Darmsanierung beim Pferd mit Pre- und Probiotika

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Nach einer Kolikoperation kann eine Darmsanierung beim Pferd sinnvoll sein. (© Fotolia)

Darmsanierung beim Pferd – wie Pre- und Probiotika den Pferdedarm z.B. nach einer Kolik wieder in Schwung bringen und was zusätzlich hilft.

Kleine Helfer, große Wirkung: Probiotika, also lebende Mikroorganismen, die den Darm günstig beeinflussen, sind dank Werbung in aller Munde – im wahrsten Sinne. Und dass sie auch dem Pferdedarm Gutes tun und bei der Darmsanierung beim Pferd helfen, ist nachgewiesen. „Man schreibt den probiotischen Mikroorganismen schon lange eine positive Wirkung im Darm zu. Aber heute weiß man noch genauer, dass zum Beispiel eine Interaktion zwischen den probiotischen Mikroorganismen und der Darmwand bestehen kann“, erklärt Prof. Gerhard Breves von der Tierärztlichen Hochschule Hannover.

Die Probiotika können die Barriereeigenschaften der Darmwand positiv beeinflussen und somit zur Darmsanierung beim Pferd beitragen: Nährstoffe gelangen besser hindurch, krankmachende Erreger können sich hingegen nicht mehr so leicht anheften und vermehren. Außerdem stimulieren probiotische Mikroorganismen die Immunantwort – ob dies immer gut ist oder auch nachteilige Effekte haben kann, wird noch untersucht.

Probiotika: Lebendhefe

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Eine Kur mit Lebendhefe kann helfen, den Darm zu unterstützen. (© www.slawik.com)

Damit ein Probiotikum für Pferde zugelassen werden kann, muss dessen Wirksamkeit und Unbedenklichkeit nachgewiesen werden. Und da gibt es in Deutschland nur ein Mittel: die Lebendhefe Saccharomyces cerevisiae. Sie steigert bei Pferden die Gesamtverdaulichkeit der Rohfaser. „Wenn ein Pferd aufgrund von Raufutteranschoppungen zu Verstopfungen neigt, halte ich es für sinnvoll, Saccharomyces cerevisiae zu füttern. Ebenso ist die Hefe hilfreich bei Stärkeüberfütterung und bei Durchfall“, rät Prof. Annette Zeyner von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Wie lang man dieses Probiotikum geben sollte, hängt ihrer Ansicht nach vom Erfolg der Behandlung ab. „Wenn sich die Darmflora wieder normalisiert hat, sollte man die Hefe wieder absetzen.“

Prof. Breves sieht das etwas anders. „Gemessen daran, was im Dickdarm an Mikroorganismen ankommt, ist es nur ein quantitativ kleiner Teil an der Gesamtflora. Manche Mikroorganismen können sich ansiedeln, andere nicht. Daher würde ich im Regelfall ein Probiotikum kontinuierlich verabreichen.“
Auf dem Futter wird der Gehalt der Lebendhefe nicht in Gramm angegeben, sondern in „koloniebildenden Einheiten“. Die EU verlangt, dass ein Mindestgehalt nicht unterschritten werden darf, damit auch tatsächlich eine Wirkung erreicht wird. Auf der anderen Seite darf der Gehalt aber auch nicht extrem hoch sein, sonst bilden sich zu viele Gase im Darm.

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Für manche Pferde bedeutet Reisen Stress – das schadet dem Darm. Ludger Beerbaums Pferde bekommen deswegen vorsorglich Lebendhefe. (© www.slawik.com)

Hersteller empfehlen meist eine Drei Wochen-Kur (z.B. nach einer Wurmkur) bzw. bei einem hartnäckigen Problem eine Drei Monats-Kur. Cornelia Fritz, die für die Fütterung der Sportpferde von Ludger Beerbaum verantworlich ist, berichtet aus ihrer Erfahrung: „Unsere Pferde bekommen nach jeder Wurmkur standardmäßig drei Wochen lang Lebendhefe gefüttert, um einer Störung des Darms entgegen­zuwirken. Auch auf langen Transporten geben wir vorbeugend Lebendhefe, weil wir nicht sicherstellen können, dass das Pferd genügend Raufutter frisst.“

 Das kann Lebendhefe

• Unterstützung der Verdauung im Dickdarm
• Barrierefunktion der Darmschleimhaut wird unterstützt
• Förderung der Darm­florabesiedelung, Abwehr von Krankheitserregern ➜ Stärkung des Immunsystems

 

Bäckerhefe ist keine Alternative!

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Backhefe ist in der Pferdefütterung keine Alternative zur Lebendhefe. (© Fotolia)

Der Griff zum handelsüblichen Hefewürfel oder zur Trocken­hefe ist keine Alternative, denn: Die darin enthaltenden Lebendhefen können sich vermehren und bilden dabei große Mengen an Kohlenstoffdioxid und Alkohol. Die möglichen Folgen: massive Blähungen und kolikartige Symptome.

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Prebiotika: Die Menge macht das Gift

Die richtige Menge ist bei den Prebiotika ein heikles Thema. Prebiotika sind komplexe Kohlenhydrate mit unterschiedlichen Strukturen, die eines gemeinsam haben: Sie können durch körpereigene Enzyme nicht abgebaut werden und dienen damit als Nahrung für Mikroorganismen im Darm.

