Elastibänder zum Reiten auf dem Prüfstand

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Ein skeptischer Blick zu den Füßen: Was taugen die Elastibänder zum Reiten? St.GEORG hat sie getestet. (© www.toffi-images.de)

Mit elastischen Bändern, die man sich um Schultern und Arme oder um Hüfte und Beine wickelt, soll es dem Reiter leichter fallen, korrekt zu sitzen und damit auch effektiver einzuwirken. Ob die Elastibänder zum Reiten wirklich funktionieren, haben wir ausprobiert.

St.GEORG hat schon viele Experimente durchgeführt: sich auf Franklin-Bälle gesetzt, mit Bällen jongliert, Bänder bzw. Reitbommel an Sättel gebunden und vieles mehr. Der neueste Test im Hinblick auf die Frage „kann man Sitz und Einwirkung durch den Einsatz von Hilfsmitteln schneller verbessern als ohne Hilfsmittel?“ entführt uns im weitesten Sinn in  die Welt der Fitnessclubs. Mit elastischen Bändern sollen verschiedene Sitz- und Einwirkungsprobleme des Reiters schnell und wirkungsvoll gelöst werden. Fitnesstrainer und auch Physiotherapeuten empfehlen Bänder aller Art grundsätzlich als geeignete Hilfsmittel zur Steigerung allgemeiner Kraft, Ausdauer und Koordination, alles drei wichtige und notwendige Fähigkeiten, die ein Reiter ebenfalls haben muss. Zahlreiche Untersuchungen belegen auch, dass die Arbeit mit elastischen Bändern verschiedene Muskelgruppen anspricht, aktiviert und stärkt. Wir aber wollten genauer wissen: Was können Elastibänder zum Reiten wirklich für den Reiter und seine Einwirkung leisten – und wo sind die Grenzen?

Die Elastibänder richtig anbringen

Bevor es losgeht, muss das Elastiband noch richtig am Reiterkörper angebracht werden. Zunächst sollte man sich entscheiden, ob man es am Ober- oder Unterkörper nutzt. Wir zeigen beide Wickeltechniken:

Obenherum

Untenherum

Elastibänder um den Oberkörper

Mit dem Elastiband soll es für den Reiter leichter werden, aufrecht zu sitzen, in Wendungen soll es einfacher sein, den Bewegungen des Pferdes zu folgen. Zwei Testreiterinnen haben die Probe aufs Exempel gemacht. 

Stina und ihrem neunjährigen Wallach Just Pleasure gelingt vieles schon recht gut, doch das Reiten von Wendungen wird zum Problem, besonders wenn es enger wird wie z.B. in Volten. Just Pleasure lässt sich nicht gut nach innen stellen und folgt der Linie auch nicht mit gebogenem Körper. Mit den Elastibändern, um den Oberkörper gewickelt, soll Stinas Gefühl für das Eingehen in die Bewegungen des Pferdes wieder „geweckt“ werden. „Aus der Physiotherapie weiß man, dass die Arbeit mit elastischen Bändern und dem Widerstand, den sie bieten, die Muskulatur anregt“, weiß Dr. Julia Schmidt, die am UKE Hamburg Spezialsprechstunden für Reiter anbietet. Immerhin, das Elastiband für Reiter bietet einen Widerstand von 10 Kilogramm, das ist sportlich! Stina fühlt sich erst etwas eingeengt. „Man will sich dagegen stemmen.“

Anfangs sollte man maximal 15 Minuten mit den Bändern arbeiten, zweimal pro Woche, damit die Muskulatur die neuen Reize verarbeiten kann. Stina fällt es mit den Bänden leichter, sich in Bewegungsrichtung zu drehen. Ein Ziel für die weitere Arbeit: diese Bewegung auch ohne Unterstützung der Bänder auszuführen. „Das muss immer das Ziel sein, egal mit welchem Hilfsmittel man arbeitet“, fordert Janine Weber, die mit den Elastibändern zum Reiten schon viel Erfahrung hat und ihre Schüler u.a. damit unterrichtet. „Am Ende sollen die Bänder neue Bewegungsreize liefern, aber das korrekte Einwirken muss der Reiter trotzdem noch selbst machen!“

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Schnell stellt sich die Wirkung der Elastibänder ein: Testreiterin Elke sitzt tiefer im Sattel und aufrechter mit mehr Körperspannung. (© www.toffi-images.de)

„Der Körper fühlt sich leichter an“

Testreiterin Elke möchte auf ihrem 15-jährigen Wallach Räuber an einer ausdrucksvolleren Vorstellung arbeiten. „Er ist gut vor den Hilfen, aber ich wünschte mir, er ließe sich noch feiner führen“, beschreibt sie. Dazu müsste Elke mit mehr Körperspannung reiten und die Anlehnung noch verbessern. „Lehn‘ dich gegen das Bänderkreuz in deinem Rücken, das stabilisiert!“, rät Janine. Um mehr Beweglichkeit in die Arme zu bekommen und damit die Zügelführung zu verfeinern, soll Elke „aktiv am Band ziehen“ – der Arm geht vor. Für Elke war es toll zu fühlen, dass sie auch nach Ablegen der Bänder noch aktiv aufrechter sitzen konnte und sich mit der Hand beweglicher fühlte. „Mein ganzer Körper fühlt sich leichter an“, beschreibt sie.

