste, wozu die Gamaschen gut sein sollen. Zudem hätte das Pferd die Gamaschen demnach „gebraucht“, wenn es schlecht gesprungen wäre, also einen Hindernisfehler gehabt hätte. Darüber hinaus habe er anfangs ja selbst gesagt, er habe die Gamaschen bei vielen vorangegangenen Turnieren benutzt. Dies mache den Verstoß umso schwerwiegender.

Konsequenzen

Die FEI hatte das Schiedsgericht aufgefordert, eine mindestens zweijährige Sperre gegen Schröder zu verhängen sowie eine Geldstrafe von wenigstens 5000 Schweizer Franken. Letztendlich wurde Schröder vom FEI-Tribunal für ein Jahr gesperrt. Dabei sei berücksichtigt worden, dass er noch nie zuvor aufgefallen ist und dass man nicht sicher sagen könne, wie häufig er die Gamaschen zuvor bereits eingesetzt hat.

Gleichzeitig erhielten aber auch die Veranstalter eine Rüge, die vor Ort angemessenere Maßnahmen hätten treffen sollen, beispielsweise die sofortige Disqualifikation der Ergebnisse vor Ort – etwas, was nun im Nachhinein geschehen ist. Aber in Anbetracht des Ausmaßes der Misshandlung und um abzuschrecken sollten solche Maßnahmen möglichst direkt von den Offiziellen vor Ort in Einklang mit den FEI-Bestimmungen vorgenommen werden.

Die von der FEI vorgeschlagene Geldstrafe von 5000 Schweizer Franken erachtete das Tribunal als angemessen. Zudem muss Schröder die Prozesskosten in Höhe von 2000 Schweizer Franken zahlen.

Schröders Sperre gilt ab dem Tag der Entscheidung. Das war der 29. September 2021. Während dieser Zeit darf er an keinen internationalen oder nationalen Turnieren teilnehmen. Und zwar egal, in welcher Funktion, ob als Reiter, Trainer etc. Lediglich als Zuschauer darf er vor Ort sein.

Schröder hat 21 Tage ab Mitteilung der FEI-Entscheidung Zeit, Widerspruch vor dem Internationalen Sportgerichtshof (CAS) einzulegen.

Den vollständigen Bericht der FEI finden Sie hier.

Über André Schröder

André Schröder (32) gewann 2007 Mannschaftsgold und Einzelsilber bei den Europameisterschaften der Junioren im Sattel von Ontario. Damals noch für Deutschland. 2013 begann Schröder zunächst für Aserbaidschan zu reiten. Seit 2016 steht das UKR wie Ukraine auf internationalen Turnieren hinter seinem Namen.

  1. Sylvia

    Was für ein Schwachsinn wieder einmal…. Schon wegen der Krückerei sollte Schröder eine lebenslange Strafe und Sanktionierung bekommen. Tierquälerei scheint jawohl nicht auszureichen. Wie verharmlosend kann man agieren, FEI? Das reicht zur Abschreckung einfach nicht aus!

  2. Doris

    Wieder einmal ein Beispiel dafür, wie skrupellos so mancher agiert, wenn es um Geld u. Anerkennung geht. Es liegt an den Offiziellen, sich nicht vera….. zu lassen und mit harten Strafen, nein – viel härteren Strafen – zu sanktionieren. Konsequenzen sollte es darüber hinaus für den jeweiligen Trainer u. Pferdebesitzer geben, denn nur dann werden auch diese derartiges Verhalten unterbinden. Im Übrigen plädiere ich dafür, auch unangemeldete Trainingskontrollen im Heimatstall durchzuführen. Doping und Tierquälerei… beides ein NoGo. Ich fürchte nur, der FEI fehlt der Mut oder der WILLE!

  3. Andreas

    Habe diesen Herr vor einigen Wochen bei einem Turnier gesehen und fand seine Reitweise sehr unsympathisch… Scheinbar war das kein Vorurteil.
    Leider fällt die Strafe der FEI wieder mal viel zu gering aus.
    Solche Leute sind eine Gefahr für den Reitsport.

  4. Marlis Lange

    Und dann noch diese blöden Lügen! Erinnert mich an den Fall Kocher, der die Kabel seiner Elektrosporen mit “ Clickertraining” erklärte.
    Herr Schroeder und Herr Kocher: heiße Anwärter für die Hall of Shame

  5. Andi

    Tierquälerei: Ausgerechnet nur bei diesem Turnier quasi versehentlich begangen. Scheint wenig glaubhaft. Wir reden hier von Vorsatz, und das systematisch. Es liegt nahe, dass solche Gamaschen gerade beim Training verwendet wurden, aber Kontrollen: Natürlich Fehlanzeige. Ein Jahr Sperre? Klingt nach zu wenig.

    Aber wenn der Tierarzt keine „außergewöhnliche Empfindlichkeit“ des Pferdes feststellt, dann reicht es scheinbar schon für eine milde Sanktionierung, egal, wie brutal die Methode hätte einwirken können.

    Ich bin von der Abschreckungswirkung solcher Urteile zum Schutz der Pferde nicht überzeugt.

    Zumal es offenbar keine realisierbaren Möglichkeiten gibt, solche systematisch begangenen Trainingsmisshandlungen aufzudecken.

  6. Claudia R.

    Eine Never-Ending-Story. Traurig. Mir fallen spontan 3 internationale Springreiter ein, die dies in der Vergangenheit ebenfalls gemacht haben (einer hat sich mit Sponsorengeldern frei- bzw. wieder eingekauft) und heute wieder unbehelligt Preise einheimsen.

  7. ursula machner

    ja. es gibt in der tat so einige springreiter, die schon jahrelang im ganz großen sport mitmischen und deren pferden es meistens auf wundersame weise gelingt, einen parcours fehlerfrei zu beenden!? da fragt man sich schon, wie das möglich ist, wo doch andere, auch weltmeister und olympiasieger, immer wieder mal abwürfe haben. das ist normal. bei manchen reitern offenbar nicht. da würde man beim training zuhause gerne mal mäuschen spielen….

  8. Melina

    Ich frage mich persönlich ja auch, wer, vor allem als Profi, Gamaschen irgendwo liegen sieht und sich denkt „Oh ja, *die* nehme ich jetzt für mein teures Springpferd.“

    Ähm, sorry, das ist doch eine sehr dreiste Lüge.


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