Prebiotika können die günstigen Mikroorganismen beflügeln und stimulieren

erklärt Prof. Breves, wie diese zur Darmsanierung beim Pferd beitragen können. Es entstehen Abbauprodukte, die der Darm sehr gut aufnehmen kann und die im Energiestoffwechsel des Pferdes verwertet werden können.

Mögliche Nachteile

Klassischer Vertreter, und auch aus der Humanmedizin bekannt, ist das Prebiotikum Inulin. Es kommt unter anderen in Topinamburmehl vor, das als Futterzusatz erhältlich ist. Eine ganz aktuelle Studie von Maren Glatter, die an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg promoviert, zeigt aber: Inulin hat möglicherweise negative Auswirkungen auf den Magen. Von dem Topinamburmehl kommt nur noch wenig im Dickdarm an, ein Großteil wird von den Mikroben bereits im Magen und Dünndarm fermentiert. „Und das führt zu etwas, was wir nicht wollen: nämlich eine hohe Säurebildung im Magen“, erklärt Prof. Zeyner, die die Arbeit betreut.

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Wichtig beim Futter zur Darmsanierung: In welchem Verdauungsabschnitt wirkt es noch? (© Lucie Deinzer St.GEORG)

Andererseits entsteht bei diesem Vorgang Buttersäure, die wiederum im Dickdarm schützend auf die Schleimhaut wirkt. „Man kann die Auswirkungen der Säurebildung noch nicht ganz bewerten, deswegen sind weitere Studien angelaufen. Aber Topinamburmehl darf man trotz positivem Potenzials nicht unkritisch sehen.“
Warum das Füttern von prebiotischem Zusatzfutter bei der Darmsanierung beim Pferd nicht ganz so einfach ist, zeigt auch ein anderes Prebiotikum: das Fruktan, das als Speicherstoff in Pflanzen steckt. In großen Mengen kann es zu Hufrehe führen. Andererseits tragen geringe Mengen zu einer guten Darmflora bei.

Fazit der Wissenschaftler

Bei Prebiotika sind weitere Studien nötig, um mehr über deren Wirkung herauszufinden. „Wenn man sich aber an die praxisübliche Dosierung hält, ist kein Risiko zu erwarten. Höchstens wenn man es in hohen Dosen kontinuierlich verabreicht“, glaubt Prof. Breves. Berücksichtigt man, dass auch im natürlichen Futter wie Gras Prebiotika stecken, könnte man die Vermutung aufstellen, dass zu bestimmten Zeiten ein prebiotisches Zusatzfutter zu viel des Guten wäre. Zum Beispiel zur Anweidezeit, wenn Pferde plötzlich wieder viel Fruktan aufnehmen.

Bierhefe als Giftfänger

Mit einer prebiotischen Wirkung werden oftmals auch die Mannan-Oligosaccharide beworben. Das sind Zellwandbestandteile der Bierhefe, die es als Zusatzfutter zu kaufen gibt, und die als „Giftfänger“ dienen sollen: Sie gehen eine Verbindung mit schädlichen Keimen ein, lassen aber wertvolle Nährstoffe problemlos passieren. Außerdem wird ihnen nachgesagt, dass sie das Immunsystem stärken, indem sie die Bildung eines Biofilms auf der Darmschleimhaut fördern, so dass krankmachende Erreger diese Barriere nicht mehr so leicht durchbrechen können. „Laut Definition kann man allerdings nicht von einem Prebiotikum sprechen, da die spezifische Wirksamkeit beim Pferd noch nicht bewiesen ist“, so Prof. Zeyner.

Darmsanierung beim Pferd – Erfahrungen der Pferdeklinik

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Auch in Pferdekliniken greift man bei Verdauungsstörungen beim Pferd auf Bierhefe und Inulin zurück. (© www.slawik.com)

Dass Bierhefe dennoch positiv wirken kann, möchte Professor Zeyner nicht abstreiten, „aber Studien stehen dazu noch aus.“ In der Praxis berichten Tierärzte von guten Erfolgen mit Prebiotika – wie Dr. Albrecht Uhlig. Er ist ein Fan von Bierhefe und verabreicht in der Tierklinik in Leipzig Pferden mit Verdauungsstörungen wie z.B. freiem Kotwasser zweimal am Tag 100 bis 150 Gramm Bierhefe. Aber auch auf Inulin greift er zurück. „Vor allem bei einer längeren Antibiotika-Gabe, aber auch allgemein bei Verdauungsproblemen haben wir in der Klinik gute Erfahrungen mit Inulin gemacht: Es ist der Kraftstoff für gute Bakterien und drängt schädliche zurück.“ Zu schnelle Wunder darf man nach Ansicht des Tierarztes allerdings nicht erwarten: Drei bis vier Wochen kann es dauern, bis eine vernünftige Darmflora wiederhergestellt ist.

Von anderen Produkten gegen Verdauungsbeschwerden wie Kräutern ist Dr. Uhlig nicht überzeugt. Er setzt dann lieber auf die klassische Variante: Heu. „Man sollte Pferde naturnah ernähren und das ist Heu in guter Qualität und mindestens 1,5 beziehungsweise 1,8 Kilogramm pro 100 Kilogramm Lebendmasse. Unsere Kolikpatienten bekommen nach überstandener Krankheit handweise Heu angefüttert und später Heu zur freien Verfügung.“

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