Bänder um Hüfte und Beine

Man fühlt sich fest eingeschnürt und im ersten Moment fällt das Bewegen schwer. Doch mit einem Elastiband um Hüfte und Beine soll das gleichmäßige und rhythmische Treiben leichter fallen. Was sagen die Testreiter dazu?

Kim ist mit ihrem 13-jährigen Pony Hendrik echt erfolgreich: Siege gab es schon bis zur Klasse L. Doch je anspruchsvoller der Wechsel zwischen Versammlung und Verstärkung, desto schwerer fällt es Kim, in sich aufrecht auf dem Pferd sitzen zu bleiben und vor allem gleichmäßig zu treiben. Weil das nicht ganz gelingt, macht Hendrik auch nicht hundertprozentig mit: Er gleicht Kims Balanceprobleme damit aus, dass er zum breiten Fußen mit der Hinterhand tendiert.

„Hier wollen wir mit den Bändern eine Art Rahmen abstecken“, beschreibt Ausbilderin Janine Weber das Ziel des Trainings. „Wenn Kim einen definierten Bewegungs-Spielraum zur Verfügung hat, bleibt sie besser in der Balance.“ Mit sichtbaren Folgen: Wenn Kim eine Zeitlang, rund 15 Minuten, mit den Elastibändern reitet, wird ihr Treiben gleichmäßiger und der sich sonst leicht verdrehende Oberkörper bleibt stabiler. „Der Effekt hält noch nicht so lange, wenn ich die Bänder wieder abnehme“, bedauert Kim. „Aber ich habe schon einige Male damit gearbeitet und bin sicher, mein Körpergefühl ist dadurch schon besser geworden. Ich spüre früher, wenn ich schief werde.“

Bewegungsmuster, die sich im Reiter gefestigt haben, können eben nicht von heute auf morgen verändert werden, das braucht Zeit.

Das Pferd besser vor sich bekommen

Testreiterin Stina hat ebenfalls Probleme beim Treiben und wünscht sich, dass sie ihren Fuchs deutlicher „vor sich“ bekommt, er weniger auf die Vorhand kommt und mit den Hinterbeinen besser vorfußt. „Stina neigt dazu, beim Treiben ihren Absatz hochzuziehen, die Wade kommt nicht ans Pferd. Die aber soll den entscheidenden Impuls zum Treiben geben“, analysiert Janine Weber. „Es ist wichtig, dass die Adduktoren (Muskeln auf der Oberschenkelinnenseite) entspannt bleiben“, erklärt Physiotherapeutin Annick Bernhard-Michalski. „Die Bänder rahmen den Reiter ein und unterstützen so, dass sich die Adduktoren nicht zu stark anspannen.“ Nach einer Viertelstunde Reiten mit Bändern ist der Absatz beweglicher.

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Testreiterin Kim kann ihre treibenden Hilfen korrekter einsetzen. Zugleich unterstützen die Bänder einen aufrechten Sitz. (© www.toffi-images.de)

Das passiert mit den Reitmuskeln

Insgesamt können die Elastibänder die Wahrnehmung des korrekten Sitzes beim Reiter verbessern“, fasst die Orthopädin Dr. Julia Schmidt ihre Analyse zusammen. „Auch in anderen Sportarten legt der Trainer gerne mal Hand an, z.B. beim Ballett oder Turnen). Das geht beim Reiten nicht, weil der Trainer am Boden steht. Die Bänder fungieren damit sozusagen als verlängerter Arm des Reitlehrers und sprechen Muskelgruppen an, die bei vielen Menschen verkürzt oder wenig beansprucht sind.“

Zudem werden durch die Arbeit mit den Elastibändern „eingefahrene“ Bewegungsmuster, die sich der Reiter über die Monate oder Jahre angeeignet hat, einmal wachgerüttelt und durch die Zuhilfenahme der Bänder am Oberkörper oder an Hüfte und Beinen auf eine für den Reiter zunächst neue Weise abgerufen – und damit wiederum beteiligen sich für eine kurze Zeit mehr Muskeln an einem bestimmten Bewegungsablauf. Ein weiterer Pluspunkt: Durch die Übungen mit Bändern können verkürzte Muskeln gedehnt werden.

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